Schon 300 vor Christus schreibt der griechische Dichter Theokrit von einem gebackenen Honigkuchen, denn Honig war - neben Dörrobst - vom Altertum bis ins Mittelalter das Einzige, was man zum Süßen von Speisen hatte. 

Odenwälder Lebkuchenmodel

 

Im Odenwald gab es neben Honigkuchen auch Hutzelbrot, das ist ein Früchtebrot aus Dörrobst. Im 13. Jahrhundert buken (das klingt so viel kräftiger als backten...) Mönche aus Heilkräutern und -säften mit Honig ihre Lebkuchen.

Honig galt im Mittelalter als Schutzmittel vor Unheil und Dämonen, er ist seit der Zeit der alten Griechen eine Götterspeise: Himmelstau. Bei den Germanen fiel der Tau nicht vom Himmel, sondern von der Weltesche Yggdrasil - in jedem Fall war es Honig.

In jedem Bauernhaus gibt es noch alte Holzmodel für die Lebkuchen

Alte Holzmodel für Lebkuchen zeigen eine Frau, Darstellung der Frau Holle, einer mythischen Figur aus der vorchristlichen Zeit. Sie trägt z.B. drei Ähren oder einen Blütenzweig, manchmal auch eine Sichel. Es sind Fruchtbarkeitssymbole, so wie die Frau meist auch deutliche Brustansätze zeigt. Oft wurde auch das Zeichen des Herzes in Holzmodeln verwendet: ein Herz aus dem ein Lebensbaum wächst, oder ein Herz dessen Spitze unten sich in Spiralen aufspaltet, die den Sonnenlauf symbolisieren sollen. Der Weihnachtsstern und die Jakobsleiter sind beliebte Motive, Nikolaus und andere Soldaten hoch zu Roß (auch mit Reichsadler) oder das Christkind sind zu finden, auch viele Tier-, Pflanzen oder Früchtedarstellungen.

Da der Odenwald schon immer eine waldreiche Region war, gab es Holz für die Modelschnitzerei im Überfluß. Holz ließ sich leichter handhaben als der zerbrechliche Ton, aus dem die Model vorher waren. Man brauchte Holzmodel für die Lebkuchenbäckerei, für die Verzierung von Butterballen oder auch im Blaudruck für wunderschöne Stoffmuster und für Tapeten.

Ihre Seele erhielten die Model durch begnadete Holzschnitzer, die in den Wintertagen, wenn die Feldarbeit ruhte, zuhause am warmen Ofen saßen und neben Knöpfen und Holztierchen eben auch Model schnitzten. Jedoch: für ein wundervolles Model mit einem reichverzierten Herz bekam ein Schnitzer um 1900 25 Pfennige. Friedrich Maurer, Heimatforscher um 1914, erfaßte für den Odenwald etwa 4400 Modelformen aus Obsthölzern oder Ahorn oder Buche. Aber 1908 gab es nur noch einen einzigen Modelschnitzer, der in Reichelsheim wohnte.

Die Motive wurden sehr plastisch herausgearbeitet und sind heute begehrte Sammlerstücke.

Der Pate (Pedden) schenkte seinem Patensohn einen Reiter, die Patin (Got') ihrer Patentochter eine Puppe.

Der Lebkuchen mit seinen Heilkräutern - übrigens: jeder Lebkuchenbäcker hütet das Rezept wie seinen Augapfel! - sollte in der dunklen Jahreszeit Kraft und Schutz spenden. Im Gersprenztal sagte man früher:

Wem's nit gut is, wer's im Leib hot, der ißt en Lebbkuche, so werd's em bald besser."

Zimt, Anis, Imgwer, Fenchel, Nelken, Koriander, Kardamom - sie alle wirken sehr positiv auf eine gute Verdauung, denn sie regen die Verdauungssäfte an. Dadurch werden Speisen gut verdaulich und ihre Inhaltsstoffe kommen samt und sonders dem Organismus zugute.  (* Zum Thema Gewürze: Spicys in Hamburg!) Gebacken wurden Lebkuchen nicht zuhause im Ofen oder im Backhaus, sondern beim Bäcker, denn das war Meistersache.

Mandeln, Ritzungen und Sprüche aus Zuckerguß oder Stärkebrei ergänzten das fertige Lebkuchenkunstwerk.

"Liebchen nimm dies Herz von mir, es ist für dich gebacken.
Und gib mir einen Kuß dafür, laß mich nicht lange warten."

Oder

"Gott behüte uns vor teuerer Zeit, vor Maurer und vor Zimmerleut, vor Doktor und Barbiere, denn das sind böse Tiere".

Lebkuchenzentren in Deutschland

In Venedig gibt es die Lebkuchen oder Laibkuchen schon seit 1150, im´n Ulm seit 1296 und in Nürnberg seit 1395. Seit dem 17. Jahrhundert gibt es eine strenge Lebküchnerordnung, das Strecken des Teiges mit Pottasche war bei Strafe verboten. Hier hatte man ein ähnliches Reinheitsgebot wie beim Bier. Die Gesellen durften keinen Degen tragen, nicht in der Öffentlichkeit fluchen oder saufen und raufen, denn die Lebküchnermeister waren hochangesehene Leute. In Frankfurt waren die Lebkuchen 1358 angekommen, denn in diesem Jahr gründeten die Frankfurter ihre Lebzelterinnung.

Lebkuchen im Odenwald

Aber das erste Odenwälder Rezept für Lebkuchen stammt wohl aus Walldürn, wohin es Hugenotten aufgrund ihres mißliebigen Glaubens verschlagen hatte. Oder aber - und das klingt wahrscheinlicher: ein Vorfahre der Familie Delp aus Kirch-Beerfurth kam auf der Wanderschaft nach Straßburg und brachte von dort das Rezept mit. In Kirch-Beerfurth gibt es schon seit über 200 Jahren Lebkuchenbäckerei.

Eine sehr romantische Erklärung besagt, daß die Bäckergesellen auf ihrer Wanderschaft vom Lehrmeister das Rezept für Lebkuchen mit auf den Weg bekamen, sobald sie dessen würdig waren. Auf dem Nachhauseweg machten sie alle 30-50 Kilometer Rast. Und just in diesen Orten - immer in Etappen einer Tagesreise - siedelte sich Lebkuchenbäckerei an, denn der Geselle mußte ja vor seiner jeweiligen Geliebten etwas ganz Besonderes preisgeben, als Unterpfand seiner Liebe. Die Geliebten waren wohl schon damals klug: war auch der hübsche Bäckergeselle fort, so blieb doch das Lebkuchenrezept. Diese Geschichte aber entbehrt jeglicher historischer Belegbarkeit; doch wenn man sich die Landkarte anschaut, so könnte doch ein Gramm Wahrheit enthalten sein...

Jedenfalls verbreitete sich das Lebkuchenrezept aus Kirch-Beerfurth weiter in den Odenwald, vom Gersprenztal ins Mümlingtal und in die Seitentäler, es gab etwa 20 Lebkuchenbäckereien. 1870 stellte man in Kirch-Beerfurth tausend Zentner (50.000 Kilo oder 50 Tonnen) Lebkuchen her, in Pfaffen-Beerfurth immerhin 600 Zentner (30 Tonnen). Bewerkstelligen mußten dies sämtliche Familienmitglieder: man begann morgens früh um fünf Uhr und buk 15-18 Stunden lang.

Reich werden mit Lebkuchenbäckerei?

Aber reich werden konnte man mit der Lebkuchenbäckerei nicht - sieht man vom gesundheitlichen Reichtum einmal ab - denn vom Verkaufspreis eines Lebkuchens blieben nach Abzug der kostbaren Zutaten und der Betriebskosten 20 %. Aus Kirch-Beerfurth weiß man, daß anno 1900 herum drei Arbeitskräfte an einem Tag für 30 Mark Lebkuchen buken. Zog man die 24 Mark für die Kosten ab, blieben für jeden von ihnen ein Verdienst von zwei Mark (entspricht heutzutage einem Euro, läßt sich aber aufgrund der damaligen Kaufkraft nicht direkt vergleichen).

Leichter wurde die Arbeit, wenn man eine Teigknetmaschine sein Eigen nannte. Schafften fünf Arbeiter in 15 Stunden ohne Maschine einen Zentner (es tut mir leid, der Zentner gehört in diese Geschichten wie das Klafter und das Simmer, ein Zentner sind 50 Kilogramm), konnten sieben Arbeiter mit Maschine zwei Zentner herstellen (nun müssen wir noch 2 ztr durch sieben mal fünf teilen, dann erhalten wir in diesem Fall als Ergebnis 71,4 Kilogramm, also knapp eineinhalb Zentner.

Wer brachte die gebackenen Lebkuchen in alle Welt?

Interessant ist auch der Verkauf der Lebkuchen: das übernahmen Hausierer, die Lebkuchenfrauen oder Hutzelweiber. Lesen Sie hierzu auch über Hausierer in Schannenbach, über Babette Streun, über Köhlers Bawweddsche oder was es früher zu essen gab...

Bei den fünf Lebkuchenbäckereien in Kirch-Beerfurth versorgten sich 350 Abnehmer, die über die Odenwalddörfer nach Heidelberg, Mannheim, Worms, Darmstdt, Mainz, Frankfurt, Limburg, Gießen zogen.

"So vier Woche ver de Weuhnachte is die Lebkuchefraa es erstemol kumme,
un do hot mer gewißt, jetz is es Christkinnsche unnerwegs.
Sie wor vun Braäischboch un hot e große Monne uf em Kopp gehatt
un mäistendaals noch zwäi Kerb, an jedem Orm an.
Ui wie gut hot des geroche, un wie häwwe die Lebkuche geglenzt!
Uf manche häwwe schäine Sprich un Versjen gstanne.
En klaane Lebkuche hot jed Kind kriggt.
Die Große sin im Klaarerschrank beim Weißzeig ufgehowwe worn
fer die Feierdag, fer Petter und Gode."

So der Odenwalddichter Fritz Krämer, Bauernlewe im Odenwald.