Gadernheimer Grenzgang mit Georg Grohrock 2009

Grenzgänge können viel über Land und Leute zu Tage fördern, wenn man bereit ist mitzugehen und zuzuhören. Einer der freundlichen Grenzgang-Führer war Georg Grohrock. Bereits im Jahr 2000 hatte ich an einer Führung mit Georg Grohrock in die Neunkircher Höhe teilgenommen. Ein übersprudelnder Quell an Wissen wurde den Wanderern auch 2009 zuteil:

Foto: M. Hiller

Georg Grohrock in Aktion

Als der Dingeldeinshof vor vielen Jahrzehnten unter den Brüdern aufgeteilt wurde, gab es einen dritten, unverheirateten Bruder. Dieser erhielt nicht seinen Teil vom Hof und den Feldern, sondern die anderen beiden Brüder bauten ihm auf der Höhe nördlich von Gadernheim ein Häuschen. Dort wohnte der Dritte nun allein, aber er ging recht gern in eines der damals sechs Gadernheimer Gasthäuser. Und einmal, als er eigentlich nach Hause gehen sollte, meinte er “wozu soll ich heimgehen, hier ist es doch schöner als in der Schweiz!” - womit er die damals touristisch schon recht gut erschlossene Schweiz in den Alpen meinte.

Seine Mitbürger aber gaben damals der Straße, die zu seinem Häuschen führte, den Namen “Schweiz”, und den führt sie heute noch. Diese und andere Geschichten und historische Begebenheiten wußte Georg Grohrock zu berichten. Viel erzählte er über die Zeit vor 250 Jahren, als der Geometer Grimm eine detaillierte Karte der Gegend um Gadernheim zeichnete. Damals gab es wesentlich weniger Wald als heute, die Gegend bis zum Kaiserturm hinauf war früher Acker, erkennbar sind die Flächen daran, daß hier keine Steine liegen. Diese wurden am Rand der Äcker gesammelt.

Der Rauhestein etwa wird in der Grimm-Karte als “Irr” = Erde bezeichnet, was auf alten Ackerbau hinweist. Hier könnte also vom Ende des dreißigjährigen Krieges bis etwa 1740 Feldfrüchte, z.B. Haarekorn (= Buchweizen) angebaut worden sein. Der Name Rauhestein weist aber schon auf die Qualität der Erträge hin...

Auch die Straßen verliefen früher anders: der heutige Brandauer Weg stellt in seiner Fortsetzung Richtung Kriegsdenkmal westlich von Brandau die uralte Straßenverbindung zwischen Hutzelstraße und Weinweg dar, beides Uraltstraßen aus der Zeit schon vor den Römern. Damals führten die Straßen über die Höhenzüge, um morastige Stellen zu vermeiden. Die Dörfer aus jener Zeit reichten meist bis zu den jeweils höchsten Stellen ringsum, dort war die Grenze.

Da jedoch die Gadernheimer Gemarkungsgrenzen rundum über die Höhe hinausgehen, kann man annehmen, daß Gadernheim eine sehr alte Gründung ist. Grohrock leitet den Namen von Gadero = Gatter her, denn die Siedlung entstand seiner Meinung nach an der alten Straßenverbindung und war zur Straße hin durch Gatter versperrt, damit das Vieh nicht entlaufen konnte.

Der Weinweg verlief bis nach Aschaffenburg, zum Teil entlang des bereits im Lorscher Kodex beschriebenen Grenzverlaufs der Basinsheimer Mark. Über das Wegerecht z.B. auf der breiten Heide (“braad Haad”) gibt es Verträge, die 400 Jahre alt sind. Hier in der Nähe, im Wald “am Hinkelstein” soll alten Geschichten zufolge früher einmal ein Hünengrab gewesen sein. Doch seit fast einem Jahrhundert wurden hier Steine gebrochen, so daß mögliche Spuren nicht mehr auffindbar sind. Die ältesten Grenzsteine jedoch, die auffindbar sind, stammen aus dem Jahr 1739 und sind in Grimms Karten verzeichnet.

Im Forschd wie auf der Braad Haad wurden im Jahr 1920 / 21 vom Fürst bzw. Großherzog Ackerstücke für die Geißbauern angelegt, die sogenannten Löser. Daher hat in Lautern der Löserweg seinen Namen. Diese Löser konnten von den Geißbauern - die ärmsten Bauern nach den Kuh- und den Gailsbauern - bewirtschaftet werden.

Der Wald zwischen Lautern und Gadernheim (“de Forschd”) war früher fürstlich, erst Erbach-Schönbergisch, dann großherzoglich. Danach kam er zum Land Hessen. Auf Lauterner Seite, unterhalb der Lettersbrücke, gab es einmal die Anlage einer Mühle. Das Wehr für den Mühlbach war bereits angelegt. Doch die Schönberger Mühle klagte geben den Mühlenneubau, weil sie Einschränkungen der Wassermenge befürchtete, und so wurde dieser Bau niemals durchgeführt.

Die Nibelungenstraße - heute teilt sie unsere Gemeinde in Nord und Süd, war gar nicht die älteste und wichtigste Verbindung. Die Straße von Brandau ist genau fünf Jahre älter. Sie ist eine Provinzialstraße und führte von Roßdorf zum Gumper Kreuz. Fertiggestellt wurde sie 1843. Davor muß man sich Reisen von einem Ort in den anderen als ziemlich matschige und beschwerliche Angelegenheit vorstellen. Erst 1848 wurde die Straße nach Bensheim gebaut, die Bauplätze entlang der Straße wurden zum Teil verschenkt. (mh)