Die Altstraßen nach einer Zeichnung von Georg Grohrock und anderes Interessantes über Straßen

Ein geschichtsbegeisterter Wanderer ist Georg Grohrock, pensionierter Geometer aus Gadernheim. Er zeichnete mir in die topografische Karte Blatt 6218 Neunkirchen 1:25.000 (älteres Modell) den Verlauf einiger Altstraßen ein.

Die Hutzelstraße verläuft nordwestlich des Felsberges über Quattelbach, Kuralpe und Neutscher Hof nach Frankenhausen und weiter. Es gab eine Abzweigung nach Steigerts. Ihren Namen hat die Hutzelstraße daher, weil auf ihr früher die Bauersfrauen im Winter mit großen Körben voller Hutzeln zu den Märkten in Darmstadt, Dieburg oder Weinheim wanderte. Als Hutzeln wurde gedörrtes Obst bezeichnet, in früheren Zeiten eine der wenigen Möglichkeiten, die Fülle des Herbstes für den Winter zu konservieren...

Der Reiterweg zweigt an der Kuralpe von der Hutzelstraße ab in östlicher Richtung bis zu einem Punkt auf der Braad Haad (Dialekt für "breite Heide" bei Brandau) zwischen Beedenkirchen, Brandau, Lautern und Gadernheim, kreuzt dort den Weinweg und geht weiter Richtung Ost-Nord-Ost zur Altscheuer, einem keltischen Ringwall bei Lichtenberg.

Der Weinweg verläuft von Elmshausen bis Reichenbach Marktplatz auf der B 47, dort weiter über die L 3099 bis zu den Doppel-S-Kurven, biegt hier in Ost-Nord-Ost über den Schneeberg und Almen bis zur Kreuzung der Straße Beedenkirchen-Lautern und zur Braad Haad ab, knickt dort nach Süd-Süd-Ost ab, verläuft über den Hinkelstein östlich von Gadernheim bis zur Neunkircher Straße, verläuft auf ihr in Ost-Nord-Ost südlich vorbei am Rauhestein, Hühnerwald, Gehrenstein und Westergiebel (die vier Kuppen der Neunkircher Höhe, von Südwesten aus gesehen) bis zur Fahrstraße zum Kaiserturm, verläuft auf dieser bis zur großen Lichtung in südlicher Richtung, knickt an der Lichtung nach Osten ab zum Parkplatz Weinweg an der Straße Neunkirchen-Winterkasten, kreuzt diese und verläuft in nordöstlicher Richtung nördlich vorbei an der Germannshöhe oberhalb Laudenau, südlich des Rimdidim, Meßbach und Nonrod weiter Richtung Aschaffenburg.

Gadernheim liegt am Weinweg mitten zwischen den beiden Steilstrecken in der Graulbach (Reichenbach-Beedenkirchen) und der Neunkircher Höhe und ist evtl. nur aufgrund der Straße entstanden, wie Grohrock vermutet. Der Weinweg wurde auch hohe Straße genannt.

Die meisten Altstraßen verlaufen auf den Höhenrücken, da die Täler sumpfig und oft unpassierbar waren. Auch der Weinweg verläuft entlang der Wasserscheide über die Neunkirchener Höhe Richtung Rodenstein. Über das Wegerecht gibt es 300-400 Jahre alte Verträge (z.B. Braad Haad). Vom Weinweg ging und geht vom Brandauer Weg ein Feldweg mitten durch den Dingeldeinhof in Gadernheim.

Wenn hier von der Hohen Straße die Rede ist, ist jedoch nicht der Weinweg gemeint. Die Hohe Straße kommt von Schönberg her und verläuft  südlich des Hofgutes Hohenstein und dem Köppel in Ost-Nord-Ost nördlich von Breitenwiesen durch den Salztrog zum Schelmenacker, kreuzt dort die B47, läuft auf den Höhenweg zum Kapellenberg, wo sie nach Osten abknickt und den Paß zwischen Raupenstein und Neunkircher Höhe, die Schleich bis Winterkasten nutzt. Dort quert sie die Straße, umgeht südlich die Breite Irr in einer Kurve zum Vogelherd, quert die Straße in Laudenau in östlicher Richtung durch den Reichelsheimer Wald zum Richtplatz und weiter. Marieta Hiller, August 2016 - nach Informationen von Georg Grohrock aus dem Jahr 2000

Ohne Wasser keine Burg

Ein sehr spannendes Buch über die Versorgung der Höhenburgen und den Bau der Tiefbrunnen hat Axel W. Gleue2014 veröffentlicht. Im Mittelalter, als die Trutzburgen auf den Hügeln erbaut wurden, stellte sich das Problem der Wasserversorgung ebenso wie heute für moderne Gemeinden als eine der wichtigsten Aufgaben.

In den Dörfern konnte Wasser aus nahegelegenen Quellen geschöpft werden oder es gab einen Brunnen in der Ortsmitte. Auf die hochgelegenen Burgen konnte das benötigte Wasser nicht transportiert werden, dazu war die erforderliche Menge zu groß. Für Soldaten, Pferde, Rinder und Schweine sowie den Nutzgarten wurden zahllose Eimer Wasser benötigt. Die Maßeinheit 1 Eimer faßt ca. 50 Liter, was ausreichend war für 10 Mann Burgbesatzung oder für ein Pferd oder Rind oder 5 Schweine. Und sehr wichtig war auch die Bevorratung von Löschwasser. Deshalb war ein Tiefbrunnen meist unumgänglich. Dies wiederum war ein bergmännisches Unterfangen, für das viel Bauwissen erforderlich war. Am Beispiel einiger Burgen, darunter Breuberg, Otzberg, Windeck, Ronneburg und Lindenfels und mit vielen aufschlußreichen Zeichnungen präsentiert Gleue seine Ergebnisse.

Lesetipp: Axel W. Gleue, Ohne Wasser keine Burg, ISBN 978-3-7954-2746-7.

Wie Städte entstanden: immer der Straße nach

Zuerst gab es die Straßen, genutzt für militärische und wirtschaftliche Zwecke. Salz, Lebkuchen oder auch Stoffe wurden vom Erzeuger zum Kunden gebracht. In Abständen, die ein Pferdefuhrwerk gut an einem Tag zurücklegen konnte, entstanden Gasthäuser, auch Relais genannt. Dort wurden die Reisenden und die Pferde versorgt, es standen Ersatzpferde für den nächsten Tag bereit. Rund um Augsburg läßt sich diese Wegstrecke noch heute auf der Landkarte ablesen: in 30-40 km Abstand liegen „Fuggerstädte“.

Noch wesentlich älter ist der Salzhandel. Er ist belegt seit der Zeit der Römer. Für die Strecke Rom-Köln war man 67 Tage zu je 30-35km unterwegs, von Mansio zu Mansio, als Soldat zu Fuß in Sechserreihen. Reitende Boten schafften 150 km. Ein spektakulärer Fund war die Entdeckung der Römerstraße im Moor zwischen Lermoos und Ehrwald: sie war 7 Meter breit, schnurgerade durch das Moos.

Später konnte das Fuhrwesen die Strecke Augsburg-Venedig in 6 Wochen zurücklegen, ein feingeknüpftes Netz von Straßenstationen und verfügbaren Fuhrleuten entstand. Jeder durfte einen festen Abschnitt bedienen, so daß die Ware auf ihrem Weg durch die Hände unzähliger „Besitzer“ wanderte. In Österreich ersetzte Maria Theresia dieses Rodwesen (Rod = Straße, siehe engl. road, verwandt mit Rotte, der Straßenbaumannschaft) durch durchgängige Streckenzuständigkeit und Verantwortlichkeit.

Bis zur Einführung der Eisenbahn war das Straßenwesen ein wichtiger Handelsfaktor. Mit der Eisenbahn kam die erste industrielle Revolution, ein Schienennetz mit Bahnhöfen und Betriebswerken entstand, und vor allem eine einheitliche Zeitmessung. Dörfer mit Bahnhof blühten auf, das Fuhrmannswesen dagegen starb. Heute findet man interessante Utensilien wie Rehmschuh, Fuhrmannsstiefel oder Fuhrmannsglas in den Heimatmuseen.

Doch auch die Eisenbahn ist heute schon Geschichte: viele Strecken wurden stillgelegt, Bahnhöfe verfallen oder werden privat bewohnt, die Dörfer sind wieder in ihre - durch den demografischen Wandel noch verschärfte - Beschaulichkeit zurückgekehrt. M. Hiller, Sept 2016

Als die Riegelstraße in Amerika gebaut wurde

"Dieses Jahr war überhaupt Geld genug zu verdienen wegen der Riegelstraße. ... Die Riegelstraße führt hier bei Friedrichstadt (in Amerika) vorbei gegen den Ohio Staat. Die Riegelstraße ist ein ganz eben gemachter Weg, 18-20 Fuß breit, der bisweilen tief durch Hügel durchgegraben ist und worauf viereckige eichen Riegel fest zusammen gekeilt sind, worauf Eisen genagelt ist, und auf diesem Eisen gehen die Packwägen mit Eisen gegossene Räder, welche an der Innenseite eine Falze haben, damit die Räder nicht aus dem Riegel springen: diese Wagen treibt der Dampf."

Haben Sie erkannt, worum es geht? Natürlich: um den Bau der Eisenbahn - die war in den Jahren um 1830 noch unbekannt, in Deutschland wurde die erste Eisenbahn erst am 7. Dezember 1835 eröffnet.

Lesetipp:
Wir ziehen nach Amerika - Briefe Odenwälder Auswanderer aus den Jahren 1830-1833, zusammengestellt von Marie-Louise Seidenfaden und Ulrich Kirschnick, 1988.
ISBN 3-923366-03-5
Weitere interessante Dinge aus Briefen von Amerika-Auswanderern finden Sie später hier!

Als die Eisenbahn nach Bensheim kam

In Bensheim nahm 1846 die Main-Neckar-Eisenbahn von Frankfurt nach Heidelberg und Mannheim den Betrieb auf, wobei der Bensheimer Bahnhof zu jener Zeit 200 Meter außerhalb der Stadt lag. Aber schnell entwickelte sich hier der Fernverkehr mit einem wachsenden Güterbahnhof. Ein Problem waren zu Beginn die wenigen Bahnübergänge, an denen sich lange Wartezeiten nicht vermeiden ließen. Seit 1912 gibt es die Unterführungen in Bensheim. Die Fuhrleute übrigens fanden den Bau der Eisenbahn äußerst schädlich fürs Geschäft und letztlich sorgte der Ausbruck des 1. Weltkrieges dafür, daß im Lautertal keine Eisenbahn gebaut wurde... Marieta Hiller, Mai 2018

Der Gadernheimer Meilenstein

Umgesetzt wurde der Gadernheimer Meilenstein aus Sandstein von seinem Originalstandort im Jahr 2010 im Auftrag der Gemeinde Lautertal, um ihn besser präsentieren zu können. Frisch renoviert und gut sichtbar begrüßt er nun die Reisenden, die von Kolmbach nach Gadernheim kommen an der Abzweigung nach Schannenbach. Ursprünglich stand der Meilenstein an der Provinzialstraße des Großherzogtums Hessen-Darmstadt an einer sehr wichtigen Stelle: er markierte die Kreuzung der "Alten Straße" oder "Hohen Straße" an der Abzweigung nach Kolmbach. Aufgestellt wurde er 1843 in einer Entfernung von 30 Kilometern vom Residenzplatz Darmstadt. Das entspricht nach alter Messung vier Meilen (eine Meile sind 4000 Klafter oder 7600 Meter. So bekommt man zugleich auch eine Vorstellung, wie schnell man mit den märchenhaften Sieben-Meilen-Stiefeln vorankam: 50 Kilometer - das sind mehr als früher eine Tagesreise zu Pferd! Marieta Hiller, Juni 2018