Theaterfestival als digitales Sonderformat

Bensheim. Die 26. Woche junger Schauspielerinnen und Schauspieler findet in diesem Jahr online statt: Das digitale Sonderformat läuft vom 13. bis 18. Juni auf den Webseiten der Stadt Bensheim und der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste: www.wojuschau.de und www.darstellendekuenste.de/wjs.

Gezeigt werden Aufzeichnungen der eingeladenen Gastspiele und Einführungsgespräche. Die Nachgespräche mit den SchauspielerInnen finden live – per Zoom – statt, die ZuschauerInnen haben die Möglichkeit, im Chat Fragen zu stellen und sich am Gespräch zu beteiligen. Alle Aufzeichnungen starten mit einem Stream und bleiben danach 24 Stunden abrufbar. Alle Angebote sind kostenfrei.

Der Auftakt mit Programmvorstellung am Sonntag (13.) ab 19 Uhr wird von der Jury unter dem Vorsitz von Dagmar Borrmann (Dramaturgin und Hochschullehrerin), Antonia Leitgeb (stellvertretende Leiterin Studiengang Dramaturgie Theaterakademie August Everding), Carola Hannusch (Dramaturgin Theater Essen) und Moritz Peters (Regisseur und Dramaturg Schlosstheater Celle) gestaltet.

Anschließend, gegen 19.20 Uhr, beginnt die Einführung für Tartuffe von Molière. Präsentiert wird die Aufführung von der Universität der Künste Berlin. Dabei handelt es sich um ein Ensembleprojekt des 3. Jahrgangs Schauspiel in Zusammenarbeit mit dem Studiengang Kostümbild. Inhaltlich geht es um das Haus Orgon, das seine ausübende Macht in die Hände von Tartuffe gelegt hat. Es herrscht das Regime des Verbots, der Gewalt und der Lüge unter der Maske der Moral. Keiner erkennt das blanke Eigeninteresse des Hausfreundes, einzig das Hausmädchen Dorine durchschaut Tartuffes Machenschaften und versucht, zum Widerstand aufzurufen. Molières Phantasmagorie von der Machtergreifung eines Horrorclowns scheint 300 Jahre später politisch realer denn je.

Am 14. Juni steht ab 19 Uhr das Stück „Der Nazi & der Friseur“ nach dem Roman von Edgar Hilsenrath auf dem Programm, eine Inszenierung des Staatsschauspiels Dresden. Die groteske Geschichte, die mit Übertreibung und Zuspitzung den Unvorstellbarkeiten des Realen näher zu kommen wagt als es die Realität selbst könnte, dreht sich um den Hochzeitstag von Friseur Itzig Finkelstein und seiner Frau Mira im neugegründeten Staat Israel unter Holocaustüberlebenden. Was niemand wissen darf: Iztig Finkelstein war nicht Gefangener im Konzentrationslager, er ist der SS-Mann und Massenmörder Max Schulz. Mit einem Beutel voller Goldzähne und einer gestohlenen jüdischen Identität reist er nach Palästina aus und macht sich im Kampf um den jüdischen Staat verdient.

Am 15. Juni geht es um 19 Uhr mit einer Aufführung des Staatstheaters Kassel weiter: In „Das Gesetz der Schwerkraft“ von Olivier Sylvestre wird der Pfad zum Erwachsenwerden behandelt, der alles andere als gerade ist. Vor allem wenn man, wie Fred, ständig umzieht. Zum Glück trifft er Dom, der genau wie Fred 14 Jahre und trotzdem ganz anders ist. Dom verkleidet sich als Pop-Sängerin mit Schnurrbart, wäre auch gerne ein Kaktus oder eine Möwe. Auch Fred fühlt sich unwohl in seiner Haut. Als wäre es als Heranwachsender nicht schon schwer genug, müssen sich beide mit Kommentaren auf ihren Profil-Seiten und im echten Leben herumschlagen. Wenn man wenigstens mit dem eigenen Spiegelbild nicht auf Kriegsfuß stehen würde … Einfühlsam erzählt das Stück von den Unwägbarkeiten einer Welt, die zwischen männlich und weiblich nicht viel kennt.

Mit „Wer hat meinen Vater umgebracht“ nach dem Roman von Èduard Louis bringt das Theater Münster am 17. Juni ein aufwühlendes Vater-Sohn Drama auf die Bühne, das vom Heranwachsen in der französischen Provinz erzählt: Èduard Louis ist gefangen in brutalen Verhältnissen, seiner Homosexualität und dem Wunsch, das enge Milieu zu verlassen – was schließlich zum Bruch mit der Familie führt. Nun versucht er, das Verhältnis zum Vater aufzuarbeiten. Dessen Gesundheitszustand ist erschreckend desolat ebenso wie das politische System Frankreichs, was er zum Anlass nimmt zu schlussfolgern, dass die regierenden Eliten der letzten Jahrzehnte seinem Vater mit ihrer neoliberalen Politik und dem damit einhergehenden Sozialabbau das Rückgrat gebrochen hätten. Louis’ Abrechnung mit den Präsidenten und die gleichzeitige Aussöhnung mit seiner Familie ist eine provozierende Attacke gegen das politische System und zeitgleich ein Familien-Drama.

Am 18. Juni zeigt das Staatstheater Mainz „Werther“ nach Goethes Briefroman. Werther ist leidenschaftlich in Lotte verliebt, doch Lotte ist mit Albert verlobt. Werther will sich nicht in die Beziehung einmischen, zumal er glaubt, Lotte ohnehin mit seinen heftigen Gefühlen überfordert zu haben. Er kann aber ihre Ehe mit Albert nicht akzeptieren, an der Lotte jedoch festhält. Die Aufführung über die ebenso spannungsgeladene wie ausweglose Situation von Werther wird von den Kritikern als „eine bemerkenswerte, moderne Bühnenbearbeitung über die Fatalitäten einer Liebe zwischen jungen Leuten“ gelobt.

Im Anschluss ist gegen 21.40 Uhr das Abschlussgespräch der Jury geplant.

Die „Woche junger Schauspielerinnen und Schauspieler“ findet seit 1996 in Bensheim statt. In dieser Zeit hat sich die Veranstaltungsreihe zu einem begehrten und vielbeachteten Forum für den schauspielerischen Nachwuchs entwickelt. Seit 2003 wird der „Bensheimer Theaterpreis für junge SchauspielerInnen“, dotiert mit 3.000 Euro für herausragende schauspielerische Leistungen verliehen – in diesem Jahr, aufgrund der besonderen Situation, haben die Stadt Bensheim und die Akademie entschieden, den Preis auf 5.000 Euro zu erhöhen und solidarisch unter allen beteiligten SchauspielerInnen aufzuteilen.

Per Online-Umfrage können die Zuschauer den Publikumspreis bestimmen. Der Link zur Umfrage wird auf nachfolgend genannten Internetseiten zu finden sein. Bekanntgabe des Publikumspreises ist am 18. Juni 2021 im Abschlussgespräch gegen 21.45 Uhr.

Weitere Infos sowie die Links zu den Aufzeichnungen und Streams unter www.wojuschau.de und www.darstellendekuenste.de/wjs.
Alle Angebote sind kostenfrei.