Vor 32 Jahren, im Jahr 1989, feierte die Reichenbacher Natursteinfirma DESTAG ihr 100jähriges Bestehen. In diesem Beitrag soll die lange Betriebsgeschichte von ihrem Anfang bis heute beleuchtet werden. Dazu sprach ich mit Philipp Degenhardt, der von Anbeginn seines Berufslebens 1949 bis ins hohe Rentenalter in der DESTAG tätig war. Über die aktuelle Betriebssituation informierte mich Prokurist Markus Mayer, er führte mich durch das Betriebsgelände.

Das Gelände von oben, Repro von Heinrich Stock, Reichenbach

Gespräch mit Herrn Degenhardt: Beginn eines Berufslebens

Am 4. Mai 2021 führte ich ein Gespräch mit Philipp Degenhardt und Tochter Heidi Adam zum Arbeitsleben in der DESTAG. Das große Natursteinwerk in Reichenbach prägte die Geschichte des Ortes und seiner Familien für inzwischen 132 Jahre. Als Sattler begann Philipp Degenhardt mit 19 Jahren in der DESTAG in Reichenbach, um die Pferdegeschirre und Transmissionsriemen instand zu halten. Die Pferde waren damals, 1949, in der Darmstädters-Mühle untergebracht. Diese Mühle war 1813 erbaut worden, zwischenzeitlich von einem Jakob Darmstädter betrieben, und 1889 ging sie schließlich für 17.000 Mark an Karl Hergenhahn. Er nutzte das Lauter-Wasser tagsüber für die Steinschleiferei, nachts mahlte die Mühle Lohngetreide. Nachfolger von Karl Hergenhahn wurde die Deutsche Steinindustrie AG, kurz DESTAG. Sie begann ihre Arbeit hier in der Darmstädters-Mühle, bevor auf dem Nachbargrundstück das erste Werk und später das zweite Werk an der Straße nach Lautern erbaut wurde und hier - im späteren Bauhof der Gemeinde Lautertal - die Pferde untergebracht wurden. Noch bis Mitte der 50er Jahre wurden die Blöcke von den Steinbrüchen zur Schleiferei oder fertige Grabsteine zum Bahnhof Bensheim transportiert, mit bis zu vier Pferden. Für die Fuhre von Reichenbach nach Bensheim und zurück brauchten die Pferde einen ganzen Tag, die DESTAG hatte eigene Äcker für Futter und Streu. Das letzte Zugpferd hieß Adolf und wurde 1954 in Ruhestand versetzt, als man auf Motorfahrzeuge umstellte.
Philipp Degenhardt hatte beim „Beutels-Sattler“ in Reichenbach gelernt, und als dieser nach einem Jahr verstarb, wechselte er nach Bensheim. Nach der Gesellenprüfung 1949 als Polsterer verstarb auch dort der Meister, und Philipp Degenhardt wechselte zur Steinindustrie in Reichenbach.

1889: die Entwicklung bis zur heutigen Natursteinfirma beginnt

Aus dem Jubiläumsband "DESTAG 100" von 1989: "Es darf mit Fug und Recht als die Geburtsstunde der modernen Natursteinindustrie im Odenwald angesehen werden, als im herbst 1881 auch die Brüder Philipp, Martin und Karl Hergenhahn die Rechte zur Errichtung eines Steinbruchs im Reichenbacher Felsbergwald erwarben". 1883 waren im Steinbruch bereits 25 Gehilfen und Steinmetze tätig. Bitte schauen Sie dazu auch in die Übersichts-Karte des Felsbergwaldes 1896 . Nach anfänglichen Wirren blieb Karl Hergenhahn der Firma treu und hielt die Rechte, wie ein Dokument aus dem Jahr 1889 beweist. Zur Steinbruchtätigkeit kam eine Steinschleiferei dazu. Zunächst wurde als Betriebsgelände dafür ein kleiner Teil der Hannewaldsmühle gepachtet, jedoch wuchs die Belegschaft rasch an und 1890 kaufte Hergenhahn das ganze Mühlengelände für 17000 Mark. Die Hannewaldsmühle hieß ursprünglich Darmstädtersmühle, 1841 hatte sie Jakob Darmstädter von Heinrich Helfrich gekauft, der sie 1813 erbaute, dann aber nach Nordamerika auswanderte. Von Jakob Darmstädter kaufte 1878 der Schannenbacher Müller Hannewald das Gelände. Die Mühle liegt im heutigen Brandauer Klinger 1 und war später lange Zeit Standort des Lautertaler Bauhofes, wird auch heute noch als Lagerplatz für Baumaterialien verwendet.

Das Werk 1 bei der Darmstädters-Mühle war seit 1905 mit 40 Steinmetzen in Betrieb, 1907 kaufte Hergenhahn die Borgersmühle (ehemalige Schmelz des Bergwerkes), die zum Werk 2 wurde. Hier erzeugten die Sägen, Schur- und Rundschleifmaschinen einen Höllenlärm: „die Gattersäge war so laut wie ein Schnellzug“, so Degenhardt. Mitten durch das Betriebsgelände von Werk 2 führte die öffentliche Hohensteiner Straße, die erst 1960 verlegt wurde.
1919 wurde die Destag Reichenbach an das öffentliche Stromversorgungsnetz angeschlossen. Vorher lieferte je ein Lokomobil mit 60 PS die nötige Antriebsenergie für die Maschinen. Noch davor trieb ein Wasserrad mit 3,30m Durchmesser mithilfe des Wassers der Lauter bzw. des Reichenbachs über Transmissionen die verschiedenen Gerätschaften an. Mußte eine Verarbeitungsstation das Werkstück wechseln, mußten alle Stationen angehalten werden, da sie über eine gemeinsame Transmission angetrieben wurden. Durch den elektrischen Strom konnten die einzelnen Werkstationen unabhängig voneinander betrieben werden.

Werk 2 kam 1895 hinzu: in der ehemaligen Schallersmühle unterhalb des Hohensteins, die vom Vorbach und dem Mühlgraben der Lauter angetrieben wurde. Die Mühle war 1839 erbaut worden und diente bis 1868 dem Kupferabbau (Schmelz), wurde für 8000 Gulden an Philipp Borger aus Elmshausen verkauft. 1895 erwarb Karl Hergenhahn die Mühle für 26.500 Mark. Der Mühlenstandort wurde 1900 zum Haupthaus der DESTAG in der Nibelungenstraße 351.

Aufbegehren gegen "Schlechtwetter"-Stempeln und Erfolge als Betriebsrat

Der Beginn von Philipp Degenhardts Lebensepoche in Werk 2 im Jahr 1949 begann mit einem gebrochenen Finger. Die Arbeit mit Odenwälder Stein war schwer: alles wurde von Hand betrieben, „es war eine Schinderei“, so Degenhardt. „Im Winter gab es nur einen Ofen, und nach einem Eimer heißem Wasser mußte nachgelegt werden.“
Die Schinderei war es jedoch nicht, die Degenhardt aufbegehren ließ: vielmehr die Tatsache, daß die Arbeiter im Werk regelmäßig von Totensonntag bis kurz vor Ostern in „Schlechtwetter“ geschickt wurden, sprich arbeitslos waren. Die älteren Arbeiter nahmen das hin, auch daß die Angestellten über Winter weiterbeschäftigt wurden. Degenhardt wollte aber nicht „stempeln“ gehen. Die Ungleichbehandlung, die sich auch schlecht auf die Rentenhöhe auswirkte, paßte ihm nicht, und er reichte zum Totensonntag die Kündigung ein.

Repro Heinrich Stock, Heimatbuch Reichenbach Repro Heinrich Stock

Zum Glück wurde diese jedoch nicht akzeptiert, vielmehr zeigte sich, daß diejenigen, die Widerspruch gegen das Schlechtwetter einlegten, im Winter weiterbeschäftigt wurden.
Degenhardt engagierte sich daraufhin im Betriebsrat, war später auch Betriebsratsvorsitzender. Sein erster Erfolg war, daß diese Ungleichbehandlung in bezug auf die Winterarbeitslosigkeit abgeschafft wurde. Dies wurde auch möglich, weil der Maschinenbestand erneuert, Betriebsabläufe mechanisiert und rationalisiert werden konnten.

Viele Familien waren vom regelmäßigen Einkommen der Steinarbeiter so abhängig, daß sie zu Schlechtwetterzeiten bald Hunger leiden mußten. Auch hatten viele zwar ein Grundstück für ein Häuschen erstanden, das jedoch zu klein war für einen Gemüsegarten. Wer einen Garten hatte, der konnte sich über den ganzen Winter ernähren: Kartoffeln, Kraut und Bohnen wurden eingelagert bzw. mit Salz eingestampft, Obst eingemacht. In den Gärten wurden auch Erdbeeren angebaut.

Ein neuer Chef - viele Investitionen und Verbesserungen, weltweite Vermarktung von Odenwälder Granit

In den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts wechselte die Geschäftsleitung, Eckart Fromme war Neuem gegenüber sehr aufgeschlossen und krempelte den Betrieb komplett um. Die alten handbetriebenen Gerätschaften - z.B. ein Hebewerk, an dem man mit zwei Personen kurbeln mußte - wurden durch Transportbänder, Gabelstapler, die Eigenentwicklung Röder-Fräse, automatische Blockhebung, Wassermaschine zum Schleifen, Winkelschleifer und Druckluftmeißel sowie Diamant-Gattersägeblätter ersetzt. Die Betriebsabläufe funktionierten nun so reibungslos, daß ein am Morgen bestellter Grabstein am Abend fix und fertig ausgeliefert werden konnte. In Spitzenzeiten bestand die Belegschaft aus 200 Mitarbeitern. Für den Betrieb der Maschinen und Anlagen wurde viel Wasser benötigt: der Reichenbach vom Knodener Kopf und die Lauter lieferten es, zusätzlich gab es ein Wasserreservoir, das auch für Druck sorgte.

Die Vermarktung von Odenwälder Granit aus den DESTAG-Steinbrüchen im Schnapsloch und am Hahnenbusch wurde durch Handelsreisende und durch Präsentation auf der Messe in Nürnberg stark vorangetrieben. Philipp Degenhardt, der einen Bildhauerlehrgang in Wunsiedel absolviert hatte, half mit bei den  Messeauftritten und wurde Lagermeister, übernahm die Versandleitung, engagierte sich in der Gewerkschaft und als Betriebsratsvorsitzender. Die jährliche Ausstellung in Nürnberg wurde von ihm mit Betriebsleiter Heinz Picker zusammen aufgebaut. Dafür mußten die Werkstücke sorgsam auf Sattelschlepper geladen werden, mit Stroh und Holz gegen Verrutschen gesichert. Das war eine kunstvolle Arbeit. Bis ca. 1998 half Degenhardt mit, die Messebesuche zu organisieren. Zwischen 1999 und 2011 beteiligte sich die DESTAG nicht an der Nürnberger Messe.

Als Schnapsloch wird der Steinbruch im Felsberg bezeichnet. Er liegt in der Nähe des Naturparkplatzes Talweg. Noch heute sieht man am Eulenturm, dem ehemaligen Trafohaus, in dem heute Waldkauz, Fledermaus und Hornissen wohnen, den in Stein gemeißelten Schriftzug. Vom Parkplatz führt ein Pfad steil bergauf, hier sieht man noch die Reste des ehemaligen Kesselhauses, ein Stück der Betonplatte des Gebäudedaches ist in einen Baumstamm eingewachsen.

 

Die in Stein gemeißelte Inschrift am Eulenturm, früher Trafostation der DESTAG, Foto M. Hiller

Der Eulenturm wird heute vom NABU Reichenbach betreut und beherbergt Waldkauz, Fledermäuse und Hornissen, Foto M. Hiller

Das Kesselhaus mit Kessel oberhalb des Eulenturms noch vor 20 Jahren..., Foto M. Hiller

...und heute: im Baumstamm sieht man das Stück eingewachsene Betondecke, Foto M. Hiller

Das Schnapsloch: der ehemalige Steinbruch, das Gelände ringsum wurde später als Müllkippe benutzt, später mit Erdreich zugeschoben und ist heute mit ca. 50 jährigen Stämmchen bestanden, Foto M. Hiller

Felsberg - Talweg: Der Hauptsteinbruch lag am Talweg im sogenannten Schnapsloch. Die Destag hat das Gebäude von Kreuzer gekauft und am Talweg eine Unterkunft für die Arbeiter errichtet. Auch ein Kran war hier im Einsatz. Die Unterkunft ist später abgebrannt, als Lausbuben hier ein Feuerchen gemacht haben.
Strenge Auflage für die Steinbrüche im Felsberg war, daß die römischen Werkstücke nicht angerührt werden durften. Der Darmstädter Professor Friedrich Behn hatte sie dazu im Auftrag des Landeskonservators Ernst Wörner in den 1950er Jahren durch Dr. Gudrun Löwe und Mitarbeiter beschreiben, katalogisieren und mit roter Farbe markieren lassen, nachdem zuvor Wilhelm Weyrauch das Felsberg-Gelände 1953 neu vermessen hatte. Die dort noch um 1890 in einer Karte aus der Darmstädter Lithographieanstalt Welzbacher eingezeichneten Felsgruppen „Riesenküche“ und „Riesenrutsche“ sind Philipp Degenhardt jedoch nicht bekannt und längst verschwunden.
Schon vorher, 1879, wurde in einem Vertrag zwischen der Gemeinde Reichenbach und Herrn Cingros aus Pilsen vereinbart, daß die Römersteine verschont blieben. Die fünf Steinarbeiter namens Kozar, Nowy, Honzik, Knizak und Hruby aus Böhmen durften die „blauen Steine“ - wie der Felsberg-Granit hieß - innerhalb eines Dreivierteljahres zum Preis von zwei Mark pro Kubikmeter abbauen. Sie blieben genau drei Monate. Erst die Gebrüder Hergenhahn machten ein Geschäft mit dem Felsberg-Granit, ausgenommen die Römersteine.

Drei Repros aus dem Reichenbacher Heimatbuch, Heinrich Stock


Im Felsberg waren mehrere Steinbetriebe aus Reichenbach und Beedenkirchen tätig, aufgrund notwendiger Sprengungen war das Felsenmeer werktags für Spaziergänger gesperrt. Für die Einheimischen war das Felsenmeer der Arbeitsplatz, hier ging man nicht sonntags spazieren. Das Kiosk an der Riesensäule ist eines von vieren, die nicht für Touristen eingerichtet waren, sondern als Verpflegungshütten für die Arbeiter. Noch in den 1960er Jahren soll in der Drachenhöhle ein wohnungsloser Einsiedler gelebt haben, wie mir der frühere Kioskbetreiber Gerhard Mink erzählte.
Die Gebrüder Kreuzer aus Weißenstadt und Böhringer aus Wunsiedel kamen 1881/1882 bei Beedenkirchen in den Felsberg, um die „blauen Steine“ (Felsberg-Granit bzw. Melaquarzdiorit) abzubauen. Gleichzeitig etablierten sich die Gebrüder Hergenhahn in Reichenbach  am Schnapsloch. Der Beedenkirchener Unternehmer Hans Seeger schreibt dazu in seinen HS.Briefen 2016: „die schnell expandierende Steinindustrie beherrschte schon um die Jahrhundertwende (1900) das Lautertal.“ Kreuzer / Böhringer errichteten ein Zweigwerk in Elmshausen, das bis nach dem 2. Weltkrieg in Betrieb war. Um 1900 gab es bereits 1000 Beschäftigte in der Steinindustrie. Es gab eine „Arbeitsgemeinschaft Granitwerke Felsberg“ unter Federführung von Hans Seeger. Diese ARGE fertigte beispielsweise  die Treppenläufe für das Lyzeum Esch in Luxemburg in gestockter Ausführung.

Steinbruch am Hahnenbusch: aus bearbeiteten Blöcken aufgesetzte Trockenmauer, Foto M. Hiller

Hahnenbusch: Der zweite Steinbruch der DESTAG lag im Hahnenbusch: hier stand Syenit mit Flecken und Adern an; das war bei der Kundschaft eher unbeliebt, obwohl gerade diese Steine geschliffen und poliert einen ganz besonderen Charakter haben.
Ober-Schannenbach und Seidenbuch - hier wurden keine eigenen DESTAG-Brüche betrieben, sondern es wurde Material angekauft. Ein Brief aus dem Jahre 1946 dokumentiert den Kauf von Blöcken aus dem Ober-Schannenbacher Standort Kesselberg 2.
Schweden: Zusätzlich zum Odenwälder Granit wurde von Anfang an schwedischer Granit gehandelt, dieser war jedoch teuer.
Südafrika: In die Steinbrüche in Südafrika westlich und östlich von Pretoria gingen viele Reichenbacher, die noch heute dort leben, auch Philipp Degenhardt hätte dorthin gehen können, blieb aber lieber in Reichenbach. Zwischen 1958 und 1990 entstand so ein internationales konzernähnliches Geflecht mit Führung von Reichenbach heraus. Das Ende des Konglomerats und die Trennung von den internationalen Tochtergesellschaften wurde Anfang der 1990-iger Jahre eingeleitet und bis 1998 abgeschlossen.

Am Hahnenbusch: Abfallblock mit Spuren der Bonjetspaltung, Foto M. Hiller

Soziale Fürsorge und Umweltschutz

Tradition haben im Reichenbacher Steinbetrieb soziale Fürsorge und Umweltschutz. Bereits Karl Hergenhahn hatte 1897 eine Betriebskrankenkasse gegründet, um für die - damals ungebräuchlich - soziale Absicherung seiner Arbeiter zu sorgen. 1945, im Jahr Null, und in den folgenden Nachkriegsjahren vergab die damalige Geschäftsleitung unter Georg Dassel an die Arbeiterschaft Garten- und Ackerstücke für die private Nutzung. Was die Arbeiter brauchten, wurde versucht auf dem Schwarzmarkt zu ergattern. 1948 konnte die Leitung so für jedes Belegschaftsmitglied ein Hemd organisieren.
Diese Tradition setzte Fromme fort: immer drei Arbeiter wurden zusammen - allerdings ohne Frauen - für drei Wochen zur Bühler Höhe im Schwarzwald auf Urlaub geschickt, und es gab Weihnachtsgeld, Betriebsfeiern und ein gutes Netz aus sozialen Leistungen. Auch eine Betriebsrente gehörte dazu. „Fromme ließ sich auch von kleinen Leuten mal was sagen“, so Degenhardt.

Einstieg ins Südafrika-Geschäft: Markenzeichen Impala-Granit

Gemeinsam mit Eckart Fromme trat 1944 der Beedenkirchener Hans Seeger die Lehre in der DESTAG an. Dieser schrieb in seinem HS.Brief 3 im Jahr 2016, wie 1958 von einem englischen Kaufmann der Einstieg in das Südafrika-Geschäft mit Granit verschiedenen führenden Granitunternehmern angeboten wurde und keiner darauf ansprach. Marktführer Adolf Reul erzählte Seeger dazu: „So wandte sich Peter de Cock an Fromme und dieser Eckart ergriff die Chance, die wir ausgeschlagen hatten. Heute ist er der uneingeschränkte Marktführer! Ich habe große Hochachtung vor ihm. Aber er ist Unternehmer der neuen Zeit.“
(HS.Briefe 3) Der südafrikanische Impala-Granit wurde weltweit zum Markenzeichen der DESTAG.

Gleichzeitig blieb das Unternehmen stets in ökologischer Hinsicht verantwortungsbewußt: die erste betriebseigene Käranlage wurde 1962 eingerichtet, 1983 durch ein mehrstufiges Klärsystem erweitert.  50% des Abwassers werden wiederverwendet, was beim hohen Wasserverbrauch der Steinschleiferei enorm zu Buche schlägt. Noch heute sieht man die Steinarbeiter in Gummistiefeln bei der Arbeit.
Mit großem Selbstbewußtsein zeigten die Arbeiter, wer sie waren. Das konnte auch jeder sehen: wenn morgens, zur Mittagszeit oder bei Feierabend die Sirene erklang, füllte sich die Straße mit Fahrrädern, Fußgängern, Mopeds: aus fast jedem Haus strömten Arbeiter zum Werk und zurück. In Reichenbach arbeitete fast in jedem Haus einer bei der Steinindustrie, zahlreiche Menschen gingen auch in die Blaufabrik in Lautern auf Arbeit. Die Sirene der DESTAG gab dem dörflichen Leben in Reichenbach seinen Rhythmus, nach dem alle lebten.

44 Jahre in der gleichen Firma: gibt es das heute noch?

Die Steinarbeiter trafen sich in ganz Deutschland einmal im Jahr zu einem Treffen, vereint durch ein Zusammengehörigkeitsgefühl wie in einer Zunft, dem Zentralverband der Steinarbeiter Deutschlands (gegründet 1903). Einmal wurde das Treffen durch die DESTAG organisiert, am Felsenmeerparkplatz gab es ein Zelt für 2000 Personen. Dies machte Reichenbach und die Odenwälder Steinindustrie weithin bekannt.
Mehrere Generationen gehörten zur Firma, eine Lebensarbeitszeit von 45 Jahren in ein und demselben Betrieb fand man hier nicht selten. Auch Philipp Degenhardt arbeitete nach abgeschlossener Lehre 44 Jahre lang in der DESTAG. „Die Arbeit als Handschleifer hat Spaß gemacht, ich wollte aber auch weiterkommen. Es war zum Schluß eine tolle Arbeitsstätte“.

Hans Seeger berichtet über seine Lehrzeit bei der DESTAG bei Lehrmeister Heinrich Essinger („der alte Berg“ - Es Bergs war der Ounohme [Uzname] der Familie Essinger): „der ‚alte Berg‘ - in der Tat ein Berg, der überall im Betrieb zugegen war, unter den von Krieg, Tod, Not belasteten Umständen, was von so jungen Springinsfelds wie  uns Lehrlingen trotz Miterlebens der umstände nicht immer gebührend geachtet wurde. Aber wir hatten einen gestrengen, gerechten Lehrmeister und die verbliebenen alten Steinmetze in der zusammengeschrumpften Belegschaft waren ihm und uns Stütze, indem sie uns ernstnahmen und dazu beitrugen, daß wir trotz Ausfällen bei Fliegeralarm, Westwallbau, Volkssturm eine gute Ausbildung erfuhren.

Jedoch fanden sich in der letzten Zeit immer weniger junge Leute, die eine Ausbildung in der DESTAG beginnen wollten - wie es überall immer weniger Auszubildende in allen Handwerksberufen gibt. Heute hat die DESTAG 43 Mitarbeiter. Das Grabsteingeschäft, aufgrund veränderter Begräbniskultur fast zusammengebrochen, liegt in den Händen von Firma Just Naturstein.  Insgesamt agieren unter dem Dach der DESTAG 9 weltweite Unternehmen.

Ein langes Arbeitsleben

Philipp Degenhardt schaut auf ein langes Steinarbeiterleben zurück, in seinem Häuschen, in dem die Fensterbänke, der Terrassenboden und vieles mehr selbstgefertigt aus geschliffenem und poliertem Odenwälder Granit bestehen. Wie es früher war, halfen Familie und Vereinskollegen beim Bau in gegenseitiger Hilfeleistung. Das prägte Degenhardt wie viele seiner Generation, die sich in Vereinen und auch in der „kleinen“ Politik engagierten, weil die Dorfgemeinschaft auf Gegenseitigkeit basierte. Degenhardt war begeisterter Fußballer, in der Kommunalpolitik aktiv und noch heute ist er beim Aufstellen und Instandhalten der Ruhebänke rings um Reichenbach mit dem Verschönerungsverein Reichenbach tätig. Sein Beruf als Steinarbeiter erlaubte ihm, seinen drei Töchtern eine höhere Ausbildung zu ermöglichen. Der altbekannte Spruch „du heiratest doch sowieso später“ galt für ihn nicht. Mein eigener Großvater, ebenfalls Handschleifer, ließ mit diesem unseligen Spruch nicht zu daß meine Mutter studieren konnte, stattdessen mußte sie eine ungeliebte Bankkaufmannslehre absolvieren.

ich danke Herrn Degenhardt und Frau Adam für das ausführliche Gespräch.

Das Kupferbergwerk in direkter Nachbarschaft zum Werk 2

Das ehemalige Kupferbergwerk in Reichenbach war von 513 bis 1944 immer wieder einmal in Betrieb, zuletzt gab es einen Schacht direkt am Betriebsgelände der DESTAG, der zum sogenannten tiefen Stollen (1907 errichtet) führte. Lesen Sie den gesamten Beitrag zum Kupferbergwerk hier... Philipp Degenhardt wurde einmal in seiner Jugend mit nach unten, auf 100m Teufe, genommen. Im 2. Weltkrieg arbeiteten hier kriegsgefangene Franzosen, die  in der alten TSV-Turnhalle  wohnten.

Soweit die Geschichte des langen Arbeitslebens von Philipp Degenhardt.

Ausflug in die Geschichte der Arbeiterbewegung

Heinz Eichhorn (Reichenbach) hat die ersten Jahre der Steinarbeitervertretung in seinem Buch „Die Entstehung der Arbeiterbewegung im Lautertal“ (1988) skizziert: das 1878 verabschiedete Sozialistengesetz nahm dem bereits 1875 zerfallenen Verein der Steinmetzen Deutschland die Energie zur Neugestaltung. Ortsvereine wurden durch Einschüchterung der Arbeiter und Ausweisung der Gewerkschaftsführer verhindert. Innungsmeister und Großindustrie ordneten jeden als Aufwiegler ein, der versuchte sich zu organisieren. Die Polizei leistete bereitwillige Unterstützung.

Erst als sich 1884 der Fachverband der Steinmetzen gründete, der später zum Verband der Steinmetzen Deutschlands wiurde, begann die Organisierung der Arbeiter auch im Odenwald, eng verknüpft mit der SPD. 1890 wurde das Sozialistengesetz nicht verlängert, aber die Kreisämter wurden angewiesen, die sozialdemokratische Bewegung weiterhin im Auge zu behalten. Im Lautertal erhielt die SPD 1893 erste Stimmen, und die Steinarbeiter begannen sich zu organisieren. Sie stellten einen Großteil der Arbeiterschaft dar, die in den Jahrzehnten zuvor aus der Industrialisierung entstanden war (- Pauperismus, industrielle Revolution).

Der altehrwürdige Beruf des Steinmetzen hatte sich gewandelt: zahlreiche Betriebe entstanden vor Ort, die Steinmetze mußten in abgelegenen Steinbrüchen arbeiten anstatt in Ateliers in den Städten. Arbeitskräfte auf dem Land waren billiger. Als nächstes folgt ein in seiner Sperrigkeit an aktuelle Genderdiskussionen erinnerndes Konstrukt: aus dem Verband der deutschen Steinmetzen wurde die „Zentralorganisation aller in der Steinindustrie beschäftigter Arbeiter“.

Nachdem sich 1903 die SPD in Reichenbach gegründet hatte, deren Mitglieder bald immer stärker Anfeindungen und Schwierigkeiten durch die bürgerlichen Parteien ausgesetzt waren, engagierten sich die SPD-Mitglieder stark in der Gewerkschaftsbewegung der Steinarbeiter. Diese war bestrebt, Arbeitsbedingungen, Löhne, Massenentlassungen und Kinderarbeit in eine soziale Form zu bringen, und die Steinarbeiter im 14 Jahre zuvor entstandenen Werk der Deutschen Steinindustrie übernahmen die Gewerkschaftsforderungen.  Zwei Jahre nach der Gründung der SPD und des Arbeiter-Wahlvereins im Gasthaus Zum Grünen Baum (S. 48) beim Wirt und Metzger Wilhelm Klink (der aufgrund erheblichen Drucks der „bürgerlichen Parteien und örtlichen Honoratioren“ (Eichhorn S. 53) der jungen SPD das Vereinslokal aufkündigen mußte) gehörten in Reichenbach 85 Steinarbeiter dem Arbeiter-Wahlverein an, Heinz Eichhorn zählt sie alle namentlich auf (S. 56/57). Ruhe kehrte noch lange nicht ein: organisierte Steinarbeiter mußten an vielen Orten innerhalb 14 Tagen ihren Arbeitsplatz räumen,  in Beedenkirchen und Elmshausen gab es Aussperrungen, später auch in Reichenbach. In Reichenbach konnte jedoch zunächst ein Lohntarif für ca. 130 Arbeiter ausgehandelt werden, der immerhin für ein Jahr Gültigkeit hatte. Gefordert wurde ein heizbarer Unterkunftsraum, Bedürfnisanstalten und Arbeitsbuden für die Steinarbeiter, Frauen und Kinder sollten in Steinbrüchen nicht an der Steingewinnung arbeiten, Frauen zudem vor Steinstaub geschützt werden.

1910 wurde ein Steinschleifer zum Bürgermeister gewählt: Philipp Mink XIII - bürgerlich, aber von der Arbeiterschaft unterstützt. Ein Jahr später gründete sich auch in Gadernheim die SPD und der Arbeiter-Wahlverein, auch hier vorwiegend besetzt mit Steinarbeitern. Angemessene Löhne wurden noch immer nicht gezahlt, aber möglichen Streikbrechern wurden 80 Mark Verdienst für 12 Tage angeboten, anderen 25 Mark als Geschenk. Gerecht verteilt, hätten solche Bestechungsgelder zu besseren Löhnen für alle geführt, was einen Streik überflüssig gemacht hätte - soweit Heinz Eichhorn.

Und heute? Eine gesundes Unternehmen - hohe Qualitätsansprüche und sichere Arbeitsplätze

Übungsstücke in der Werkhalle, Foto M. Hiller

Bis es zur aktuell hervorragenden Positionierung auf dem Natursteinmarkt im deutschsprachigen Raum kam, hatte die DESTAG seit ihrer 100-Jahr-Feier bis 2016 zahlreiche Stürme durchzustehen. Gleich nach dem großen Jubiläum folgte eine feindliche Übernahme der besonderen Art: In den 90er Jahren wurde die alteingesessene Firma komplett aufgesplittet. "Den Ausverkauf der weltweiten Aktivitäten und damit Tochtergesellschaften der Holding zu beginnen, war aus meiner Sicht eine familiäre Entscheidung, die man schwer kommentieren kann," so Mirko Adam, Geschäftsführer der DESTAG.

Unter der Holding DESTAG AG, die vom Vorstand gehalten wurde und die Verwaltung innehatte, gab es im Jahre 2020 lediglich noch eine holländische Firma, die DESTAG Natursteinwerk GmbH und die Avangarde GmbH als getrennte Betriebe. Familienbeschluß der Frommes war, sich von allen Natursteinaktivitäten zu trennen. 2002 wurde Herr Klaus Edling eingestellt, Er sollte die "kleine" DESTAG auf dem Heimatmarkt wieder fit machen.

Im Jahre 2003 kaufte Edling dann die DESTAG Natursteinwerk GmbH und hielt es bis 2009 am Laufen. Ohne die Kooperation mit der Firma Just Naturstein aus dem sächsischen Hartha und dem Einstieg von Mirko Adam im Jahre 2010 wäre ein Fortbestand nahezu unmöglich gewesen. Nach den schlechtesten Jahren 2008 - 2010 erholte sich das Unternehmen und steht heute als gesunde Firma mit Investitionen in neue Maschinen da. Geschäftsführer Mirko Adam konnte zwischenzeitlich Gelände von der ukrainischen Firma zurückkaufen, damit wurde die Unsicherheit des von der DESTAG AG gepachteten Werksgeländes & Bürotraktes aus dem Weg geräumt. "Die Ursprungsfirma hier in Reichenbach und das bis heute verbliebene Unternehmen in Zeiten der Globalisierung der 90-iger und 2000-ender Jahre am Leben zu halten, muss man am Ende und mit heutigem Blickwinkel als gelungen bezeichnen. Schließlich sind bundesweit mehr als 80% der deutschen Grabmalindustrie diesem Prozess zum Opfer gefallen. Selbst für die Odenwälder Gebiete dürfte dieses Verhältnis nachvollziehbar sein," so Adam.

2016 kam ein "nahezu tödlicher folgenschwerer Dämpfer für das DESTAG Natursteinwerk" (Mirko Adam), als ein großer Teil des Geländes durch Interventionen von Ingrid Buchmann, Tochter von Eckart Fromme, an die ukrainische Familie Shefir verkauft wurde. Das starke Team um Mirko Adam, bestehend aus den Prokuristen Markus Mayer und Georg Vetter konnte den Rückkaufprozeß, den Klaus Edling begonnen hatte und den Mirko Adam ab 2010 fortsetzte, zu einem positiven Ende führen. 2018 erfolgte eine Einigung zwischen DESTAG, Familie Shefir und der Planungsgesellschaft Infra Pro aus Lorsch zugunsten des Fortbestandes des Unternehmens: die DESTAG konnte das Betriebsgrundstück und die dazugehörigen Immobilien erwerben.

Nun wurden in Grunderwerb und neue Maschinen eine Million Euro investiert, so daß die Firma heute wieder ihre volle Markt- und Konkurrenzfähigkeit erlangt hat und für ihre Mitarbeiter einen sicheren Arbeitsplatz bieten kann.

Die einzelnen Stationen des Betriebs

Der jetzige Bürotrakt war das ehemalige Sozialgebäude, heute sind alle Büroabteilungen hier untergebracht, die früher im Haupthaus Altbau an der Nibelungenstraße lagen. In der Werkshalle entstehen neue Bauten für Kantine und Küche, auch die Duschen werden modernisiert. Markus Mayer führte mich durch die Werkshalle und erläuterte mir die einzelnen Stationen, die die angelieferten Steinstücke durchlaufen.

Auch heute ist der Geschäftsleitung viel daran gelegen, die etwa 40-45 Mitarbeiter langfristig zu halten. Trotz modernster Maschinen ist die Anfertigung eines Grabsteines zu einem großen Teil Handarbeit und erfordert viel handwerkliches Können. Mayer selbst ist seit 37 Jahren im Betrieb, begann 1984 eine Ausbildung zum Steinmetz, wurde 1994 Meister und erhielt 1998 oder 1999 Prokura.
Obwohl heute nur ein Fünftel der Belegschaft der 1950er Jahre hier arbeitet, wird ein wesentlich höherer Umsatz als damals erwirtschaftet. „Es ist eine sehr spezielle Arbeit, für die eine hohe handwerkliche Kunstfertigkeit erforderlich ist, daher können wir nicht mit Leiharbeitern kurzfristige Spitzen ausgleichen, sondern sind an einer stetigen qualitativ hochwertigen Tätigkeit durch langjährige Mitarbeiter interessiert,“ so Mayer.
Der Arbeitsmarkt im Steingewerbe deckt nicht den Bedarf, und so sucht die DESTAG ständig Steinmetze und hütet ihre Belegschaft wie ihren Augapfel. So vielfältig unsere Kultur geprägt ist, so vielfältig ist auch die Herkunft der DESTAG-Mitarbeiter: aus dem Kosovo, aus Bosnien, aus Kroatien, Syrien, der Türkei und aus Polen kommen die Spezialisten, aber auch aus Deutschland.

Die verarbeiteten Steine kommen heute zu 80% aus Indien angeliefert, der Rest aus der ganzen Welt. Odenwälder Granit ist heute leider nicht mehr vertreten, dafür steigt der Anteil europäischer Materialien stetig. Die Rohblöcke werden bei JUST Naturstein GmbH in Hartha geschnitten und kommen als Rohplatten nach Reichenbach, wo  sie zu Grabsteinen geschnitten und  mit Ornamenten und Schriften veredelt bundesweit an Steinmetzpartner verkauft werden.

Angelieferte Rohsteine...

... und Plattenmaterial, Fotos M. Hiller

Das Unternehmen investierte in modernste Anlagen: eine neue Seilsäge, eine neue CNC-Seilsäge, eine neue CNC-Drehkopfsäge sowie das CNC Bearbeitungscenter ermöglichen die exakte Zurichtung der Rohplatten und Steine für die weitere handwerkliche und kreative Bearbeitung. Zwei eigene LKWs sowie externe Speditionen transportieren fertige Steine in Paletten verpackt.

Seilsäge (oben) und Fräse, Fotos M. Hiller

Das Handschleifen ist die schwerste Arbeit. Das Handschleifgerät wiegt ca. 5 kg und liegt dem Arbeiter während der gesamten Arbeitszeit in der Hand. Besonders schwer ist das „Schuren“: das ist der erste Arbeitsgang der Zurichtung: der Stein wird mit einer diamantbesetzten Stahlscheibe geschliffen, was sehr strapaziös für die Gelenke ist. Durch die heftigen Vibrationen kam es früher zu verformten Fingern. Mein Großvater (er war Steinschleifer im Taunus) konnte zuletzt nur noch Daumen und Zeigefinger der Schleifhand gerade machen, die anderen drei Finger waren steif und krumm.  

Die Handschleifstation, Foto M. Hiller


Mit dem Schuren wird dem Stein die erste grobe Form gegeben, zum Beispiel Anfasungen an den Kanten. Darauf folgt das Schleifen mit feineren Scheiben und dann das Polieren mit Paste und Filzscheibe.

Einer der jungen syrischen Geflüchteten, die seit 2015 nach Lautern kamen und dem die Verfasserin immer wieder einmal geholfen hat, ist an diesem Arbeitsplatz tätig. Es war eine Freude, mitzuerleben, wie er - nach dem frustrierenden Leben in der Flüchtlingsunterkunft mit Hartz IV - in der DESTAG aufblühte. Innerhalb kürzester Zeit begann er verständlich Deutsch zu sprechen und Verantwortung als deutscher Staatsbürger zu übernehmen. Stolz zeigte er der Verfasserin seine Arbeit an der Handschleifmaschine.

Verarbeitete Gesteinsarten und moderne Grabsteingestaltung

Während man früher etwa 20-30 verschiedene Gesteinsarten verarbeitete, sind es heute doppelt so viele - nicht immer zur Freude der Steinmetzen. So gibt es etwa den Halbedelstein Opal „Lemurian Blue“, der sich sehr schlecht verarbeiten läßt, etwa wie Glas. Auch im Grabmalsektor gibt es Modeerscheinungen, die bedient werden müssen. Die Corona-Zeit scheint die Werte wieder etwas zu verändern. Man kann durchaus aktuell von einer Belebung des Grabmalgeschäft sprechen, obwohl statistisch die Sterblichkeit relativ unverändert ist. Nachdem sich ja in den 1970er / 1980er Jahren die Begräbniskultur noch traditionell gut war, hatten sich die vergangenen 20 Jahre des gesellschaftlichen Wandels eher nachteilig für die Unternehmen entwickelt.

Heute können richtige Fotos auf polierte Grabsteine übertragen werden: eine fotografische Folie wird auf den Stein gelegt und mit UV bestrahlt, so daß die hellen Stellen freigelegt werden. Diese können dann sehr fein gesandstrahlt werden, so daß man das Motiv im Stein sieht.

Die fertigen Ausstellungsobjekte zeigen den Ideenreichtum in der künstlerischen Ausgestaltung von Grabmalen. Von klassisch-gediegen bis verspielt mit Glitzersteinchen ist hier für jeden Geschmack etwas zu sehen. Nicht ohne Grund herrscht Fotografierverbot, und daran habe auch ich mich gehalten. Wer meint, ein Grabstein ist ein Grabstein ist ein Grabstein, der sollte sich einmal mit eigenen Augen überzeugen, daß es dabei große Unterschiede gibt und welche handwerkliche Kunstfertigkeit hinter einem modernen Grabstein steckt.

Eine Vorstellung bekommt man beim Blick auf dem DESTAG-Internetauftritt.

Die DESTAG handelt jedoch nicht selbst mit Grabsteinen für Endkunden, sondern beliefert selbständige Steinmetzen.

Auch die verschiedenen Firmenlogos aus 130 Jahren zeigen, wie das Unternehmen mit der Zeit gegangen ist:

Das moderne Logo links und das Logo von 1946 rechts, auf einem Schreiben der DESTAG an einen Schannenbacher Steinbruchbesitzer, siehe hier: Die Steinbrüche im Krehberg

Und die Umwelt?

Während früher der Wasserbedarf einen enormen Kostenfaktor darstellte, wird heute das Brauchwasser in einem geschlossenen System eingesetzt. 1983 konnten 50% des Abwassers in der damals neu gebauten Kläranlage zur Wiederverwendung zurückgewonnen werden, heute sind es 100%.

Damals entnahm man Wasser aus dem Vorbach, der vom Kupferbergwerk her kupferhaltig war. Die Entnahmen und Rückeinleitungen mußten regelmäßig dokumentiert werden. Heute wird nur für die hochmoderne CNC-Anlage Frischwasser benötigt, das jedoch aus dem Trinkwassernetz entnommen wird. Die empfindliche Anlage verträgt nur sauberes Wasser als Kühlmittel. Die Menge dieses Frischwassers ersetzt jedoch im Grunde nur die normale Wasserverdunstung in der Werkshalle, so daß die Gesamtwassermenge in etwa gleich bleibt.

In der Kläranlage wird das Wasser gereinigt, der Klärschlamm zu Blöcken gepreßt und auf eine Deponie entsorgt. Obwohl es eigentlich nur Steinstaub ist, der auf dem Acker ein gesuchtes Mittel zur Bodenverbesserung darstellt, darf der Klärschlamm nicht hierfür verwendet werden, ebensowenig wie früher das Eisen-3-haltige Wasser zum Ausschlämmen, ebenfalls ein guter Dünger.


Heute ist die DESTAG also ein Unternehmen, das sich für seine Mitarbeiter einsetzt und ihrer langfristigen Beschäftigung interessiert ist, ein Unternehmen das mit der Zeit geht und traditionelle wie moderne Grabsteinkunst präsentiert und in bezug auf Anlagen und Umweltschutz auf dem neuesten Stand ist.

Der Wandel in der Begräbniskultur

Es gab in den letzten Jahrzehnten eine Entwicklung weg vom repräsentativen Grabmal, hin zu Urnengrab, zur Urnenwand oder zum Friedwald ganz ohne Grabschmuck. Lesen Sie dazu auch die Beiträge der Verfasserin über den Beedenkirchener Hans Seeger: Ein Steinarbeiter zieht Bilanz und Industriekultur.

Heute stellen die Lautertaler Steinbetriebe unter anderem Küchenarbeitsplatten, Fliesen und Gabbionen (Schotterkörbe) sowie andere Elemente zur Gartengestaltung her. Die Granitblöcke, die verarbeitet werden, kommen aus Schweden, der Schweiz, Frankreich, Italien, Spanien, Australien, Südafrika, Brasilien und Simbabwe. Gefertigt werden daraus Grabmale, aus einem Stein, der vorher einen weiten Transportweg zurücklegen mußte. Material aus Odenwälder Hartstein gehört nicht mehr dazu.

Lesen Sie zur Begräbniskultur auch, was auf den Seiten von Kurz Naturstein-Zentrum Bergstraße  zur Geschichte des Grabmals steht: https://www.kurz-natursteine.de/grabmale

Noch ein weiterer Blick zurück: über die steinverarbeitenden Betriebe in Reichenbach vor 60 Jahren

Die folgende Arbeit aus Anfang 1960 stammt von Friedrich Krichbaum, getippt auf der Schreibmaschine als  3. Durchschlag. Paste & copy war damals Fehlanzeige, wollte man eine Kopie, mußte man mit Durchschlagpapier arbeiten. Dieses bestand aus einer kohlebeschichtetem Folie, die - immer mit der richtigen Seite nach unten! - zwischen die Blätter gelegt werden mußte. Von der Kohleschicht haben wir heute unser CC oder BCC, das wir beim Versenden von Emails verwenden: CC heißt carbon copy, BCC heißt blind carbon copy. Und Tippfehler waren unverzeihlich: man mußte mit Tippex Kreidekärtchen zuerst den falschen Buchstaben nochmal tippen, damit er weiß überdruckt war. Danach wurde der richtige Buchstabe drüber getippt. Eine furchtbare Eselei und optisch nicht sehr schön. Ich fürchte, wenn ich heute Schreibmaschine schreiben müßte, würden mir die Handgelenke abfallen. Durch die mechanisch leichtgängige PC-Tastatur kommt man schnell auf Tippgeschwindigkeiten, bei der die Bildschirmdarstellung manchmal nicht hinterherkommt...
Der Reichenbacher Friedrich Krichbaum hat mir eine solche "Carbon Copy" von vor 60 Jahren zur Verfügung gestellt. Das Original und den ersten Durchschlag gab er 1963 als Prüfungsarbeit für das Lehramt an Volks- und Realschulen ab. Die Arbeit lautete "Geographische Betrachtung der Gemeinde Reichenbach im Odenwald". Der "Schullehrer" im Ruhestand fotografiert gerne seit frühester Jugend und in der Vor-Internetzeit Amateurfunker mit weltweiten Verbindungen.

Hier nun Auszüge aus seiner Arbeit zur Steinindustrie:

"Vor rund 60 Jahren sah es in Reichenbach noch in vieler Hinsicht ganz anders aus. Die folgenden Beschreibungen sind einer Examensarbeit geographischen Inhalts von 1962/63  entnommen und beschreiben den damaligen Entwicklungsstand unseres Heimatortes. Dargestellt wird die Infrastruktur des Dorfes, wie Geschäfte, Gastwirtschaften, Betriebe, die Landwirtschaft, die Steinindustrie und der Verkehr."
Den ältesten Industriezweig Reichenbachs, die wieder entdeckte Steinbearbeitung, beschreibt Krichbaum hier:
"Die Wiederentdeckung der Steinbearbeitung
Mit der Vertreibung der Römer aus unserer Heimat geriet auch die Steinmetzkunst in Vergessenheit, und lange Jahrhunderte hindurch lagen die Felsmassen der Umgebung ungenutzt. (Man kann wohl sagen zum Glück, sonst wären heute wahrscheinlich die Felsenmeere nicht mehr in ihrer ursprünglichen Gestalt vorhanden, ebensowenig die Römersteine).
Es ist wohl seltsam, daß die Fenster- und Türgewände der alten Häuser aus Sandstein bestehen, der von weither geholt werden mußte. Ebenso befinden sich in den Fundamenten alle möglichen Steine (Matthes) nur kein Granit, und das in einer Gegend, wo dieses Gestein überall ansteht.
Erst in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts wurde die Steinindustrie zu neuem Leben erweckt. 'Bis dahin hatte man in unserer Gegend Denkmäler und Grabsteine aus Granit und Syenit vom Fichtelgebirge und aus der Lausitz bezogen oder schwedische Steine in München, Düsseldorf oder Berlin polieren lassen.' (Chelius, geol. Führer).
1879 wurden zum ersten Male Steine am Felsberg und Hahnenbusch durch fünf böhmische Steinmetzen gewonnen und bearbeitet. Ein Jahr später gründeten die Brüder Hergenhahn aus Frankfurt einen neuen Betrieb und beschäftigten etwa 40 Schlesier und Bayern. Jetzt traten auch einige Reichenbacher in den Dienst des neuen Unternehmens, und sie wurden somit die ersten Granitsteinhauer des Dorfes.
Der Steinbearbeitungsbetrieb blühte sehr schnell auf, und es wurden 1886 sogar eine größere Anzahl Intaliener beschäftigt. Nachdem das Unternehmen einige Male den Besitzer gewechselt hatte, ging es 1899 in den Besitz der neugegründeten "AG für Steinindustrie" über. Sie wurde ein Jahr später in die "Deutsche Steinindustrie AG" umgewandelt, nachdem sie einige gleichartige Betriebe in ganz Deutschland angekauft hatte.
Um diese Zeit wurden von den beiden Reichenbacher Betrieben rund 230 Arbeiter und Angestellte beschäftigt.
Die Steinindustrie heute (Anfang 1960)
Nachdem sich die deutsche Wirtschaft von den Einwirkungen des 2. Weltkrieges erholt hatte, ging es auch bei der "Deutschen Steinindustrie AG" (DESTAG) wieder steil aufwärts. Das heutige Reichenbacher Werk (Werk I und II) ist zwar noch eine AG befindet sich jedoch zu 90% in der Hand eines Mannes und ist auch nicht mehr mit anderen Steinbearbeitungsbetrieben verbunden wie in der Gründungszeit, sondern ein selbständiger, unabhängiger Betrieb. Die Zahl der Beschäftigten beträgt rund 150 (Arbeiter und Angestellte). Wie die Betriebsleitung mitteilte herrscht ein starker Arbeitskräftemangel besonders an gelernten Steinmetzen, da trotz weitgehender Mechanisierung iund modernsten Säge- und Schleifereieinrichtungen die Handarbeit in dieser Branche immer noch nicht ersetzt werden kann. Ist auch die Zahl der Beschäftigten gegenüber der Beschäftigtenzahl von 1900 um etwa 1/3 kleiner, so ist doch  durch die Mechanisierung die Produktionsziffer heute bedeutend größer.
Durch die steigenden Ansprüche der Käufer ist es wieder zu jener Kuriosität gekommen, daß der Felsberggranit nicht mehr oder nur noch zu einem verschwindend geringen Teil genutzt wird. Der Steinbruch der Destag ist seit zwei Jahren stillgelegt. Zwei Gründe waren dafür maßgebend:
1. Die Vorkommen an brauchbarem Gestein waren zu unzuverlässig und minderwertig
2. herrschte Mangel an Steinbrucharbeitern.
An Reichenbacher Steinen wird heute nur noch der sehr gefragte Quarz von Borstein und Hohenstein verarbeitet. Alle anderen Rohmaterialien werden aus dem Ausland bezogen.
a) Aus Südschweden ein tiefschwarzer Granit
b) aus Mittel- und Nordschweden rötlicher Granit
c) aus Norwegen bläulicher Granit (wird unter der Bezeichnung "Labrador hell" verkauft, skandinavische Steine wurden schon früher in geringeren Mengen bezogen)
d) Aus der Südafrikanischen Union kommt seit 4 Jahren ein grauer Granit.
Dieses von weither geholte Rohmaterial ist trotz der erheblichen Transportkosten wirtschaftlicher als einheimisches Gestein, da die Blöcke durch besonders große Dimensionen und gute Qualität ausgezeichnet sind. Die in erster Linie hergestellten Denkmäler und Grabsteine gehen in alle Teile der Bundesrepublik und werden zu einem kleinen Prozentsatz exportiert.
Neben der DESTAG gibt es im Dorf noch acht kleinere Steinbearbeitungsbetriebe mit nur wenigen Beschftigten. Davon stellt einer nur Kunststeine her, zwei bearbeiten sowohl Kunst- als auch Natursteine und die restlichen fünf sind reine Natursteinbetriebe.
Die Kunststeinherstellung hat sich erst in den letzten Jahren entwickelt ist aber mittlerweile ein recht einträgliches Geschäft geworden. Die Kunststeinherstellung hat sich erst in den letzten Jahren entwickelt, ist aber mittlerweile ein recht einträgliches Geschäft geworden. Ein Betonkern wird dazu mit Kunststoff in Steinoptik ummantelt und veredelt für Fensterbänke, Treppenstufen, Torpfosten, Zaunpfosten etc."

Soweit der Text von Friedrich Krichbaum aus den 1960er Jahren. Weitere Beiträge seiner Examensarbeit werden in den folgenden Onlinebriefen des Verschönerungsvereins Reichenbach erscheinen. Sie lesen die interessante Beiträge der 14-tägigen Onlinebriefe jeweils hier.

Literatur:

  • Festschrift DESTAG 100, Deutsche Steinindustrie AG Reichenbach, Schroff-Druck Augsburg 1989
  • Der Felsberg im Odenwald, Werner Jorns, 1959
  • HS.Briefe 3, Hans Seeger, im Wandel der Zeit - Auf und Nieder der Grabstein-Industrie, 2016
  • Reichenbacher Heimatbuch, 1987
  • Heinz Eichhorn, Die Entstehung der Arbeiterbewegung im Lautertal 1988 - umfaßt den Zeitraum von ca. 1880 bis zum 1. Weltkrieg

Weiterführende Links zu anderen Beiträgen