Die Altstraßen nach einer Zeichnung von Georg Grohrock und anderes Interessantes über Straßen

Ein geschichtsbegeisterter Wanderer ist Georg Grohrock, pensionierter Geometer aus Gadernheim. Er zeichnete mir in die topografische Karte Blatt 6218 Neunkirchen 1:25.000 (älteres Modell) den Verlauf einiger Altstraßen ein.

Die Hutzelstraße verläuft nordwestlich des Felsberges über Quattelbach, Kuralpe und Neutscher Hof nach Frankenhausen und weiter. Es gab eine Abzweigung nach Steigerts. Ihren Namen hat die Hutzelstraße daher, weil auf ihr früher die Bauersfrauen im Winter mit großen Körben voller Hutzeln zu den Märkten in Darmstadt, Dieburg oder Weinheim wanderte. Als Hutzeln wurde gedörrtes Obst bezeichnet, in früheren Zeiten eine der wenigen Möglichkeiten, die Fülle des Herbstes für den Winter zu konservieren...

Zur Hutzelstraße findet man bei Heinrich Tischner einige Angaben. Er übermittelt die verblüffende Einsicht, daß es sich nach Quellenlage bei der Hutzelstraße um einen unbedeutenden Verbindungsweg im vorderen Odenwald handelt, der kein Handelsweg war, sondern ein "verhutzelter", verschrumpelter Weg mit Schlaglöchern! Der Pfarrer im Ruhestand ist für alle regionalhistorischen Fragen ein kompetenter Ansprechpartner. Tischner verweist auf eine Quelle zum Begriff Hutzelstraße und meint, daß sich daraus vielleicht ein Straßenverlauf rekonstruieren läßt. Aber DA-Eberstadt, Frankenhausen, Hoxhohl, Nieder-Beerbach, Nieder-Modau, Ober-Beerbach, Reinheim, Spachbrücken, Staffel - das sei keine einheitliche Strecke, sondern ein ganzes Straßensystem, ausschließlich im Darmstädter Odenwald.

Ob es eine Fernstraße dieses Namens wirklich gab, ist für ihn also zweifelhaft. Das Südhessische Wörterbuch 3,878 erklärt den Namen in Ober-Beerbach und Balkhausen als "eine Straße, deren Name von den Hutzelbirnbäumen am Straßenrand herrühren". Das sind zunächst Namen von Dorfstraßen, vermutlich aber übernommen von einem Verbindungsweg.

Die gedruckte Ausgabe des Südhessischen Flurnamenbuchs 529 fügt an die bloße Aufzählung der Flurnamen mit Hutzel- eine Erklärung hinzu: "Die Namen erinnern... an den Fernweg, der von der Bergstraße bei Auerbach über Reinheim zum Main führte" (was aber nicht mit der Verortung der Flurnamen übereinstimmt) "auf der das Dörrobst (im Odenwald einst bedeutsames Wirtschaftsgut) transportiert wurde."

Wurden Hutzeln (=Dörrobst) wirklich exportiert oder wurden sie vor Ort selbst aufgegessen? Brachte man sie zum Markt nach Eberstadt, Reinheim, Babenhausen, Aschaffenburg? Dort gab es schließlich eigenes Obst...

Der Reiterweg zweigt an der Kuralpe von der Hutzelstraße ab in östlicher Richtung bis zu einem Punkt auf der Braad Haad (Dialekt für "breite Heide" bei Brandau) zwischen Beedenkirchen, Brandau, Lautern und Gadernheim, kreuzt dort den Weinweg und geht weiter Richtung Ost-Nord-Ost zur Altscheuer, einem keltischen Ringwall bei Lichtenberg.

Der Weinweg verläuft von Elmshausen bis Reichenbach Marktplatz auf der B 47, dort weiter über die L 3099 bis zu den Doppel-S-Kurven, biegt hier in Ost-Nord-Ost über den Schneeberg und Almen bis zur Kreuzung der Straße Beedenkirchen-Lautern und zur Braad Haad ab, knickt dort nach Süd-Süd-Ost ab, verläuft über den Hinkelstein östlich von Gadernheim bis zur Neunkircher Straße, verläuft auf ihr in Ost-Nord-Ost südlich vorbei am Rauhestein, Hühnerwald, Gehrenstein und Westergiebel (die vier Kuppen der Neunkircher Höhe, von Südwesten aus gesehen) bis zur Fahrstraße zum Kaiserturm, verläuft auf dieser bis zur großen Lichtung in südlicher Richtung, knickt an der Lichtung nach Osten ab zum Parkplatz Weinweg an der Straße Neunkirchen-Winterkasten, kreuzt diese und verläuft in nordöstlicher Richtung nördlich vorbei an der Germannshöhe oberhalb Laudenau, südlich des Rimdidim, Meßbach und Nonrod weiter Richtung Aschaffenburg.

Gadernheim liegt am Weinweg mitten zwischen den beiden Steilstrecken in der Graulbach (Reichenbach-Beedenkirchen) und der Neunkircher Höhe und ist evtl. nur aufgrund der Straße entstanden, wie Grohrock vermutet. Der Weinweg wurde auch hohe Straße genannt.

Die meisten Altstraßen verlaufen auf den Höhenrücken, da die Täler sumpfig und oft unpassierbar waren. Auch der Weinweg verläuft entlang der Wasserscheide über die Neunkirchener Höhe Richtung Rodenstein. Über das Wegerecht gibt es 300-400 Jahre alte Verträge (z.B. Braad Haad). Vom Weinweg ging und geht vom Brandauer Weg ein Feldweg mitten durch den Dingeldeinhof in Gadernheim.

Wenn hier von der Hohen Straße die Rede ist, ist jedoch nicht der Weinweg gemeint. Die Hohe Straße kommt von Schönberg her und verläuft  südlich des Hofgutes Hohenstein und dem Köppel in Ost-Nord-Ost nördlich von Breitenwiesen durch den Salztrog zum Schelmenacker, kreuzt dort die B47, läuft auf den Höhenweg zum Kapellenberg, wo sie nach Osten abknickt und den Paß zwischen Raupenstein und Neunkircher Höhe, die Schleich bis Winterkasten nutzt. Dort quert sie die Straße, umgeht südlich die Breite Irr in einer Kurve zum Vogelherd, quert die Straße in Laudenau in östlicher Richtung durch den Reichelsheimer Wald zum Richtplatz und weiter. Marieta Hiller, August 2016 - nach Informationen von Georg Grohrock aus dem Jahr 2000

Ohne Wasser keine Burg

Ein sehr spannendes Buch über die Versorgung der Höhenburgen und den Bau der Tiefbrunnen hat Axel W. Gleue2014 veröffentlicht. Im Mittelalter, als die Trutzburgen auf den Hügeln erbaut wurden, stellte sich das Problem der Wasserversorgung ebenso wie heute für moderne Gemeinden als eine der wichtigsten Aufgaben.

In den Dörfern konnte Wasser aus nahegelegenen Quellen geschöpft werden oder es gab einen Brunnen in der Ortsmitte. Auf die hochgelegenen Burgen konnte das benötigte Wasser nicht transportiert werden, dazu war die erforderliche Menge zu groß. Für Soldaten, Pferde, Rinder und Schweine sowie den Nutzgarten wurden zahllose Eimer Wasser benötigt. Die Maßeinheit 1 Eimer faßt ca. 50 Liter, was ausreichend war für 10 Mann Burgbesatzung oder für ein Pferd oder Rind oder 5 Schweine. Und sehr wichtig war auch die Bevorratung von Löschwasser. Deshalb war ein Tiefbrunnen meist unumgänglich. Dies wiederum war ein bergmännisches Unterfangen, für das viel Bauwissen erforderlich war. Am Beispiel einiger Burgen, darunter Breuberg, Otzberg, Windeck, Ronneburg und Lindenfels und mit vielen aufschlußreichen Zeichnungen präsentiert Gleue seine Ergebnisse.

Lesetipp: Axel W. Gleue, Ohne Wasser keine Burg, ISBN 978-3-7954-2746-7.

Wie Städte entstanden: immer der Straße nach

Zuerst gab es die Straßen, genutzt für militärische und wirtschaftliche Zwecke. Salz, Lebkuchen oder auch Stoffe wurden vom Erzeuger zum Kunden gebracht. In Abständen, die ein Pferdefuhrwerk gut an einem Tag zurücklegen konnte, entstanden Gasthäuser, auch Relais genannt. Dort wurden die Reisenden und die Pferde versorgt, es standen Ersatzpferde für den nächsten Tag bereit. Rund um Augsburg läßt sich diese Wegstrecke noch heute auf der Landkarte ablesen: in 30-40 km Abstand liegen „Fuggerstädte“.

Noch wesentlich älter ist der Salzhandel. Er ist belegt seit der Zeit der Römer. Für die Strecke Rom-Köln war man 67 Tage zu je 30-35km unterwegs, von Mansio zu Mansio, als Soldat zu Fuß in Sechserreihen. Reitende Boten schafften 150 km. Ein spektakulärer Fund war die Entdeckung der Römerstraße im Moor zwischen Lermoos und Ehrwald: sie war 7 Meter breit, schnurgerade durch das Moos.

Später konnte das Fuhrwesen die Strecke Augsburg-Venedig in 6 Wochen zurücklegen, ein feingeknüpftes Netz von Straßenstationen und verfügbaren Fuhrleuten entstand. Jeder durfte einen festen Abschnitt bedienen, so daß die Ware auf ihrem Weg durch die Hände unzähliger „Besitzer“ wanderte. In Österreich ersetzte Maria Theresia dieses Rodwesen (Rod = Straße, siehe engl. road, verwandt mit Rotte, der Straßenbaumannschaft) durch durchgängige Streckenzuständigkeit und Verantwortlichkeit.

Bis zur Einführung der Eisenbahn war das Straßenwesen ein wichtiger Handelsfaktor. Mit der Eisenbahn kam die erste industrielle Revolution, ein Schienennetz mit Bahnhöfen und Betriebswerken entstand, und vor allem eine einheitliche Zeitmessung. Dörfer mit Bahnhof blühten auf, das Fuhrmannswesen dagegen starb. Heute findet man interessante Utensilien wie Rehmschuh, Fuhrmannsstiefel oder Fuhrmannsglas in den Heimatmuseen.

Doch auch die Eisenbahn ist heute schon Geschichte: viele Strecken wurden stillgelegt, Bahnhöfe verfallen oder werden privat bewohnt, die Dörfer sind wieder in ihre - durch den demografischen Wandel noch verschärfte - Beschaulichkeit zurückgekehrt. M. Hiller, Sept 2016

Als die Riegelstraße in Amerika gebaut wurde

"Dieses Jahr war überhaupt Geld genug zu verdienen wegen der Riegelstraße. ... Die Riegelstraße führt hier bei Friedrichstadt (in Amerika) vorbei gegen den Ohio Staat. Die Riegelstraße ist ein ganz eben gemachter Weg, 18-20 Fuß breit, der bisweilen tief durch Hügel durchgegraben ist und worauf viereckige eichen Riegel fest zusammen gekeilt sind, worauf Eisen genagelt ist, und auf diesem Eisen gehen die Packwägen mit Eisen gegossene Räder, welche an der Innenseite eine Falze haben, damit die Räder nicht aus dem Riegel springen: diese Wagen treibt der Dampf."

Haben Sie erkannt, worum es geht? Natürlich: um den Bau der Eisenbahn - die war in den Jahren um 1830 noch unbekannt, in Deutschland wurde die erste Eisenbahn erst am 7. Dezember 1835 eröffnet. Aus: Wir ziehen nach Amerika - Briefe Odenwälder Auswanderer aus den Jahren 1830-1833, zusammengestellt von Marie-Louise Seidenfaden und Ulrich Kirschnick, 1988. ISBN 3-923366-03-5

Als die Eisenbahn nach Bensheim kam

Der Gadernheimer Meilenstein