Von bahnbrechender Mobilität zum Industriedenkmal innerhalb eines Jahrhunderts...

Für Industrieromantiker wie mich sind gerade die Bauwerke der Eisenbahn besonders interessant, gleich ob es hübsch restaurierte historische Gebäude und Anlagen sind oder malerische Ruinen. Die Einführung der Eisenbahn im 19. Jahrhundert brachte einen Quantensprung in der Technologie: Mensch und Transportgut wurde plötzlich mobil - zu bezahlbaren Preisen und zuverlässigen Bedingungen!

Himbächel-Viadukt bei Hetzbach, Foto T. Glaser

 
Plan für die Strecke Bensheim-Lindenfels Die versunkene Lok im Rhein   Eine ganz kurze Geschichte der Technologie...  
Plan der Strecke Ober-Ramstadt - Modautal - Lindenfels Das Waldhaus: ein lebendiges Museum 19. Jahrhundert: Eisenbahnkomitees allerorten
Wie die Fuhrleute über den Eisenbahnbau dachten Erhalt einer Strecke: Solardraisinenfahrt auf der Überwaldbahn Als der Tourismus im Odenwald blühte...
Flucht aus Syrien: 3000 Kilometer...  

 

War früher wirklich alles besser? Steampunk - die rückwärtsgewandte Utopie   Die Entwicklung der Eisenbahn war der Anstoß der ersten industriellen Revolution - und umgekehrt  
Altstraßen und historische Ansiedlungen   2000 Jahre Steinbearbeitung im Felsberg - die Neuzeit   Neuzeitliche Steinindustrie im Felsberg  
Louise von Ploennies, „Auf der Eisenbahn“ - ein Gedicht des Realismus? ICE-Neubaustrecke: Darmstadt und Hessen-Forst stellen gemeinsame Forderungen Ein Lautertaler Bauer in Paris...
Die Modelle von Peter Elbert demnächst hier: die Originalpläne der Lautertalbahn! Der Kirchenlampert und sein Bauch: aus dem Dibbezauber

 

 

Der geplante Bahnhof Gadernheim, als Modell von Peter Elbert realisiert

 

Transport mit Pferdegespannen und Fahrten mit der Postkutsche auf unbefestigten Straßen waren ungleich schwieriger und gefährlicher. Vierspännig mußte der Granit für das Reichtagsgebäude vom Granitsteinbruch Ober Scharbach auf die Kreidacher Höhe gebracht werden, von wo es zweispännig weiter zum Rhein ging. Damals waren die Straßen noch steil, denn für Zugpferde war es einfacher, ein steiles Stück zu schuften und dann Pause zu machen, als über längere Zeit gemäßigte Bergstrecken zu bewältigen.

Mit dem Bau lokaler Eisenbahnstrecken im Odenwald blühte die Wirtschaft auf, und die Pferde konnten sich erholen. Was die Fuhrleute um 1900 allerdings auf die Palme brachte: Jahrhundertelang verdienten sich die Odenwälder Bauern neben ihrer mühseligen Landwirtschaft durch Transportfahrten ein Zubrot. Den Eisenbahnbau an der Bergstraße und im Odenwald empfanden sie als äußerst schädlich fürs Geschäft, aber letztlich sorgte der Ausbruch des 1. Weltkrieges dafür, daß im Lautertal keine Eisenbahn gebaut wurde...

Eine weitere nie gebaute Eisenbahnstrecke war die Linie von Ober-Ramstadt nach Lindenfels. Bedenkt man, daß die Menschen im Odenwald nach Ober-Ramstadt oder  Bensheim mußten, wenn sie einen Arzt oder eine Apotheke brauchten (vor Ort gab es nur Heilgehilfen und Rasierer), sind dies fast unerreichbare Ziele.

Andernorts hatte man mehr Glück: Pfungstädter Industrielle, Wilhelm Büchner* (Ultramarinfabrik) und Justus  Hildebrand (Brauerei) betrieben den Bau der Pfungstadtbahn, einer „Secundärbahn“ der Rhein-Neckar-Bahn. Sie wurde am 20. Dezember 1886 angeschlossen und Pfungstadt zur Stadt erhoben.

Was bedeutet die Eisenbahn für den Odenwald?

Hätten wir 1914 im Lautertal die geplante Bahnstrecke bekommen, wäre der Verkehr auf der B 47 wesentlich entspannter. Der Odenwald dagegen hat seine Bahn, und sie wird stärker als je genutzt. Die Züge sind voll, und man denkt über Möglichkeiten zur Erweiterung nach. Horst Schnur, Landrat a.D. des Odenwaldkreises, erläuterte dies bei einem spannenden Vortrag im September in Michelstadt.
Übrigens war 1867 auch die Streckenführung über das Modautal im Gespräch, ebenso wie das Gersprenztal, beide wären dann mit der Lautertalbahn verbunden worden. Entschieden hat man sich jedoch für das Mümlingtal, 1882 wurde die Odenwaldbahn gebaut. Himbächel-Viadukt, Krehbergtunnel und viele weitere Bauwerke brachten Arbeit in den Odenwald und die ersten Gastarbeiter: Mineure aus Italien. Die Odenwaldbahn schuf nicht nur neue Arbeitsplätze, sie  sorgt seither für gute Pendler-Verbindungen in die Zentren. Am Bahnhof Schöllenbach war die Grubenholzverladung für das Ruhrgebiet, im Tausch von dort kam Kohle in den Odenwald. Der 3 km lange Krehbergtunnel bekam unter Verteidigungsminister Georg Leber in den 80er Jahren strategische Bedeutung: hier ließen sich  Munitionswaggons unterstellen. Die Munition war bei Vielbrunn gelagert und wurde in Michelstadt umverladen.