Das Zauberwort fürs Wohlbefinden ist intaktes Bindegewebe - Woher kommen Verspannungen, Fehlhaltungen, Inkontinenz, Schultersteife (frozen Shoulder), Rückenschmerzen, Arthritis, Reizdarm, Herzschwäche?

Erstaunliche Erkenntnis der jüngsten Forschung: es kann am Bindegewebe liegen. Lange Zeit wurden diese Fasern von der Schulmedizin als unwichtig abgetan, Skelett und Muskeln sowie die inneren Organe sollten für alle Erkrankungen herhalten. Doch schon vor 20 Jahren erklärte mir eine Physiotherapeutin, die sich inzwischen auf Osteopathie spezialisiert hat, wie die Organe im Körper angeordnet sind. Nicht wie in einem Sack aufbewahrt, sondern unter Spannung aufgehängt im Bindegewebe.

Nur durch diese Spannung wird alles in Funktion erhalten. Läßt sie nach, ist man schnell bereit, mit Collagenpillen nachzuhelfen: möglicherweise ist das Einnehmen der vielbeworbenen Kapseln ähnlich sinnvoll wie das Verzehren einer ordentlichen Portion Schwartenmagen. Der enthält ja bekanntlich Bindegewebe, und wenn der Mensch ist was er ißt...
Sinnvoller wäre wohl auf alle Fälle Bewegung.

Durch gezielten Einsatz des Körpers in schonenden Übungen wird das Bindegewebe gestärkt und gefestigt. Eine halbe Stunde Spazierengehen am Tag („gewandert“ ist es ja erst ab einer Stunde), morgens im Bett erstmal gründlich strecken und dehnen vor dem Aufstehen, beim Zähneputzen auf einem Bein stehen - all das kostet nichts, tut nicht weh und schädigt den Organismus nicht mit Chemie.

Durch sanfte Dehnungen werden die Mikrostrukturen im Bindegewebe angeregt, die den Körper stabilisieren und für  ein flüssiges Gleiten des Bewegungsapparates und der Organe im Körper sorgen.
Neueste Forschungsergebnisse geben uralten Methoden der Heilkunde recht: ein Akupunkturpunkt im Nacken kann Schmerzen durch Fehlhaltungen im Kreuz mildern oder umgekehrt. Daß Seefahrer früher - und auch heute noch - einen Ohrring tragen, liegt möglicherweise daran, daß der Durchstich im Ohr auf einem Akupunkturpunkt für gutes Sehen liegt - und scharfe Augen waren für Seeleute immer wichtig.

Ähnlich überraschend wirken andere heilpraktische Methoden: leichte Übungen der Wirbelsäulengymnastik stärken die Bauchmuskulatur, die wiederum viele Wehwehchen bis in den Nacken und zu den Füßen einfach vergessen läßt, ist sie erst trainiert.
Verstopfung etwa läßt sich mittels Fußreflexzonenmassage am Fuß lösen, alte Schädigungen im Bewegungsapparat können über gezielte Reize im Bindegewege mit der Bowen Technik abgebaut werden, einer Faszientechnik die direkt das Bindegewebe anspricht, das jetzt endlich in den Fokus der Aufmerksamkeit rückt. Einfach und effektiv: sanfter Druck wird nicht invasiv über das weiche Gewebe ausgeübt, körpereigene Ressourcen der Selbstregulation aktiviert, oft schon nach ein bis zwei Anwendungen.
Yoga-Atemübungen lösen Verspannungen im unteren Rücken, ein Kopfstand läßt Unterleibsbeschwerden abklingen.

Der Stoff der die Verbindung schafft, der all diese Elemente zusammenhält, ist das Bindegewebe, denn es ist wirklich überall. In der Haut, in der Lunge, in Knochen, es umgibt die Muskeln, ist im gesunden Zustand zähflüssiges Medium für Immunzellen, Fettzellen, Nervenzellen. Es ist zugfest und dehnbar, und es beginnt zu verhärten und zu wuchern, wenn wir uns nicht bewegen.

Mit Yoga wird man sanft und ohne Leistungsdruck an wohltuende Bewegung herangeführt. Bei Yogalehrerin Heike Gerhard etwa sind die Stunden sehr abwechslungsreich, entspannende Meditation, anstrengende Dehnungsübungen und bewußtes Atmen lassen nie das Gefühl aufkommen, man arbeite sich an etwas ab. Mein erster Kopfstand war ein bisher einmaliges Abenteuer, die regelmäßigen Yogaübungen dagegen möchte ich nicht mehr missen.

Ohne Bewegung rostet der Mensch ein, das ist eine alte Weisheit. Ein Durchschnittsdeutscher arbeitet acht Jahre seines Lebens, sieht zwölf Jahre fern, sitzt knapp zwei Jahre in Schule und Weiterbildung, ist fünf Jahre beim Essen und hockt sechs Monate auf der Toilette. Dazwischen liegen die viel zu seltenen Pausen, in denen er sich aktiv bewegt. Mit Schönheitspillen kann man diese Pausen wohl nicht ersetzen...  (M. Hiller)