Es stand im Durchblick: Oktober 2012 - Heimatverein Brandau weiht Heimatmuseum ein

Die Gemeinde Modautal und der Heimatverein Brandau e.V. hatten zur Einweihung des Brandauer Heimatmuseums im August eingeladen, um die Sammlung bäuerlicher und handwerklicher Geräte, Kücheneinrichtung, Spielzeug, Webstuhl, Turmuhr etc. der Öffentlichkeit zu übergeben. Dazu gehörte auch das kleine Lancaster-Museum und die restaurierte gemeindliche Viehwaage, auf der nach der Eröffnungsrede von Modautals Bürgermeister Jörg Lautenschläger, bei der er neben Landrat Klaus Peter Schellhaas auch die Bundestagsabgeordnete Brigitte Zypries und Vertreter aus Politik, Handel und Gewerbe begrüßte, Bürgermeister und Landrat gewogen wurden.

Rainer Hubertus, Vorsitzender des Vereins, erläuterte in seiner Begrüßung die Beweggründe für die Einrichtung und den Werdegang des Museums: "Der Heimatverein feiert in diesem Jahr sein 35-jähriges Bestehen und dies war für uns ein Muß, unser kleines Museum einmal der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dieses Museum ist eigentlich kein richtiges Museum, sondern eine Sammlung, ein Magazin, ein Lager für die Utensilien vergangener Brandauer Tage. Uns war nämlich bewußt geworden, daß wir hier in Brandau das Ende einer Menschheitsepoche erleben, die über 10 000 Jahre gedauert hat"

Von den ersten Ackerbauern an entwickelte sich über diese lange Zeit die Landwirtschaft zu dem, was durch die Technisierung in kurzer Zeit unwiederbringlich sein Ende fand. Nur Wenige wissen noch, was ein Kaffdelaadersche, ein Schloggerfaß oder ein Reff ist. Im ehemaligen Faselstall, in dem früher die Vatertiere Bulle, Eber und Ziegenbock gehalten wurden, sollten nach den Vorstellungen des Vereins all die Dinge gesammelt, restauriert und gezeigt werden, die in einem ehemaligen Bauerndorf zum Alltag der Menschen gehörten. Und die Gegenstände, die Exponate aus den verschiedenen Höfen, sollten von ihren Eigentümern ohne Bezahlung überlassen werden. Dieses Ziel konnte realisiert werden, so wie unzählige Exponate kostenfrei zur Verfügung gestellt wurden, so gab es auch viele Materialien "vom Sperrmüll", mit denen die rührigen Vereinsmitglieder die Räumlichkeiten sehr liebevoll und kostenbewußt ausgestattet haben.

Wappen aus dem Museum Brandau

"Unsere Vorfahren waren durchweg intelligente Menschen, die ihre alltäglichen Probleme und Aufgaben mit viel Know-How und Grips zu bewältigen wußten, das zeigen viele ungewöhnliche Ausstellungsstücke. Wir haben viel dabei gelernt," so Rainer Hubertus.

 

Dreschflegel, in früheren Zeiten in der Landwirtschaft unbedingt erforderlich...        Mehlsack-Ausklopfmaschine

So hatte man sich das Ziel der Arbeit vorgestellt und so begann die Rüstige-Rentner-Riege Joachim Kannt, Hans Schellhaas, Willi Würtenberger und Rainer Hubertus im Jahre 2003 mit dem Ausräumen des  Faselstalles. Umbau, Ausbau und Säuberung, Mauer neuverfugen, Frontgiebel erneuern, Treppe einbauen, Gebälk streichen, Dach innen verkleiden, Fußboden fliesen, Fenster einbauen, ein Tor in die Wand brechen …. Da ein Großteil der Exponate bereits vorhanden war, mußten diese auf Paletten bewegt werden können, um Platz für die erforderlichen Arbeiten zu schaffen. Das Wichtigste, die alte Kirchenuhr, fand
einen würdigen Platz und die Einrichtung mit Vitrinen etc. wurde von Sponsoren und Spendern möglich gemacht.

  

Rainer Hubertus vor dem funktionierenden Uhrwerk, siehe ausführlicher Beitrag vom Juli 2018: online und im Sommerheft 2018
                                          Und natürlich muß auch jedes Museum sein Maskottchen haben!

   

Flugzeugteile vom Lancaster-Absturz

Nebenbei entstand ein weiteres kleines Museum, das an den Absturz eines britischen Flugzeuges im November 1943 erinnert. Durch die Ausgrabung unter der Leitung von Danny Keay, konnten freundschaftliche Kontakte zu den Verwandten der gestorbenen Soldaten in verschiedenen Ländern geknüpft werden. Ein Gedenkstein im Hochwald erinnert an die Geschehnisse im 2. Weltkrieg, als Brandau haarscharf einer Katastrophe entging.

Ganz nebenbei wurde die Gemeindewaage aus dem Jahre 1902 saniert und mit Hilfe von Fachleuten der ehemaligen Lieferfirma Karl Schenk wieder gebrauchsfähig gemacht. Und da ein zugehöriger Zaun  erforderlich war, wurde der eben auch geplant und dann angefertigt. „Wenn wir heute auf die Zeit unseres Arbeitseinsatzes in diesen beiden Häusern zurückblicken, war es eine schöne Zeit, eine fruchtbare Zeit und das Motto, Der Weg ist das Ziel hat uns geholfen, immer neue Probleme zu meistern und heute das vorläufige Ergebnis Ihnen zu präsentieren.“ so Hubertus.

   

Eisschrank aus Ernsthofen: in das Fach unter dem Deckel oben drauf wurde Eis gelegt, das im Winter vom Dorfteich gewonnen wurde und in Eiskellern bis weit in den Sommer hinein erhalten werden konnte.
Webstuhl von Familie Friedrich, Gadernheim, betriebsbereit  
Feuerspritze; das Thema Feuerwehr nimmt einen ganzen Raum im Faselstall ein

Ein Museum sei nie komplett und so werde wohl auch in den nächsten Jahren die Arbeit nicht ausgehen. Hubertus bedankte sich auch im Namen seiner Vereinsmitglieder, bei den Frauen, die jahrelang ganz  intensiv „unter unserer Arbeit haben leiden müssen, uns aber trotzdem unterstützt haben.“ Seinen Dank richtete er auch an Bürgermeister, Gemeindevorstand, Verwaltung und Bauhof, die dem Verein vertrauten und immer halfen, sowie allen, die das Vorhaben mit finanziellen Mitteln unterstützt haben oder das Museum mit Exponaten beschenkten: Firma Albert und Rudolf Müller, Firma Peter und Jürgen Roth, Karel Kolar und Christian Borck, Stefan Domek, die Sparkassenstiftung, Bernd Gronert, Otto Weber, Oswald Peter, Joachim Späth, Renate und Hans-Helmut Friedrich, Fritz Ehmke, Wolfgang Donath, Helga Scheichenost, Hans Roßmann, Barbara Walter, Hans Euler und Gattin, Danny Keay, das Technische Hilfswerk und die Ausgräber, die Freiwillige Feuerwehr und vielen weiteren Unterstützern.

Das Museum, das mit gangbar gemachten alten Uhren und einem funktionierenden Grammophon aufwartet, mit einem betriebsbereiten Webstuhl von Familie Friedrich aus Gadernheim und einer kompletten Küche von Familie Scheichenost aus Elmshausen, der zur Vollständigkeit nur noch ein alter Wasserhahn fehlt (wer noch einen hat...), mit einem Eisschrank aus Ernsthofen und mehreren historischen Feuerspritzen, kann auf Vereinbarung mit Rainer Hubertus unter Telefon 06254-1439 besichtigt werden. Besondere Rarität ist eine Mehlsackausklopfmaschine aus einer alten Bäckereieinrichtung, die jedoch nur in Verwahrung ist. In ganz Hessen gibt es nur noch eine weitere, jedoch nicht betriebsbereite. Der Heimatverein Brandaue e.V. hat sich in den vergangenen 35 Jahren intensiv für seinen Heimatort eingesetzt, beträchtliche finanzielle Hilfen bei kommunalen Einrichtungen geleistet und durch engagierte ehrenamtliche Mitarbeit wertvolle Beiträge geliefert. Daher betrachten die Mitglieder es als selbstverständlich, auch in Zukunft Wege zu finden, um das Hergebrachte zu bewahren, dem Neuen aber aufgeschlossen zu begegnen. (erha/mh)

Was ist ein Kaffdelaadersche? Und was ein Schloggerfaß?

Als Kaffdelaadersche wurde das Teil vorne am Erntewagen bezeichnet, das den Wiesbaum (wird auf die Ladung gelegt, siehe Foto unten) hält. Hinten befand sich eine Winde zum Seilspannen, das den Wiesbaum fest auf die Ladung drückt.

Das Schloggerfaß ist ein wassergefülltes Gefäß aus Horn oder Holz, das man am Gürtel trug und beim Mähen und Sensenschärfen den Wetzstein eintauchen konnte.

Der Faselstall bezeichnet den Stall für die Vatertiere, also Bulle, Eber und Ziegenbock.

Text und Fotos Marieta Hiller

Und hier geht es zum Durchblickheft Oktober 2012