Jürgen Poth alias de Guggugg schreibt:

Liebe Freunde von Folklore und südhessischer Mundart!

„Der hat die Kränk!“ wäre der Titel des gemeinsamen Auftritts von Rainer Weisbecker und mir gewesen, traditionell am Buß- und Bettag. Jetzt müssen wir alle büßen dafür, dass viele die Bedrohung durch das Virus zu locker gesehen haben und dadurch etliche die Kränk bekommen haben (hoffentlich werden alle wieder gesund). Meine Hausbühnen in Reinheim und Ellenbach haben erst einmal ihre Pforten geschlossen, mindestens bis Ende Februar. Also keine Kumm-Oowende, kein Weihnachtsprogramm, kein „neunzischsde Geburtsdoach“. In unserer Odenwälder Version von „Dinner for one“ fragt die Bedienung Schorsch das Fräulein Sofie: „Alls sou wie letzt‘ Joahr?“ und Sofie antwortet „Alls sou wie jed‘ Joahr!“. Guggugg und Herta Wacker wollen dann „nägst Joahr wirrer“ gemeinsam auf der Bühne stehen.

Wie eine Veranstaltung unter Corona-Bedingungen ablaufen kann, haben wir im „Kühlen Grund“ am 24.10. ausprobiert:

Die wenigen Zuhörer waren weit im Saal verstreut, hatten alle die ganze Zeit Mundschutz auf, haben die Hände desinfiziert, wegen Lüftungsmaßnahmen ein Jäckchen an und nicht mitsingen dürfen. Gemütlich geht anders! Aber so könnte weiter Kultur angeboten werden, nach der sich viele so sehnen. Ich hatte dadurch die Gelegenheit, mein neues Programm zu präsentieren und zur Diskussion zu stellen. „Jüdische Nachbarn – Rede mer mal Tacheles!“ hatte seine Vorpremiere mit der „Welturaufführung“ meiner Lieder. Mit vielen Tipps und Anregungen versorgt kann ich mich nun ins neue Jahr stürzen, das ein besonderes Jubiläumsjahr in Deutschland wird. Im Jahre 321, in dem der römische Kaiser Konstantin in Köln der jüdischen Gemeinde die Religionsausübung gestattete, gab es noch keine "Deutschen". Die Geschichte zeigt, wie seitdem für die Juden auf deutschem Boden das Pendel immer wieder zwischen Heimat und Hölle ausschlug. In vielen Dörfern und Städten lässt sich das mit lokalem Bezug beschreiben und besingen, meine Lieder wähle ich dann nach bedeutsamen Gegebenheiten meiner Auftrittsorte aus. In Kooperation mit Museen, Kulturverbänden oder Volkshochschulen soll es 2021 hierzu Veranstaltungen in Form eines Konzertes geben.
Die Liste für diese Auftritte wird immer länger, auch weil in 2020 nichts stattfinden konnte. Die Abendmusik in Spachbrücken, der Gedenktag in Gernsheim, die Kulturwoche in Rothenburg, die Konzerte in Ohrum und Stavenhagen wurden alle verschoben. Solltet ihr zufällig am 19.06.2021 in Meck-Pomm Urlaub machen (dürfen), könnt ihr mir in der wunderschönen alten Synagoge in Stavenhagen lauschen. Bis dahin soll es aber auch noch Veranstaltungen im Landkreis geben, da 1700 Jahre jüdisches Leben auch bei uns seine Spuren und Erinnerungen hinterlassen haben.
Man sieht sich, in alter Frische! Ich versuche mich mit Gartenarbeit, Wandern und Keller aufräumen frisch zu halten. Es kommt noch einmal eine schwierige Zeit auf uns zu, mit vielen Veränderungen und Aufgabe liebgewonnener Gewohnheiten. Ich wünsche euch, dass ihr gut durch den Advent kommt, dass ihr zulassen könnt, dass Weihnachten dieses Jahr etwas anders ist und dass wir dann „nägst Joahr wirrer“ uns wiedersehen.

Bleibt gesund!
Jürgen