Das erste Durchblick-Jahrbuch liegt nun vor, mit den wichtigsten Beiträgen, die ich 2021 sammeln konnte. Für meine Geschichte(n) bin ich ständig unterwegs: zu Interviews mit Zeitzeugen, in Archiven und Bibliotheken und natürlich auch im Internet. Deshalb trägt das Jahrbuch auch den Titel "Spinnstubb 2.0". Die Spinnstube war eine Zusammenkunft an den Winterabenden früherer Zeiten, an denen man mangels Fernsehen beisammensaß und erzählte. Die Geschichten wurden dann am späteren Abend immer abenteuerlicher...

Lesen Sie, was im Jahrbuch steht und wie Sie es bekommen können!

Auf diesen Seiten finden Sie Ergänzungen und weitere Fotos, die nicht mehr ins Jahrbuch gepaßt haben. Alles was im Jahrbuch steht, finden Sie im ausführlichen Inhaltsverzeichnis, mit Literaturtipps und weiterführenden Links, auf dieser Seite!

 

 

Marieta Hiller, 2021

 

 

Der Beginn der künstlichen Ultramarinerzeugung

Im Bauerndorf Lautern entwickelte sich aus einer Mühle seit 1852 zu einer chemischen Industrieanlage, auch „Blaufabrik“ genannt. Über eineinhalb Jahrhunderte lebten viele von und mit der chemischen Industrie. Wie der alte Name schon sagt, wurden hauptsächlich Farbstoffe hergestellt, z.B. das bekannte Waschblau (Ultramarin), das früher der Kochwäsche beigegeben wurde und der Vor-Persil-Generation zu strahlendem Weiß verhalf. 1996 schloß die Ciba Geigy Marienberg für immer ihre Pforten. Ein vitales Einkaufs-, Handwerks- und Dienstleistungszentrum erfüllt jetzt die Gebäude und Plätze mit Leben.

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Arbeitsvertrag aus dem Jahr 1895: Werkmeister Peter Mink aus Reichenbach

 

Die Vereinigten Ultramarinfabriken, vormals Leverkus, Zeltner & Consorten, räumte Herrn Mink ein Jahresgehalt von 2475 Mark ein, das monatlich à 206,25 Mark ausbezahlt wurde. Ein Kilo Rindfleisch kostete damals 20 Pfennig. Damit hätte er sich - gemessen am heutigen Verhältnis zwischen Einkommen und Rindfleischpreis - dreimal soviel Fleisch leisten können wie wir heutzutage.

Mink mußte sich auf Ehrenwort verpflichten, nach Ausscheiden aus der Firma fünf Jahre lang kein Ultramaringeschäft zu gründen oder als Teilhaber einzusteigen. Bei Verletzung wurde eine Conventionalstrafe von 10.000 Mark fällig. Der Vertrag war zunächst auf vier Jahre befristet und beinhaltete freie Wohnung, Brand, Licht und Gartenbenutzung.

1901 wurde der befristete Vertrag durch einen neuen Vertrag ersetzt:

Diese Unterlagen stellte mir freundlicherweise Ruth Steinmann aus Reichenbach zur Verfügung. Ihr Mann Horst Steinmann ist der Urenkel von Peter Mink. Der Sohn von Peter Mink war ebenfalls bei der VU angestellt, ging zunächst jedoch nach Belgien. Da er dort keine Betriebsgeheimnisse der VU verraten hatte, wurde er hier wieder eingestellt.

Heinrich Mink II und VII: ein Puzzlespiel

Spannend war es, das Rätsel um die beiden Männer zu lösen. Es begann mit der Mitteilung von Katharina Herzog aus Brandau (gebürtig aus Raidelbach), die mir von ihrem Urgroßvater erzählte, der als Aufseher in der Blaufarbenfabrik Lautern gearbeitet hat.
Weiter ging die Suche anhand von Fotografien, die in der Ausstellung im Rathaus Reichenbach (2. Stock) zur Blaufarbenfabrik hängen.
Frau Herzog erzählte außerdem, daß einer der Söhne von Heinrich Mink II der Großvater von Ernst Mink aus Reichenbach sei, also sprach ich auch mit Familie Ingrid und Ernst Mink. Die beiden suchten extra alte Fotos heraus und halfen bei der Spurensuche mit, bis wir die beiden Herren genau identifiziert hatten.
Dank Ingrid und Ernst Minks eigenen Fotos konnte so zweifelsfrei festgestellt werden, daß Heinrich Mink II der Urgroßvater von Katharina Herzog und von Ernst Mink ist.

Aufseher Heinrich Mink (II), geboren am 5.6.1853 zu Reichenbach. Im Rathaus Reichenbach hängen diese beiden Urkunden der Vereinigten Ultramarinfabriken KG, vormals Leverkus, Zeltner & Consorten Köln am Rhein:
Für 25 jährige immerdar treu geleistete Dienste 1868-1893
Für 50 jährige treu geleistete Dienste 1868-1918

Packmeister Heinrich Mink VII, genannt "der Lange" (mit 1,94 m Größe) geboren um 1879, gestorben 1945 - das große Foto hängt in der Rathaus-Ausstellung, auf seiner Rückseite klebt der Stammbaum sowie ein Zettel "Privatbesitz von Christa Nickel, ihrerseits die 4. Generation der Familie.

 

Hier der rekonstruierte Stammbaum der Nachkommen von Heinrich Mink II. Die römischen Zahlen hinter dem Familiennamen wurden früher der Übersichtlichkeit halber hinzugesetzt.

1. Generation: Heinrich Mink II
*05.06.1853 in Reichenbach, gestorben 10.11.1919 Marienberg
Infos: er war Aufseher, von ihm hängen zwei Urkunden im Rathaus, zum 25. (1893)und zum 50. Betriebsjubiläum (1919). hatte insgesamt 10 Kinder mit zwei Ehefrauen (nacheinander). 1875-1876 ist er von Lautern nach Reichenbach gezogen.
Mit seiner 1. Ehefrau Elisabetha Margaretha Rettig (*17.09.1853 Lautern, Heirat am 15.11.1874 in Reichenbach, gestorben 12.02.1884 Reichenbach, nur 31 Jahre alt) hatte er sechs Kinder:
1 Maria Mink * 1873 in Lautern
2 Heinrich Mink * 1874 in Lautern, + 1875 in Lautern
3 Barbara Mink * 1876 Reichenbach, (verheiratet mit Philipp Müller Gadernheim = Großeltern von Katharina Herzog)
4 Heinrich Mink VII * 1879, gestorben 1945 Reichenbach, Spitzname „der Lange“
5 Philipp Mink * 1881 Reichenbach, er führte die Poststation in Elmshausen
6 Elisabetha Mink * 1884 in Reichenbach
Mit seiner 2. Ehefrau Elisabetha Röder ( * 20.11.1862 in Gadernheim, Heirat am 11.01.1885 in Reichenbach, gestorben ?) hatte er laut Katharina Herzog vier Kinder, im Online-Ortsfamilienbuch Reichenbach wird jedoch nur Margaretha Mink * 1885 in Reichenbach aufgeführt.
Heinrich Mink II hatte neun Geschwister:
1 Anna Maria * 1842 in Reichenbach, war Postdirektorin in Bensheim, hatte keine Kinder;
2 Johann Philipp * 1844 in Reichenbach, + 1844 in Reichenbach, verstarb im ersten Lebensjahr. Vier Jahre später kam Johann Philipp IX zur Welt, man gab früher oft späteren Kindern den gleichen Namen wie einem zuvor Verstorbenen. Dies hatte etwas damit zu tun, daß die in der Familie üblichen Vornamen immer wieder vergeben wurden, auch weil eine Patenschaft sowie die Ehrung von älteren Generationen wichtig waren.
3 Johann Peter * 1845 in Reichenbach
4 Johann Philipp IX. * 1848 in Reichenbach
5 Katharina * 1851 in Reichenbach, + 1852 in Reichenbach
6 Heinrich II *05.06.1853 in Reichenbach, + 10.11.1919 Marienberg
7 Margaretha * 1856 in Reichenbach, Gretel genannt, sie hatte ein Kind (alle Angaben zu finden im Online-Ortsfamilienbuch Reichenbach
8 Georg Peter * 1860 in Reichenbach, + 1868 in Reichenbach
9 Eva Katharina * 1863 in Reichenbach
10 Elisabetha * um 1865
Heinrich Mink II ist der Urgroßvater von Katharina Herzog geb Drescher aus Raidelbach, jetzt Brandau (*1927) und Ernst Mink aus Reichenbach (*1947)

2. Generation: Heinrich Mink VII „der Lange“
geboren 1879, gestorben 1945
Infos: er war 1,94 m groß und sehr schlank, arbeitete als Aufseher bzw. Packmeister;
er ist der Großvater von Ernst Mink, Reichenbach;
Laut Ernst und Ingrid Mink (Reichenbach) hatte er mindestens zwei Kinder: Anna, verheiratete Nickel, und die jüngste Tochter Elise, die jedoch im Online-Ortsfamilienbuch Reichenbach nicht aufgeführt sind.

3. Generation:
1. Tochter Anna Nickel war die erste Frau, die im Akkord gearbeitet hat. Sie konnte so ihrer Mutter (Frau von Heinrich VII) ein kostbares Porzellangebiß kaufen; sie war verheiratet mit Heinrich Nickel (*22.5.1912) aus Hochstädten
2. Ernst *1947
3. Elise, ihr im Krieg (ca. 1942-1944) Neugeborenes ist auf einem Foto zu sehen, ihre 12jährige Tochter Irmgard starb 1944.

4. Generation:
Annas Schwiegertochter ist Christa Nickel, Besitzerin des Fotos von Heinrich VII in der Ausstellung, sie war Sekretärin in der Fabrik.

 

ganz links Postdirektorin Anna (*1842), zweite von links ist die (1. oder 2.?) Ehefrau von Heinrich II (Foto aus dem Bestand von Ernst und Ingrid Mink, Reichenbach)

oben ganz rechts ist Postdirektorin Anna, links davon Gretel (Foto aus dem Bestand von Ernst und Ingrid Mink, Reichenbach)

Elise ist die Frau in der Mitte mit Baby, die jüngste Tochter von Heinrich VII, verheiratet mit Friedrich Lambert aus Wilmshausen; links von ihr steht Heinrich VII. Das ältere Mädchen links ist ihre Tochter Irmgard
(Foto aus dem Bestand von Ernst und Ingrid Mink, Reichenbach)

links Grab von Heinrich VII, rechts das Grab von Irmgard Mink (1932-1944, gestorben an Herzinnenhautentzündung durch Scharlach) und Günther Nickel, Annas Sohn (1936-1943, gestorben an Diphterie)
Fotos aus dem Bestand von Ernst und Ingrid Mink, Reichenbach

Lesen Sie zu Katharina Herzog auch „Es hat sich noch niemand arm geschenkt“...

 

Noch ein Puzzlespiel: Wer sind diese Herren?

Auf der Suche nach den auf diesem Foto dargestellten Personen war mir Karljosef Kuhn behilflich:

 

In der Mitte hängt die Fotografie von Heinrich Mink VII, aber wer sind die Herren rechts und links? Karljosef Kuhn schickte mir die folgenden drei Abbildungen:

Und das folgende Foto hängt in der Ausstellung und zeigt u.a. Carl-Bodo Leverkus.

 

 

Somit lassen sich die drei Porträts auf dem obersten Foto wie folgt zuordnen:
Links: Carl Leverkus (5.11.1804-4.2.1889), Gemälde um 1825
Mitte: Heinrich Mink VII
Rechts: Otto Karl Leverkus (22.11.1883-7.10.1957) ?

---------------------------------------------------------------------------

Mein alter Schulfarbkasten, der deutlich zeigt welches meine Lieblingsfarben sind...

Jetzt wird es sehr technisch:

Künstlich hergestellt werden die Farben nach folgenden Verfahren:
Ultramaringrün: Sulfatverfahren aus Kaolin, Natriumsulfat und Holzkohle
Ultramarinblau: das U-Grün wird mit Schwefel geröstet oder mit Schwefeldioxid bei hoher Temperatur behandelt und wandelt sich so in Ultramarinblau um. Die chemische Zusammensetzung und das Kristallgitter bleiben gleich.
Man kann das Blau auch nach dem Sodaverfahren in einem Arbeitsgang herstellen: aus Kaolin, Soda, Schwefel, Pech und Kieselsäure. Dies wurde vor allem in Marienberg gemacht. Große Mengen Ultramarinblau in vielen Farbnuancen, aus dem sich auch Ultramarinviolett und Ultramarinrot erzeugen ließ, sowie Kleinstmengen an Ultramaringrün wurden hier produziert. In der Weißmühle standen vier kleine Kammeröfen, ein kleiner rundofen im oberen Brennhaus und 42 große Kammeröfen im unteren Brennhaus. Die Information über die Ultramarinherstellung in Marienberg habe ich dem Beitrag von Herrmann Erb in der Broschüre des Verschönerungsvereins Gadernheim (1985) entnommen. Erb war Chemotechniker und seit 1965 in Lautern tätig, später für verschiedene Entwicklungsabteilungen in Lautern und Lampertheim. Im Ruhestand ab 1993 beschäftigt er sich weiter mit der Ultramarin-Entwicklung und erhielt 1996 ein Patent darauf.

Drei Kugelmühlen erzeugten aus der Rohmischung ein feines homogenes Mehl, das geschah in der Weißmühle, täglich 28,8 Tonnen. Das Kaolin, das für die Rohmischung benötigt wurde, wurde zuvor kalziniert. Das sparte beim Einsatz der anderen Rohstoffe, reduzierte die Umweltbelastung durch Reaktionsgase und Schwefeldioxid und den Salzgehalt im Wasser. Zudem vergrößerte es die Ausbeute an Ultramarinblau. Das kalzinierte Kaolin wurde in drei kleinen Kammeröfen in der Weißmühle gebrannt, ca. 24 Tonnen pro Woche.

Die Farben wurden in Tiegeln gebrannt. Diese faßten je 10 Liter und wurden aus Schamottegranulat oder Kapselscherben mit Tiegelton und Wasser im Kollergang gemischt, in einer Strangpresse entlüftet und portioniert. Die Tiegelpresse formte dann aus den Batzen Tiegel. So konnten pro Tag bis zu 350 Tiegel und150 Deckel hergestellt werden, die dann drei Tage trocknen mußten, bevor sie gebrannt wurden. Ein Tiegel wog dann ca. 8,5 kg. Er wurde mit 12,5-14 kg Rohmischung befüllt und mit 1200 Kollegen in den Kammerofen eingesetzt. Um Deckel zu sparen, setzte man die Tiegel Öffnung auf Öffnung (die zweite Reihe kopfunter) auf. 6-7 Tiegel pro Säule waren möglich. Die Kammeröfen konnten so jeweils 11-16 Tonnen Ausgangsmischung brennen. Pro Monat wurden 46 Durchläufe gebrannt, ein komplizierter Vorgang mit vielen Regelungs- und Überwachungsarbeiten. Insgesamt dauerte ein Brand 12-13 Tage, bevor der Ofen 2-3 Tage lang abkühlen mußte. Der Inhalt wurde dann herausgeklopft, es gab drei Qualitäten: 1. weiße Anteile = Abfall, 2. helles Blau = 2. Sorte, 3. kräftiges Blau = 1. Sorte und somit der gute Ultramarinblau-Rohbrand. Dieser wurde danach entsalzt und wiederum gemahlen, in zwei Kugelmühlen mit Quarzsteinchen als Mahlkies und Mahlflüssigkeit (Natronwasserglas) wurde der Rohbrand hier zu einer feinen Paste, die danach in der Flotation aufbereitet wurde. Abfallprodukt waren monatlich ca. 1,5-2,5 Tonnen Schwefelschlamm, der auf der Schutthalde gelagert wurde. Täglich konnten drei Chargen flottiert werden. Weiter ging es durch die Schlämmerei: in mehreren Kaskaden setzten sich die Körnchen in verschiedenen Stärken ab, die dann weiter zur Trocknerei wanderten. Die Brühe aus der Schlämmerei wurde ausgeflockt und getrocknet, das Wasser dekantiert. In der Trocknerei blieben die beladenen Horden 12-22 Stunden bei 150 Grad, das Ergebnis war Brockenblau, das dann in die blauen, heute als Regenwasserfässer beliebten 200-Liter-Fässer kam. 250-300 Fässer standen meist im Brockenlager, sorgsam beschriftet mit dem Farbton von dunkel bis hell, dem Reinheitsgrad von schmutzig bis höchste Brillanz und der Farbkraft von schwach bis stark. Das Farblabor ordnete jeweils Mustertütchen zum Verkaufsprogramm.

Das Brockenblau wurde gesiebt, getrocknet, zu homogenen Farbmischungen zusammengestellt und abgepackt. Papiersäcke, innenbeschichtete Säcke oder Papptrommeln von je 25 kg konnten in den Versand gehen. Im Lager konnte etwa eine Monatsproduktion gelagert werden. In den Handel kam neben normalem Ultramarinblau auch säurebeständiges, zementbeständiges, salzarmes, entschwefeltes, hydrophobes oder hydrophiles (wasserabstoßend oder wasseranziehend) Ultramarin.

Was das weltberühmte Alpinaweiß mit dem Ort Ernsthofen an der Modau zu tun hat:

Das Waldhaus: ein lebendiges Museum

 

Kunststoff im Museum Ober-Ramstadt

Bevor es bezahlbare Kunststoffe gab, wurde vorwiegend Schildpatt für Gebrauchsgegenstände verwendet, deren Haupteigenschaft Flexibilität sein sollte.
Die Anfänge im Spritzguß: eine Battenfeld-Anlage von 1960 Kämme waren früher aus Schildpatt, Holz oder Knochen - ebenso wie Knöpfe. Hier das Firmenschild der Kamm-Celluloidwarenfabrik Jac. Reimann Ober-Ramstadt

 

Ausstellung im Heimatmuseum Ober-Ramstadt, 2010 - Ausstellung im Heimatmuseum Ober-Ramstadt, 2010  - das Museum beherbergt auch eine interessante Abteilung zum Frisurenwesen: Perücken, Haarschmuck, Brennscheren für Locken und Wellen sowie eine komplette Frisöreinrichtung - schauen Sie bei Gelegenheit mal rein!

 

Knöpfe aus Reinheim: aus Holz, Horn - oder aus Kunststoff!

Eine Ausstellung im Heimatmuseum Reinheim im Jahr 2013 befaßte sich nur mit Knöpfen und Knopfherstellung. Auch zeichnete sich die Entwicklung günstiger Kunststoffe im Laufe der Jahrzehnte gut ab.
Mit Farbe - darunter natürlich auch Ultramarin - und Pinsel wurden von Hand alte Militärknöpfe "umgewidmet" zu dekorativen Trachtenknöpfen. Lesen Sie zum Thema Knöpfe auch "Knopfgeschichten" - dazu ist sicher noch nicht das letzte Wort geschrieben und das letzte Archivfoto veröffentlicht!

 

1969: Die große Kesselexplosion in Lautern

An seinem vorletzten Tag als Werkstudent wurde der Lauterner Hans Fuchs im Alter von 22 Jahren zum Rentner: am frühen Nachmittag des 27. März 1969 explodierte in der DAP in Lautern ein Kessel.  Bei der Herstellung eines Additives zur Kunststoffstabilisierung erfolgte eine exotherme Spontanreaktion mit extremer Gewalt. Ob der Kessel mit falscher Rezeptur bestückt worden war oder ein anderer Fehler vorlag, konnte die Kriminalpolizei nicht ermitteln.

Das Hochhaus nach der Explosion, BA-Archiv

Als der Maschinist den Kessel hochfuhr, indem er die Reaktionsflüssigkeit zugab, entstand die spontane Fehlreaktion: anstelle des gewünschten Additivs polymerisierte das Material aus, wurde selbst zu einem Kunststoff. Die Polymerisation (Kunststoff besteht aus sehr langen Molekülketten, den Polymeren, die für seine Elastizität sorgen) erfolgt unter gewaltiger Masseausdehnung. Wenn man sich vorstellt, daß aus einem schweren Pulver ein leichter Kunststoff wird, wird die Ausdehnung verständlich.

Der Kessel stand im 1. Stock in einem Gebäude hinter dem Laborgebäude (gegenüber Edeka), dieses Kesselgebäude bestand aus Sicherheitsgründen aus einem mit leichten Eternitplatten verkleideten Stahlgerippe aus Doppel-T-Trägern. Wäre es ein Massivbau gewesen, hätte es den vier Betroffenen (dem Maschinisten und drei Werkstudenten) die Lunge zerrissen, die Explosion wäre für sie tödlich verlaufen.

Der Kessel ragte über die Decke des 1. Geschosses hinaus, darüber war eine Stahlbetondecke. Motor und Getriebe der Anlage wurden bei der Explosion durch diese Stahldecke getrieben, der Deckel, Durchmesser 3,5m mit 36 Verschraubungen, flog weg. Der Explosionsdruck riß die Verschraubungen auf der gegenüberliegenden Seite ab, so daß die vier Personen nicht die Hauptdruckwelle abbekamen. Diese drückte die Fenster des Laborgebäudes nach innen und auf der anderen Seite nach außen, so daß die Nibelungenstraße übersät war von Glassplittern. Auch die Schaufensterscheibe des über 200 Meter entfernt liegenden Frisörgeschäfts ging zu Bruch. Das Mannloch (der mit 36 Schrauben verschlossene Deckel) flog angeblich bis in den Wald hinter der Ciba Bibliothek.

Hochkonzentrierte Lauge traf Hans Fuchs und die anderen Anwesenden, bei ihm war ein großer Teil der Hautoberfläche betroffen: polymerisierter Kunststoff bedeckte Haut und Haare und mußte im Krankenhaus abgeschält werden, unzählige Glassplitter entfernt werden.

Fuchs hatte als Werkstudent die Aufgabe, Energieabläufe zu optimieren. Dazu erfaßte er an den verschiedenen Produktionsstationen die eingesetzte Energie und stellte sie zum Produkt ins Verhältnis, damit war er auch an diesem Tag bei der Herstellung des besagten Additivs befaßt. Bei Änderungen im Prozeß konnten mit seiner Erfassung die Kosten exakt kalkuliert und gegebenenfalls angepaßt werden. Er hätte nach der Mittagspause am 27. März 1969 auch zuerst zu einer anderen Station gehen können. Aber es war dieser Kessel, der dann explodierte. Ob es ein interner Fehler war, konnte nicht geklärt werden, Fuchs verzichtete nach kurzer Bedenkzeit auf Anzeige gegen unbekannt. Er vermutet, daß dies nicht zu einem Ergebnis geführt hätte und stattdessen geschadet hätte. Da sein Verzicht auch keine Auswirkung auf die Beurteilung durch die Berufsgenossenschaft hatte, ließ er es dabei.

Ursprünglich hatte Fuchs eine Elektromechaniker-Ausbildung absolviert, an der Abendschule die Fachhochschulreife nachgeholt und studierte nach der Lehre in Darmstadt Nachrichtentechnik. Den Job als Werksstudent in Marienberg hatte er angenommen, weil er zu Fuß erreichbar und Mittagessen zuhause möglich war. Zudem war die Bezahlung auch sehr gut.

Nach dem Unfall - Hans Fuchs war zunächst vier Jahre blind und später konnte ein römischer Augenarzt ihm wenigstens ein wenig Sehkraft zurückgeben - absolvierte er bei der Blindenanstalt Marburg mehrere Kurse, um trotzdem für den Arbeitsmarkt bereit zu sein. Er war sogar bereit, dafür eine ungeliebte Ausbildung zum Industriekaufmann zu machen, da ein technischer Beruf nicht mehr in Frage kam. Über zehn Jahre versuchte er, einen Arbeitsplatz zu bekommen. Er bewarb sich auf einen Ausbildungsplatz bei der Ciba Geigy Marienberg, der Nachfolgerin der DAP, man gab ihm jedoch zu verstehen, daß er wohl die Ausbildung machen könne, aber mit Sicherheit danach nicht in den Betrieb übernommen werde.

Bei der Berufsgenossenschaft riet ihm ein wahrer Menschenfreund davon ab. Hätte er die Ausbildung absolviert, wäre er auf dem 1. Arbeitsmarkt verfügbar gewesen, ohne Chance auf Vermittlung. Das Ende wäre Hartz 4 gewesen. Stattdessen wurde Hans Fuchs mit 30 Jahren leidenschaftlicher Rentner und half ehrenamtlich überall mit seiner Fachkenntnis, Geduld und Gründlichkeit, wo er konnte. Er engagierte sich kommunalpolitisch in der Gemeindevertretung, im Gemeindevorstand, in der Gemeindevertretung und als Ortsvorsteher, außerdem in der Freiwilligen Feuerwehr und der Sportgemeinschaft Lautern. Den Odenwälder Kleinkunstverein DoGuggschde gründete er 1988 selbst mit und organisierte mehrere Open Airs am Felsenmeer und andere Veranstaltungen mit. Hans Fuchs ist außerdem begeisterter Folkmusik-Fan und versäumte kein einziges Konzert in der Dorfschänke. Da diese Konzerte für mich als Wirtin damals (1986-1998) eigentlich keine kommerzielle Angelegenheit waren, sondern eher Herzenssache mit gelegentlich höherem "Draufleg-Faktor", engagierte sich Hans Fuchs auch hier mit Rat und Tat, gestaltete den etwas dröge wirkenden Kneipenraum hinter der Festhalle  mit Holzfachwerk und war jederzeit "zu allen Schandtaten" bereit.

Der Reichenbacher Walter Koepff, ständig unterwegs mit Kamera und Textblock für seine Berichte im Bergsträßer Anzeiger und später auch im Durchblick, arbeitete am Tag der Explosion im Keller des Technikums als studentischer Ferienarbeiter. Wenige Tage zuvor war er im Kesselhaus eingesetzt worden und nur zufällig im Technikum tätig. Die Schwerverletzten waren alle gute Bekannte.

Bericht im Bergsträßer Anzeiger vom 28. März 1968

 

Umweltschädigungen und Umweltschutz: die Lauterner Deponie

Die Farbenproduktion in Lautern prägte das Dorf ebenso stark, wie es zuvor Landwirtschaft und Mühlenbetriebe taten. Man sah allwöchentlich samstags die Beschäftigten an der Tankstelle in Gadernheim (Brecht, Ecke Bundesstraße / Straße nach Brandau, später Getränkemarkt, Blumengeschäft, jetzt privat), wie sie ihre Autos wuschen. Niemand sprach darüber, aber die Vermutung stand im Raum, daß dies auf Kosten der Fabrik ging. Weniger unauffällig waren oftmals die Farben der Lauter oder auch Gerüche und Lärm. Aber niemandem fiel es ein, dagegen zu protestieren. Die Fabrik brachte dem Dorf Arbeit und Wohlstand, auch viele Reichenbacher und Gadernheimer arbeiteten hier. Die Zeiten waren anders, viele Umweltsünden wurden mangels besseren Wissens einfach hingenommen, und wem das nicht paßte, der war schnell als Querulant verschrieen. Selbst für mich als Grüne stellte die Fabrik mit ihrem Schornstein und dem fröhlichen Arbeitslärm eher ein Wahrzeichen dar, als daß es mich störte. Heute sind viele Dinge überhaupt nicht mehr vorstellbar, aber nie änderten sich die Dinge in rascherer Folge als im Industriezeitalter, das wir inzwischen verlassen haben und uns zu empfindlichen Umweltwächtern entwickelt haben. Auch weil wir mit unserer Schreibtischarbeit (vermeintlich) der Umwelt nicht schaden. Das muß man sich vor Augen halten, um den Stellenwert der Fabrik richtig einzuordnen.

1964 wurde eine in Lampertheim eine biologische Kläranlage gebaut, und man verlagerte die Phosphitproduktion dorthin, weil das Abwasser dort gereinigt und entsorgt werden konnte.

Umweltfragen waren schon lange immer wieder Gegenstand von Diskussionen. Vielfach wurden künftige Schädigungen durch industrielle Expansion erst wesentlich später offenkundig. In ihrer Dokumentation aus dem Jahre 1995 "Die Blaufabrik und ihre ökologischen Folgen für Lautertal" setzten Andrea Lantos, Renate Horn und Peter W. Sattler Industrie-Erzeugnisse und Umweltschädigungen ins Verhältnis zueinander. Gerbereien, Abdeckereien, Pottaschen- und Salpetergewinnung, Seifensiedereien, Harz- und Pecherzeugung sowie Brauereien, Brennereien und Eisenhütten trugen in den vergangenen Jahrhunderten viel zu Schäden bei, die erst im 20./21. Jahrhundert dokumentiert werden können. Am 6. Mai 2021 hatten wir bereits sämtliche Ressourcen weltweit verbraucht, die eigentlich für das ganze Jahr 2021 reichen sollten. Unser Umgang mit der Umwelt ist also global noch sehr sehr weit entfernt davon, wirklich nachhaltig zu sein. Genau 239 Tage nämlich, und der Erdüberlastungstag rückt Jahr für Jahr weiter nach vorne.

Umweltschutz war nie beliebt, zu Zeiten der Hessischen Landgrafen und ihrer Untertanen schlicht egal. Heute werden diejenigen Maßnahmen von Erfolg gekrönt, die eine wirtschaftliche Notwendigkeit haben. Die Lauter wurde bis 1900 vor allem durch die Abwässer der Wilmshäuser Firma Dassel (Vorläufer der DESTAG) verunreinigt, bis man ein mechanisches Klärbecken in Betrieb nahm. Um 1850/1860 herum wurde eine Waldfläche in der Umgebung der Blaufabrik durch Schwefeldampf geschädigt.

Als die Ciba Geigy Marienberg 1974 Rechtsnachfolgerin der Blaufabrik wurde, übernahm sie auch die Verantwortung für alle Altlasten. Wer nun jedoch glaubt, daß die Umweltbelastung erst mit dem Einzug der Kunststofftechnik begann, der täuscht sich: Ultramarin ist zwar nicht giftig, seine Herstellung jedoch schon. "Es ist das einzige schwermetallfreie anorganische Pigment, das nicht giftig ist," so das Autorenteam. Weltweit lag die Produktion an künstlichem Ultramarin zur Zeit der Dokumentation 1995 bei 200.000 Tonnen, und die Lauterner Fabrik war weltweit einer der bedeutendsten Ultramarinhersteller.

Das Autorenteam Lantos und Horn, Schülerinnen des Überwaldgymnasiums Wald-Michelbach und ihr Chemie-Fachlehrer Peter W. Sattler erarbeiteten in den Schuljahren 1993-1995 sehr viele Fakten: sie beschreiben das Entstehen der Deponie im Jahr 1852, also zur Anfangszeit der Ultramarinfabrik. Produktionsrückstände (siehe oben) und Bauschutt wurden von Beginn an in einer Senke zwischen Lauter und Straße deponiert. Die abgelagerten Brenntiegel für das Brockenblau machen ca. 37400 Tonnen aus. Da man jeden Tiegel viermal verwenden konnte, fielen im Lauf der Jahre etwa 4,4 Millionen Tiegel an. Rohblau-Abfälle (2000 Tonnen), Asche (2000 m3), Ofenbruch (5000 m3), Schwefelschlamm (400m3), Bauschutt (2000m3) - insgesamt 65.000m3 oder 46.060 Tonnen von 1852 bis 1974. Heute sind es 75.000 m3 Inhalt. Die DAP lagerte ebenfalls Filterrückstände hier ab. Die Lauter mußte verlegt werden und bekam eine Kaskade, die 1960 erbaut und 1983 erneuert wurde. Als die Ultramarinherstellung 1974 endete, schloß die CGM die Deponie und begrünte sie. Die Deponie war 225m lang und 30m breit, im Westen nach Reichenbach zu 14m hoch, nach Lautern zu 5m.

Die Lauter war bunt: in den sechziger und siebziger Jahren konnte man die Blaufärbung von Wasser und Umgebung deutlich sehen, das Wasser war trübe und schäumte gelegentlich. Sickerwasser aus der Deponie gelangte in den Bach, Straßenbäume starben ab. In der Lauter wurden hohe Werte an Natrium-Alumninium-Sulfat gemessen. Proaktiv ließ CGM 1986 ein Gutachten erstellen, wie die Deponie saniert werden kann und kam damit der Verfügung der Behörden zuvor. Da man den Deponieinhalt nicht auf eine öffentliche Deponie umlagern konnte, sollte alles vor Ort wasserdicht eingekapselt werden. HochTief legte dazu die Pläne vor, die 1991 vom Regierungspräsidium Darmstadt genehmigt wurden.

Die Belastung mit anorganischen Stoffen aus dem Sickerwasser, besonders nach Regengüssen, bis praktisch zur Sättigung, mußte beendet werden. Die Sulfationen sind zwar relativ harmlos, ihre hohe Konzentration von über 20.000mg/m3 (normaler Wert: ca. 40 mg/m3) vergiftete Süßwasserfische.

Aluminiumsalze im Trinkwasser dürfen heute 0,2 mg/l nicht überschreiten. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) warnte im November 2019 vor Aluschalen und aluminiumhaltigen Deodorants. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat für Aluminium einen sogenannten tolerierbaren wöchentlichen Einnahmewert definiert – den TWI (Tolerable Weekly Intake): 1 Milligramm Aluminium pro Kilogramm Körpergewicht. Die gemeinsame Expertenkommission der Welternährungs- (FAO) und Weltgesundheitsorganisation (WHO) JECFA läßt das Doppelte zu: ihr Grenzwert liegt bei 2 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht und Woche. Bereits in den 60er Jahren wurden Zusammenhänge zwischen der Aluminium-Aufnahme und Alzheimer-Erkrankungen hergestellt, und 2011 kam das Brustkrebsrisiko aufgrund zu hoher Aluminiumaufnahme hinzu. Beides ist bis jetzt nicht bewiesen und entsprechend umstritten. Man kann Aluminium trotz allem vermeiden: bei Deodorants, Alufolie, Alu-Grillschalen etc (Vorsicht: keine sauren oder salzhaltigen Lebensmittel einfüllen) und weißenden Zahnpasten. Quelle: Quarks

Die Sicherungs- und Sanierungsarbeiten der CGM ab 1991 wurden vom Autorenteam Lantos, Horn und Sattler durchgängig begleitet, über zwei Schuljahre (11. und 12. Klasse) wurden Jahresarbeiten erstellt und es gab einen Besuch vor Ort (Bio-Leistungskurs am 4. Februar 1992). Das Grundwasser der Deponie mußte abgesenkt werden, der Austausch zwischen Grundwasser und Lauter unterbunden. Das Bett der Lauter wurde zum Grundwasser hin auf 600 Meter abgedichtet, dazu wurde es um 10 Meter südlich verlegt. Unter dem Bachbett wurde eine Drainage verlegt. Ein Geländestreifen von 10 Metern rechts und links der Deponie muß seither von tiefwurzelnden Gewächsen freigehalten werden, denn die Deponie selbst wurde durch wasserundurchlässige Geotextilien abgedichtet. Auch dieses Geotextil besteht aus Kunststoff: aus PE und PP, unverrottbar und extrem witterungsfest, auf einer Schicht aus lehmig-mineralischem Material. Zuvor war das Deponiewasser abgepumpt worden.

Eine Reihe Brunnen und Meßpegel wurden eingerichtet, um den Grundwasserstand zu überwachen und die Konzentration an Sulfat und Aluminium. Ist sie zu hoch, darf das Wasser nicht in die Lauter eingeleitet werden, sondern muß von CGM entsorgt werden. Über die Brunnen kann das Grundwasser bei zu hoher Belastung abgepumpt werden. Monatlich werden Proben entnommen. Das kostet die CGM viel Geld: bis 1995 etwa 10 Millionen D-Mark. Die Autoren stellen dem den Jahresumsatz von 1988 in Höhe von 465 Millionen D-Mark gegenüber, so daß die Deponiesanierung für die Firma eine dauerhafte teure Angelegenheit bleibt, obwohl sie sie nicht verschuldet hat.

Die Brunnenüberwachung muß permanent weiterlaufen, Monat für Monat. Im Frühjahr 1994 lag die Sulfatkonzentration noch bei 500 mg/m3, also achtmal höher als der Normalwert. Wie hoch der Wert heute ist, wäre interessant herauszufinden.

"Die Lauter ist ein Wildbach, der bei Hochwasser das 500fache der normalen Wassermenge führt,"* so die Autorengruppe. Ein Unwetter im Herbst 1992 während der Verkapselungsarbeiten wehte die provisorische Deponieabdeckung weg, der Regen drang ein und machte die Trockenlegungsbemühungen der vorangegangenen Monate zunichte. Die Deponie wurde überschwemmt, da sich in den Kaskaden Schwemmholz gesammelt hatte, und das Betonfundament der neuen Brücke wurde unterspült.

*Lesen Sie zur Lauter auch: Die Lauter: Naturidyll und Industriefluß

2013: die Deponie wird noch immer überwacht. Die BASF, Nachfolgerin der Ciba Spezialitätenchemie seit 2009, hat laut Pressesprecherin Ursula von Stetten auch die Sorge für die Deponie geerbt. Diese wird beweidet und gemäht, um sie baumfrei zu halten. Noch immer wird regelmäßig der Stand des Grundwassers kontrolliert, das einen Meter unter der Deponiesohle bleiben muß.

Ursprünglich floß das Abwasser der Blaufabrik auf der südlichen Straßenseite in drei Absetzbecken hinter dem Villagarten. Der Mühlgraben zur Weißmühle ist heute noch da. Die Weißmühle (später Flüchtlingsunterkunft von 2015 bis 2020) beherbergte das Kesselhaus mit Dampfmaschine und Kamin. Ein weiteres Ofenhaus mit Kamin lag auf der anderen Straßenseite (heute Auto Krey), und oberhalb lag ein drittes Ofenhaus mit Kamin. Darüber stand ein Gasometer, ein Holzschuppen sowie Warenmagazin und ein Wohnhaus. In der Villa residierte der Direktor sowie ein chemisches Laboratiorium, gegenüber lag eine weitere Wohnung und die Schlämmerei und Trocknerei, gefolgt von der Naßmühle und der Sieberei. Anschließend an die Villa folgten nach Osten die Remise für die Kutsche und die Stallungen (heute Fenster Steinmann) sowie etwas zurückgesetzt das Kesselhaus mit dem hohen Schlot auf dem Foto. Gegenüber der Villa lag die Schlosserei / Werkstatt (heute Fitness-Studio). Fünf Schornsteine prägten das enge Tal zwischen Reichenbach und Lautern.

Kunststoff heute: sinnvoll produzieren, Unnötiges vermeiden

Lesen Sie dazu: Wohin mit unserem Müll?

Ciba-Ausstellung zog 2019 vom Heimatmuseum Gadernheim ins Rathaus Reichenbach um

Walter Koepff schreibt dazu: Am 1. Mai 1852 gründete August von Ploennies aus Jugenheim in Lautern die Blaufabrik, die 1985 ihren Betrieb einstellte. Im Mai 1954 entstand zusammen mit der amerikanischen „Advance Solvents Chemical Corporation“ die „Deutsche Advance Produktion GmbH“, kurz DAP genannt. Oberhalb der alten Blaufabrik entstanden neue Produktionsanlagen für Spezialchemikalien, die ständig erweitert wurden. Ab Mitte der 60er Jahre gab es keine Erweiterungsmöglichkeiten auf dem Areal in Lautern-Marienberg, auf einem neuen Werksgelände in Lampertheim konnte sich der Betrieb weiter ausdehnen. Die „Vereinigten Ultramarinfabriken AG“ schlossen sich 1971 mit Ciba-Geigy in Basel zusammen und firmierten von da an als „Ciba-Geigy Marienberg GmbH“. Überwiegend wurden Additive für PVC produziert. 1996 eröffnete der Verschönerungsverein Gadernheim im Heimatmuseum eine Ausstellung über die Blaufabrik und „die Ciba“.
Jedoch mußten die Erinnerungsstücke  kürzlich ins Rathaus nach Reichenbach umziehen, da der Gadernheimer Verschönerungsverein Platz für Ausstellungsstücke zur 400-Jahr-Feier des Dorfes benötigt.
Da Lautern der Blaufabrik und ihren Nachfolgebetrieben sehr viel zu verdanken hat, bemühte sich der Lauterner Ortsbeirat um einen würdigen Platz für die Glasvitrinen mit der sehenswerten Sammlung von Erinnerungsstücken. Federführend waren dabei Lauterns Ortsvorsteherin Renate Müller mit ihrem Stellvertreter Peter Weimar, die in stundenlanger Kleinarbeit die Exponate reinigten und sortierten. Sehr hilfreich war dabei die logistische Unterstützung von Erika und Willi Bickelhaupt, die selbst bei dem einst größten Arbeitgeber und Gewerbesteuerzahler in Lautertal beschäftigt waren. Die Ausstellung mit weiteren Fotografien und Zeitzeugen dieser Epoche Lautertaler Industriegeschichte ist im Rathaus Reichenbach während der Öffnungszeiten zu sehen.  koe

Alte Fotografien der Fabrikanlagen: Ausstellung im Rathaus Reichenbach, früher im Heimatmuseum Gadernheim

Sie finden die Bilder in der Ausstellung im 2. Stock des Rathauses Reichenbach sowie im Jahrbuch 2021 "Spinnstubb 2.0"

 

 

 

Und heute?

Zwei Lebensmittelmärkte, Reifenhändler, Autowerkstätten, ein Gabelstaplerbetrieb, eine Fensterbaufirma, ein Fitneßstudio und mehrerere Industriezulieferer haben sich in den letzten 25 Jahren hier etabliert. Einige der Erstbezieher gingen bald wieder, neue kamen hinzu. Heute wie damals blüht auf dem Gelände Handel und Wandel. Das ehemalige Laborhochhaus war auch 2003 noch nicht belegt. Bis heute steht es leer - obwohl es einige gute Ideen gegeben hat für seine Nutzung. 

2015 kam eine Flüchtlingsunterkunft in die alte Weißmühle, die zu diesem Zweck notdürftig umgebaut wurde und - wie von den Betreibern öfter versichert wurde - auch weiter ausgebaut werden sollte. Bis zur Schließung im Dezember 2020 bestanden die Toilettentrennwände und auch die Kücheneinbauten aus rohen Dachlatten und Preßspanplatten, der Fußboden im Treppenhaus aus Rohbeton. Rings um das Gebäude lagerte Bauschutt, darunter auch historische Sandstein-Türstürze, die man heute noch am Ufer der Lauter finden kann, ebenso wie alte Schamottesteine aus den Tiegelöfen. Niemand weiß, welche Schadstoffe der Bauschutt enthält, aber den Geflüchteten dienten die Schamottesteine als praktische Einfassung für ihr Holzkohlegrillfeuerchen draußen in der Natur.

Die Deponie unterhalb der Fabrik entstand bereits in den Anfangsjahren der Fabrik und wurde vom Rechtsnachfolger des Rechtsnachfolgers so verkapselt, daß keine Schadstoffe austreten können. 1990 erarbeitete die Ciba-Geigy AG ein Grundsatzprogramm unter dem Titel "Vision 2000". Darin ist die Verknüpfung von gesunder Umwelt, sozialer Verantwortung und langfristigem Geschäftserfolg festgeschrieben. Die Ultramarin-Deponie war eine der ersten Halden im Kreis, die nach höchstem technischen Standard vorbildlich saniert und versiegelt wurde. Dazu muß man wissen, daß die Grundwasser führende Schicht zunächst von einer Unmenge an zerbrochenen Tiegeln und Rohblau-Abfällen bedeckt ist. Obenauf folgen die gefährlicheren Chemikalien, die auf diese Weise jedoch durch Ton, Schamotte und unschädliches Ultramarin gefiltert werden. Nach oben ist die Deponie durch mehrere Lagen Geotextil und Rasen gegen Regenwasser geschützt.

 

Einer der sechs Brunnen, über die regelmäßig Proben gezogen werden, um die Grundwasserbelastung zu prüfen und um sicherzustellen, daß der Grundwasserpegel immer unter dem des Bachbettes liegt

 

Idyllischer Grillplatz aus historischen Sandsteinrahmen und Schamottesteinen aus der Weißmühle

 Der Schutzdamm am Retentionsbecken: dieses Becken soll Hochwasser von Reichenbach abwenden. Der Damm wurde aus Abraum aus dem Kupferbergwerk am Hohenstein errichtet. Das Becken liegt direkt unterhalb der Deponie

Die Brücke über die Lauter; im Hintergrund rechts das Bachbett der Lauter, links der alte Abzweig des Mühlgrabens, der zur Borgersmühle führte an deren Stelle sich später die DESTAG entwickelte

Schamottesteine

Die Deponie von Westen aus Richtung Reichenbach

 

Die Villa und ihr Wappen

Die gründerzeitliche Villa, die die von Ploennies einst errichtet hatten, dient heute als Wohn- und Geschäftshaus. Das Wappen, das den Giebel des Gebäudes ziert, war vor einigen Jahren einmal Gegenstand von Nachforschungen. Einer unserer Leser*innen hatte danach gefragt. Wir haben damals die Anfrage an die Hessische familiengeschichtliche Vereinigung geschickt, die ihrerseits beim Staatsarchiv Darmstadt nachhakte. Herr Rainer Maaß vom Staatsarchiv teilte uns dann folgendes mit: "das Wappen an der Villa Lautern ist wohl eher als Baudekoration zu verstehen, denn es stellt kein nach heraldischen Grundsätzen gestaltetes Wappen mit Schild, Helm und Helmzier dar. ... Es ist anzunehmen, daß dieses Wappen von einem der in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts zahlreichen 'Wappenbüros' oder einem der kommerziellen 'heraldischen Institute' vermittelt wurde, die nicht nur neue Phantasiewappen entwarfen, sondern auch auf alte, tatsächlich vorhandene Wappen zurückgriffen. In diesem Fall handelt es sich ursprünglich um das auch in Siebmachers Wappenbuch registrierte Wappen der ungarischen Adelsfamilie von Volosinowszky. Es ist kaum anzunehmen, daß diese Adelsfamilie um 1850 Beziehungen zu Lautern hatte. Wenn das Gebäude aber nachweislich von einem Mitglied der Familie von Ploennies erbaut wurde (die ja ein ganz anderes Wappen führte), könnte es sich tatsächlich um ein Firmenwappen der Familie handeln, ... Vielleicht lassen sich die sich kreuzenden Pfeoile auch in anderem Zusammenhang mit dem Unternehmen Blaufarbenwerk nachweisen." Herr Dr. Maaß verwies noch auf ein Dokument im Staatsarchiv, das möglicherweise Näheres erbringen könnte.

Die Villa, oben das Wappen

Der heutige Besitzer hat keine Unterlagen zum Bau der Villa, vermutet um 1880 herum. Als er das Gebäude übernahm, waren die Stuckdecken zerstört, Parkett und Fliesenboden überbetoniert, ein neues Treppenhaus neu eingebaut und das historische zerstört, schnöde Bürotüren ersetzten den baulichen Glanz der Gründerzeit...

 

Lesen Sie dazu auch:

immer wieder erschienen in den Durchblickheften Beiträge zur Lauterner Fabrik, z.B. hier: im Durchblick Dezemberheft 2009 der Beitrag "Die Blaufabrik im Tal - heißgeliebt und doch problematisch  Seite 20/21"

Lautern und Ein Mühlendorf im Wandel zum Industriestandort

Literatur

  • Verschönerungsverein Gadernheim und Ciba Additive GmbH: Von der Blaufarbenproduktion zum modernen Chemiewerk im Lautertal 1852-1996, eine Ausstellung in der Heidenberghalle von Gadernheim 1988
  • Andrea Lantos, Renate Horn und Peter W. Sattler: Die Blaufabrik und ihre ökologischen Folgen für das Lautertal / Odw., in Geschichtsblätter für den Kreis Bergstraße Band 28, 1995
  • Interessante Internetseite zum Thema Die Maschinenfabrik und Eisengießerei Darmstadt von Walter Kuhl, ehemals Redaktionsmitglied von Radio Darmstadt.

M. Hiller April bis Juni 2021 - Fotos M. Hiller

Das erste Durchblick-Jahrbuch liegt nun vor, mit den wichtigsten Beiträgen, die ich 2021 sammeln konnte. Für meine Geschichte(n) bin ich ständig unterwegs: zu Interviews mit Zeitzeugen, in Archiven und Bibliotheken und natürlich auch im Internet. Deshalb trägt das Jahrbuch auch den Titel "Spinnstubb 2.0". Die Spinnstube war eine Zusammenkunft an den Winterabenden früherer Zeiten, an denen man mangels Fernsehen beisammensaß und erzählte. Die Geschichten wurden dann am späteren Abend immer abenteuerlicher...

Lesen Sie, was im Jahrbuch steht und wie Sie es bekommen können!