Ein schauriger Ort im Odenwald ist der dreischläfrige Galgen bei Beerfelden. Auf der Anhöhe liegt der einzige heute noch erhaltene Galgen seiner Art, errichtet aus Sandstein anno 1597. Vorher stand auf der Gerichtsstätte bereits ein hölzerner Galgen aus uralten Zeiten.

Bereits die alten Germanen kannten die Hinrichtung durch Hängen, wie Tacitus (55-116 n. Chr.) berichtet. Gehängt wurden Diebe, während Mörder meist gerädert wurden. Und so machten Diebe auch in Beerfelden am historischen Galgen Bekanntschaft mit „des Seilers Tochter" bzw. mußten „Hanfsuppe" essen.

Während die Grafschaft Erbach, zu der auch Beerfelden zählte, über 1000 Jahre Kontinuität (echte 1000 Jahre, nicht nur 12 die für 1000 verkümmelt wurden!) und Eigenständigkeit bewahren konnte, herrschten in den meisten Kleinstaaten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation ständiger Wechsel. Man legte Wert auf einen ansehnlichen Galgen zum Beweis der eigenen Gerichtsbarkeit. Hierzu auch: Als die Reformation in den Odenwald kam

Stolz erbaute man die Galgen auf weithin sichtbaren Anhöhen, aber sein Schatten durfte nicht auf Nachbarland fallen. Die Flurnamen deuten heute noch auf Richtstätten hin: Galgenberg, Galgenäcker, Hochgericht. Ein dreischläfriger Galgen, im Volksmund auch "Dreibeiniges Tier" genannt, war schon etwas besonderes. Das Beerfelder Hochgericht an der ehemaligen Zentlinde, an der Gabelung von Güttersbacher und Airlenbacher Weg, heißt im Flurnamenbuch noch heute "Zur Centlinde".

Ringsum den Beerfelder Galgen stehen auch heute alte Linden und vor dem Galgen liegt das Sandsteinkreuz, auf dem der Delinquent seine letzte Beichte ablegen durfte und vor der Reise in die Ewigkeit Absolution erhielt. Errichtet wurde ein Galgen immer von allen Bürgern einer Stadt. Jeder mußte mithelfen. Einst bewahrte man deshalb zu Frankfurt einen Nagel auf für einen Zimmermann, der zur Zeit der Errichtung des Galgens gerade verreist war. Als er zurückkehrte, mußte er den Nagel in den fast fertiggebauten Galgen einschlagen. So wurde sichergestellt, daß die Richtstätte wirklich von allen Bürgern akzeptiert wurde. Und alle freien Männer mußten beim Hängen Hand anlegen: ein jeder mußte symbolisch den Strick berühren.

Denn es war eine schaurige gruselige Stätte, und es rankten sich viele abergläubische Riten ringsherum. Die Todesstrafe war eine kultische Handlung, zur Abschreckung von Übeltätern an der Gemeinschaft. Nackt wurde der Bösewicht in alten Zeiten gehängt, später mit Büßerhemd. Natürlich bekam er auch die Henkersmahlzeit. Die gesamte Gemeinschaft wohnte dem Hängen bei, und der Gehängte durfte nicht vom Galgen abgenommen werden.

Denn jetzt kamen die Raben (Krähen) ins Spiel. Sie zerhackten den Leichnam, bis fast nichts mehr übrigblieb. Anders war es, wenn der Vorgang des Hängens nicht klappte, wenn der Zu Hängende herabfiel und - mit etwas Glück - noch lebte. Denn dann hatte Gott das Opfer nicht angenommen, und der Täter durfte als unschuldiger Mensch von dannen ziehen. Aber wenn zusammen mit dem Täter Hunde oder Wölfe aufgehängt wurden, war das ein besonders starkes Ritual.

In Beerfelden hängte man zuletzt im Jahr 1804 eine Zigeunerin, die für ihr krankes Kind ein Huhn und zwei Laib Brot gestohlen hatte. Auf dem Weg zur Richtstätte soll sie der Erzählung nach geschrien haben:

weil das Volk am heißesten Sommertage stürmisch bergauf drängte, ihr selbst es aber gar nicht pressiere..., sie sei ja die Hauptperson bei dem Spektakel und der Henker solle ruhig warten bis er blau würde, er bekäme es ja bezahlt und das Volk würde noch genug zu sehen bekommen für sein Geld..., "bevor ich nicht oben bin geht es doch nicht los."

Um 1800 wurden viele gehängt: durch die Auflösung der territorialen Ordnung bildeten sich große Räuberbanden, und oft brannte man Dieben zunächst einen Galgen auf den Rücken.

Oft aber wurden sie auch gehängt. Die letzte Hinrichtung durch Erhängen fand 1812 in Offenbach statt. Waren Räuber oder Zigeuner erst einmal gefaßt, wurde er beim Centgericht abgeurteilt und der Tag der Hinrichtung festgelegt. War dieser Tag gekommen, so wurde der Täter nochmals öffentlich abgeurteilt und der Stab über ihm gebrochen. Diese feierliche Handlung nahm der Centgraf vor. Gefesselt wurde der Delinquent dann in einem langen Zug aus Schaulustigen auf dem Schinderkarren zum Galgen gefahren.

Oft mußte der Kläger selbst oder die Dingpflichtigen (die Bürger) die Hinrichtung vollziehen. Später entstand der Beruf des Henkers. Er trug in vielen Kulturen besondere Merkmale und hatte Privilegien, aber er war auch von Aberglauben und Angst umweht: der "Knüpfauf" mußte neben dem Hängen weitere unbeliebte Tätigkeiten verrichten: als Abdecker (Schinder), als Kloakenreiniger und Hundefänger. Starb einmal ein Henker, so wollte ihn niemand zu Grabe tragen, er war vom Abendmahl ausgeschlossen, und seine Kinder durften kein Handwerk erlernen. Schon die Berührung eines Henkers machte wohlanständige Bürger unehrlich.

Galgen bei Siedelsbrunn, Foto G. Morr

Aber der Henker tat sich auch als Arzt, als Zauberer oder Geisterbanner hervor. Henker konnten bannen, das bedeutet, jemanden auf der Stelle festsetzen. Die Leute holten sich ein Holzstück vom Galgen, um es für Zaubertränke zu verwenden oder unter die Türschwelle zu legen. Damit konnten Hexen gebannt werden und es schützte vor Gewitter. Wilde Pferde wurden zahm, wenn Gebiß, Mundstück und Sporen aus Galgenketten geschmiedet war. Unbesiegbar wurde, wer einen Ring aus einem Galgennagel trug, und der Galgenstrick wurde vom Henker in kleinen Stückchen als Amulett verkauft.

Unter dem Galgen wuchs die Alraune. Grub man an einem Freitag vor Sonnenaufgang vorsichtig die Wurzel aus, band eine Schnur daran und ließ einen schwarzen Hund die Wurzel ziehen. Dabei mußte man sich die Ohren verstopfen, denn das Galgenmännlein schrie fürchterlich. Wer es hört, fällt tot um. Die Haut eines Gehängten wurde zu zauberkräftigen Gürteln, und im Schädel des Gehängten goß man Kugeln, die ihr Ziel niemals verfehlten. Den Daumen trug man im Geldbeutel, so daß das Geld nie alle wird. Eine Hand vergrub man unter der Krippe, so blieb das Vieh gesund, und eine kleine Rippe pulverisiert in Weinessig gerührt hilft gegen die rote Ruhr. Das Blut wurde als Zaubermittel verkauft, oder die Frau des Henkers braute Zaubertränke für allerlei Zwecke. Fieber konnte durch das Tragen eines Knochenstückes vom Arm des Gehängten auf dem bloßen Leib senken. Nachdem der Beerfelder Galgen nach der letzten Hinrichtung 1804 ein Jahrzehnt lang ungenutzt stand, kamen Kosaken, die nach der Völkerschlacht bei Leipzig 1814 vor Napoleon flohen.

Sie schmiedeten sich für ihre Pferde aus den Bandeisen des Galgens Hufeisen. Es könnte aber auch sein, daß es Einheimische waren, denn Hufeisen aus Galgeneisen waren ja zauberkräftig. Und noch ein magisches Zeichen: die Eisenstäbe des Galgens verrosten nicht, obwohl sie jahrhundertealt sind - Beweis für die Zauberkraft des Galgens.

So magisch ist es aber gar nicht: denn man verwendete im Mittelalter manganhaltiges Gestein (das Odenwälder Manganeisen findet man zum Beispiel zwischen Reichelsheim-Bockenrod, Vierstöck und "rotem Kandel").

Lesetipp: 

Kurt Siefert: die mittelalterliche Richtstätte des ehemaligen Gerichtsbezirks Beerfelden, 1984