Das rotbraune Odenwälder Landvieh

Um 1900 gab es im Odenwald noch eine robuste Rinderrasse, wie Georg Volk berichtet: "Das rotbraune Odenwälder Landvieh ist eine kleine genügsame Rasse, ähnlich dem Vogelsberger und Spessartvieh, welche den Winter über das Hungern gelernt hat, im Sommer jedoch bei reichlicher Fütterung einen guten Milchertrag liefert, frischmelkend 14-16 Liter pro Tag. ... Das Vieh zeichnet sich aus durch Gesundheit, Widerstandsfähigkeit und Genügsamkeit. Durch unkontrollierte Einkreuzungen von Schweizer Braunvieh und Holländer Niederungsvieh seit 1860 ging die alte einheimische Rasse fast verloren, ohne daß eine neue, bessere an ihre Stelle trat. Besserung wurde erst geschaffen durch Einführung der Zwangskörung im Jahre 1890."

Die Ochsenmast in früheren Zeiten

Wie Philipp Buxbaum erzählt, war man früher der Überzeugung: "... dann des is ‘n ausgemoachti Sach’, daß ‘n Stick Rindvieh on de Mauerseit’ vollflahschiger wird. - Sell konn a’m jeder Metzger soage. In früherszeite hot ma nit vergewens die Stallinge niedrig und eng gebaut; die Oalte häwwe’s gonz gut gewißt, daß do d’s Vieh besser se mäschte is."

Muh! Interessantes über den Wert eines Rindes lesen Sie hier!

Die gute Festtags-Rinderbrühe

Für Feiertage kochte man eine kräftige Brühe aus Rindfleisch. Das mußte in der Metzgerei gekauft werden, denn in den Bauernfamilien hielten sich meist zur Fleischversorgung nur Schweine. Aus einem fetten Bauchstück und Markknochen entstand nach langem Köcheln eine Brühe, die schnittfest erkaltete. Oft wurde sie in Gläser gefüllt und sterilisiert.

Gutes Rindfleisch bekam und bekommt man seit 1906 in der Gasthaus-Metzgerei "Zum Grünen Baum" in Reichenbach.

Gasthaus Zum Grünen Baum: Uralte Ansichtskarte wieder aufgefunden

Früher hatte jedes Gasthaus eine eigene Ansichtskarte. Diese war die erste Reklame und wurde liebevoll gestaltet. Im Gasthaus zum Grünen Baum, einem der ältesten Gasthäuser im Lautertal und ist seit 1906 in Besitz der Familie Hechler, gab es auch so eine alte Ansichtskarte. Sie wurde gehütet wie ein Augapfel, aber eines Tages war sie weg. Schon glaubte man, sie sei für immer verloren, da stöberte ein Reichenbacher auf einem Flohmarkt und entdeckte die Karte. Jetzt hängt sie als Vergrößerung im Schankzimmer der Traditionsgaststätte mit ihrer wundervoll altmodischen Metzgerei, in der köstliche Hausmacher Spezialitäten für zuhause oder zum Speisen im Grünen Baum hergestellt werden.

Gasthaus Zum Grünen Baum in Reichenbach, damals noch mit Baum. Über verschiedene Erinnerungsstücke im Grünen Baum lesen Sie hier.

Wildfleisch auf dem Speisenplan: professionelle Wilddiebe besserten den Küchenzettel der sozial Schwachen auf...

Im 19. Jahrhundert holten Bauern und vor allem die durch zunehmende Industrialisierung verarmten Tagelöhner sich aus bitterer Not unrechtmäßig geschossenes Wild auf den Eßtisch. Diese Wilderer, auch als Wilbertsknapper, Freischütze oder „die Geschwärzten“ bezeichnet, waren sehr erfahrene Naturkenner, meist mit ebensoviel Hochachtung vor der Kreatur wie die Forstleute, denen die Hege oblag. Sie hatten einen strengen Verhaltens- und Ehrenkodex; ähnlich den Zinken des fahrenden Volkes verfügten sie über geheime Verständigungsmittel: Zeichen an Bäumen, bestimmte Sprachausdrücke, Geräusche usw. und natürlich ein weitverzweigtes gutfunktionierendes Kommunikationsnetz: die ganze Bevölkerung half beim Verbreiten gewisser Informationen. Wurde einer beim Wildern getötet, so sorgten die anderen für seine Familie mit.
 „Den Armen zur Nähr’,
Den Bauern zur Wehr’,
Den Schützen zur Ehr’,
Was braucht’s noch mehr?“
Der 'Nimrod' dagegen, der weidgerechte Jäger, hielt davon nicht viel:
„Was einem ein so verdammter Jagdschinder als Angrenzer ärgern kann, besonders wenn man es mit einem wildreichen Forst und mit bäuerlichen Wilddieben zu tun hat! ...Drei der reichsten Bauern hatten die Feldjagd der Gemeinde gepachtet und schonten bei dem schönen Rehstand im Herrschaftswald nicht Geiß und Kitz. Es war zum Erbarmen! Einer dieser Pächter war mein nächster Nachbar, so ein rechter Jackel, untersetzt, mit knickebeinigem Gang, und Brust und Bauch ins Großartige ausgebildet. Sein Geäse war so breit geraten, daß er sich beim Essen die gewichtigen Lauscher fettig machte. Der hahnebüchene, hartnäsige Kerl bestand aus grobem Zeug, und eine gute Portion Gewissenlosigkeit lieferte den Einschlag dazu. Man sah ihm in seiner fetten Behaglichkeit das üble Handwerk, das er trieb, nicht an....“                       (Philipp Buxbaum, "Wildhecken" 1906)
Kleinwild wie Dachse wurden mit dem Frettchen gewildert. Frett kommt von italienisch Furetto und heißt Dieblein. Ein Frettchen konnte bei guter Behandlung gezähmt werden und trieb seinem Herrn auf Befehl das Kleinwild aus dem Bau. Philipp Buxbaum berichtet von einem solchen Frettchen, das im warmen Dachsbau eingeschlafen war. Sein Herrchen mußte Stund um Stunde vor dem Bau warten, bis sein kostbares Jagdwerkzeug ausgeschlafen hatte und hervorgekrochen kam. Dann konnte er sich auf den Heimweg begeben. 

Wildkaninchen oder Sandhas, Rezept Ph. Buxbaum

Liegt der Nimrod auf der Lauer?

Rehgulasch

 

Schafhaltung

„Von alters her hatten die Grafen von Erbach das Recht, das Brachland der Gemeinden mit ihren Schafherden zu beweiden. Die Herrschaft in Schönberg unterhielt in Raidelbach und Schönberg Schafhöfe.“ Heinz Bormuth, Festschrift Lautern 1993.
Da die herrschaftlichen Schafe dabei jedoch recht viel Flurschaden anrichten konnten, waren sie den Bauern nicht so willkommen. Lange Zeit sorgte dies für Unstimmigkeiten, bis man schließlich Ende des 18. Jahrhunderts eine Möglichkeit fand, die Angelegenheit zu regeln: Gadernheim, Lautern und Raidelbach zahlten jährlich zusammen 200 Gulden Weidegeld für ‘unterbleibende Naturalbeweidung’ an die Standesherrschaft in Schönberg.

 

Der Kuralpewirt Olaf Bormuth mit seinen Schafen

Fröhliche Schafe auf der Kuralpe-Weide; über Schafhaltung im Odenwald und über den "bösen" Wolf lesen Sie wenn Sie ins Bild klicken.

Gibts kein Wild, gibts halt Fisch - oder nicht?

Wild war eine Speise der Reichen, die sich eine Jagd pachten konnten, oder für die ganz Armen, die aus Not oder durch das Verbotene gereizt, mit Schlingen und Netzen Hasen und Rehe erbeuteten.
Die Bachrechte gehörten den Fürsten, somit spielte der Fisch bei der Ernährung der Bauern keine Rolle. Nur wenn die Mühlgräben gereinigt wurden und die Bauern helfen mußten, war bei so manchem die Versuchung groß, eine Forelle mit nach Hause zu nehmen.
Somit hielt der Fisch eigentlich erst während des zweiten Weltkrieges Einzug in die Lautertaler Speisekarten. In Fässern mit Salzlaken konnte man Heringe in den kleinen Dorflädchen kaufen. Die Auswahl war jedoch nicht groß, bestand sie doch hauptsächlich aus Heringen. Heringe waren zugleich Tauschware: so zum Beispiel bei der Firma Tempel: gegen Pappe gab es als Gegenleistung Fässer mit Heringen, die wiederum gegen Maschinenteile eingetauscht wurden.

Tabu waren die Bewohner des nassen Elements...

Keine Watstiefel zum heimlichen Fischen, sondern Kutscherstiefel. Sie hielten die Füße des Kutschers auf dem Bock schön warm, man zog sie über die normalen Schuhe.
Freilichtmuseum Gottersdorf

Geheime Tricks zum Fangen von Krebsen und Forellen:

Ab September: ein totes Hinkel in einen Bund Heckenreisig gesteckt, mit einem Stein beschwert in einem krebsreichen Gewässer versenkt, ist am nächsten Tag voller Krebse.
Oben im Bach eine Reuse anbringen, und dann von unten mit einer Laterne den Bachlauf hinauf bis hinter die Reuse leuchten. Die Forellen folgen dem Licht in die Reuse. „Sou kriggscht de se in a’ner Stunn in ere gonze Bech - rattebutz  konnscht se weggfange!“ Rauhe Töne prägten das Verhältnis zwischen Jagdpächter und Wilderern:
„Behalte dein Leben und dein Gewehr!
Doch kommst du uns wieder in die Quer’,
So schonen wir Frau und Kinder nicht
Und blasen dir aus das Lebenslicht!“

Fischerei im Lautertal

Die Standesherrschaft verpachtete die Fischerei. Dabei bildete zum Beispiel die Strecke von der ‘Lettersbrücke’ (Lärreds) bei Gadernheim bis zur Brücke unterhalb von Reichenbach einen Fischereibezirk. Frühere Pächter waren: die Witwe von Bürgermeister Jakob Lampert Reichenbach und weitere Vertreter der Familie Lampert. Eine Weile hat das Kupferbergwerk die Fischereirechte, danach, seit Ende des letzten Jahrhunderts teilen sich die Rechte die Brauerei Justus Ulrich, später Hildebrand, aus Pfungstadt und Jakob Lampert. Auch 1906 noch ist die Brauerei Hildebrand Pfungstadt mit Gastwirt Lampert, Reichenbach eingetragen.
Philipp Bormuth berichtet in seiner Lauterner Chronik: „Mehrfach wird auch schon im 19. Jh über die Verschmutzung der Lauter geklagt. So gab es 1869 unterhalb von Reichenbach keine Forellen mehr, weil die Lauter durch die Abwässer des Kupferbergwerks verschmutzt war. Der Fischbestand mußte völlig erneuert werden. 1907 beklagten sich die Pächter über das Fischsterben durch die Abwässer der Steinschleifereien. Der zuständige Revierförster Kunkelmann vom Hohenstein berichtete: ‘Das Wasser, das in früheren Jahren klar und rein war, ist jetzt durch die Verunreinigungen trüb und grau und führt viel Schlamm mit sich fort."

Wenns kein Wild und keinen Fisch gibt - dann aber jetzt endlich: die Lauchelchen