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Von Marieta Hiller, Frühjahr 2021

Da dieser Beitrag sehr lang ist, hier zur Übersicht das Inhaltsverzeichnis:

  • Der Beginn der künstlichen Ultramarinerzeugung
  • So viel Waschblau brauchte ganz Deutschland nicht...
  • Ultramarin ist doch blau, oder nicht?
  • Die Farbenproduktion in Lautern prägte das Dorf - Umweltschäden und Umweltschutz
  • Kunststoff auf dem Vormarsch
  • Die große Kesselexplosion in Lautern
  • Ciba Geigy Marienberg: Ende der Ultramarin-Produktion
  • Kunststoff heute: sinnvoll produzieren, Unnötiges vermeiden
  • Ciba-Ausstellung zog 2019 vom Heimatmuseum Gadernheim ins Rathaus Reichenbach um
  • Fotos aus dem Heimatmuseum Gadernheim
  • Ultramarin: der Name ist Poesie - "über das Meer" - in die blaue Ferne...
  • Alte Fotografien der Fabrikanlagen aus der Ausstellung im Rathaus Reichenbach
  • Wie ging es weiter? 1996 Abwicklung und Verkauf: ein vitales Dienstleistungszentrum entsteht
  • Und heute?
  • Literatur

 

 Der Beginn der künstlichen Ultramarinerzeugung

Im Bauerndorf Lautern entwickelte sich aus einer Mühle seit 1852 zu einer chemischen Industrieanlage, auch „Blaufabrik“ genannt. Über eineinhalb Jahrhunderte lebten viele von und mit der chemischen Industrie. Wie der alte Name schon sagt, wurden hauptsächlich Farbstoffe hergestellt, z.B. das bekannte Waschblau (Ultramarin), das früher der Kochwäsche beigegeben wurde und der Vor-Persil-Generation zu strahlendem Weiß verhalf. 1996 schloß die Ciba Geigy Marienberg für immer ihre Pforten. Ein vitales Einkaufs-, Handwerks- und Dienstleistungszentrum erfüllt jetzt die Gebäude und Plätze mit Leben.

Im Rathaus Reichenbach sind zahlreiche Erinnerungsstücke an die Blaufabrik ausgestellt. Im Vordergrund künstlich hergestelltes Ultramarin, im Rahmen ein Foto des ehemaligen Fabrikgeländes

 

 

Der Beginn der künstlichen Ultramarinerzeugung

Der Jugenheimer August von Ploennies kaufte 1852 im Alter von 20 Jahren eine Mühle bei Lautern, nachdem er sein Chemiestudium bei Justus Liebig in Gießen abgeschlossen hatte. Liebig schwärmte vom Kunstblau: "Die Krone von allen Entdeckungen der Mineralchemie war unstreitig die künstliche Darstellung des Lasursteins. Kein Mineral konnte wohl mehr das Interesse erregen als dieses!" - Chemische Briefe Nr. 9, 1865. Das natürliche Lasurblau war nur als kostbare Künstlerfarbe in Gebrauch, da es umständlich und teuer war, ein Farbpigment aus dem Lasurit herzustellen.1806 konnten zwei Forscher natürliches Ultramarikn analysieren, daraufhin konnte an der künstlichen Herstellung geforscht werden. In Deutschland entstand 1834 (1838) die erste Fabrik für chemisch erzeugtes Ultramarin: errichtet von Dr. C. Leverkus. Der frisch ins Berufsleben startende von Ploennies witterte ein Geschäft.

Das klare Wasser der Lauter - ihr Name bedeutet Klar - an der Quelle am Weinweg auf halber Höhe der Neunkircher Höhe; die Lauter lieferte weiches Wasser für die Ultramarinproduktion. Danach war sie für viele Jahrzehnte nicht mehr dieselbe...

 

Die Bormuthsche Mühle am Marienberg schien August von Ploennies zweckmäßig: die Lauter lieferte genug Wasser, um die Mahlsteine anzutreiben und den Rohbrand des Ultramarin auszulaugen. Auch die Arbeitskräfte waren hier im Odenwald mit niedrigen Löhnen zufrieden. Es gab allerdings deutschlandweit schon sechs Ultramarinfabriken, zu denen 1857 weitere sieben hinzukamen. August von Ploennies muß sich nach Mutmaßung von Dr. Holger Andreas (Chemiker, Forschungsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung bei der DAP bzw. später Ciba-Geigy Marienberg GmbH) Selbstmord begangen haben, als er - mehr Chemiker als Kaufmann - vor der Pleite stand. August von Ploennies war der Sohn des Großherzoglich Hessischen Obermedizinalrates August von Ploennies, seine (früh verstorbene) Schwester Marie Luise war mit dem Germanisten und Regionalkundler Johann Wilhelm Wolf verheiratet. Ploennies hatte zudem einen Bruder Ludwig Wilhelm, Oberstleutnant, und dieser entschloß sich, das einmal angefangene Werk fortzusetzen. Er sicherte zunächst die Finanzpolsterung durch Einlagen von Bekannten, Freunden und Familienmitgliedern. Dieses Konsortium berief den hervorragenden Chemiker Dr. Reinhold Hoffmann in die Fabrik, ebenfalls ein Schüler Liebigs. 1861 übernahm er die Leitung der Blaufabrik. Er gestaltete die Bauten und Anlagen so, wie sie noch heute sichtbar sind und bis zur Schließung 1996 Bestand hatten. Nur der große Schornstein und das Heizkraftwerk sind verschwunden (siehe unten).

DAP: Deutsche Advance-Produktion GmbH (DAP) 1954 gegründet, ab 1955 Produktion von Thermostabilisatoren für die PVC-Industrie in Bensheim. Wuchs von 100 auf 270 Beschäftigte an und wurde 1960/1963 nach Marienberg verlegt;
Ciba-Geigy Marienberg GmbH: nachdem Ciba und Geigy fusionierten, wurde diese Firma auf dem Gelände und in den Anlagen der DAP gegründet. In den 1970er und 1980er Jahren erfolgte ein weiterer Aufschwung der chemischen Industrie und die über 500 Mitarbeiter erzielten 1990 über 500 Millionen Deutsche Mark an Jahresumsatz. 1996, als die "Blaufabrik", wie sie noch immer im Volksmund hieß, das Lautertal verließ und mit Sandoz zur Novartis AG fusionierte, einem Biotechnologie- und Pharmaunternehmen in Basel mit fast 50 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz, verlegte sich das Deutschlandgeschäft auf Lampertheim.  
Ciba Additive GmbH: eine Ausgliederung aus der Novartis AG, die dann von BASF übernommen wurde und das Werk Lampertheim betraf.

So viel Waschblau brauchte ganz Deutschland nicht...

1872 gab es in Deutschland bereits 23 Ultramarinfabriken, die unter anderem das begehrte Waschblau für weißere Wäsche herstellten. Allerdings wusch man in Deutschland nicht so strahlend weiß, daß alle Fabriken ihr Auskommen hatten. Die Fabrikanten beschlossen, ihre Produktion um ein Fünftel zu drosseln, jedoch nicht jeder hielt sich auch daran. 1890 schlossen sich 14 von übriggebliebenen 19 Fabriken zusammen zu den Vereinigten Ultramarinfabriken, Leverkus, Zeltner & Consorten mit einem Marktanteil von 95%. Fünf Fabriken wurden gegen Entschädigung stillgelegt, um Überkapazitäten abzubauen. In der Folge verbesserten sich die Erträge wieder, trotz der neu hinzugekommenen Konkurrenz durch Anilinfarben. Marienberg überstand auch die nächste Welle der Schließungen, nach Dr. Holger Andreas ist dies den technologischen Innovationen von Reinhold Hoffmann zu verdanken. Erster Weltkrieg und Weltwirtschaftskrise folgten, und wieder waren Stillegungen - auch für Marienberg - zu befürchten. Während die Betriebe in Leverkusen und Schweinfurt schlossen, wurde Marienberg durch den Ausbruch des 2. Weltkrieges (!) davor bewahrt, und nach dem Krieg war es das einzige Werk, das nicht zerstört worden war.

Marienberg war somit das einzige Werk, das sofort wieder an die Produktion gehen konnte. Die Verwaltung der Vereinigten Ultramarinfabriken wurde nach Lautern verlegt, die zahlreichen Beschäftigten konnten auch dadurch versorgt werden, daß auf dem Werksgelände in Lautern Hühner, Schafe und eine Kuh gehalten wurden! Etwa 60 Personen arbeiteten direkt nach dem Krieg in Lautern, einige Duisburger waren hierher dienstverpflichtet worden.

Die erste Nachkriegszeit mit ihrer Mangelwirtschaft traf auch Marienberg: es gab keine Kohlen. Alle anderen Materialien waren auch im Krieg gut geliefert worden. So mußte zunächst improvisiert werden. Mit dem vorhandenen Schwefel belieferte man Winzer für die Desinfektion ihrer Fässer. Im Tausch dafür erhielt das Werk Flaschenwein. Seife fehlte allerorten, und so produzierte man in Marienberg aus dem vorhandenen Soda mit Sand und Schäummittel das "Ultra-Handwaschpulver". Händewaschen mit Soda ist sicher für die Haut gewöhnungsbedürftig, aber mangels Seife nahm man, was man bekommen konnte. In dieser Zeit verschwendete niemand einen Gedanken an "mens care" und ähnlich Überflüssiges. Die Packstation in Marienberg wurde umfunktioniert, um Kaffee oder auch Ostereierfarbe in Kleinpackungen umzufüllen, auf der Waschblau-Presse wurde stattdessen Naphthalin aus obskuren Quellen zu Mottenkugeln gepreßt.
Ultramarin war nch ausreichend vorrätig, es wurde natürlich nicht nur für weiße Wäsche (Waschblau) benötigt: da es sehr lichtecht war, diente es als Sonnenschutzanstrich für Fabrikfenster.
Erst 1947 trafen wieder Kohlelieferungen ein, und die Produktion konnte hochgefahren werden. Man stellte die Binderfarbe "Durocal" her, mit der viele Häuser in Lautern gestrichen wurden, um die Qualität von Durocal zu präsentieren. Weniger erfolgreich war das "Fliegenblau": ein Schutzanstrich in Ställen gegen Fliegen.

1959 wurde die Verwaltung endgültig in Lautern installiert, Duisburg wurde stillgelegt, da hier die Stadtautobahn über das Betriebsgelände führen sollte. Daher vergrößerte man das Werk Marienberg, soweit das enge Tal dies erlaubte. Schon bald kauften die Vereinigten Ultramarinfabriken ein günstig gelegenes Industriegrundstück in Lampertheim, wo später die DAP und heute die CIBA Additive GmbH entstanden.

echter Lapislazuli oder Lasurstein, Lasurit;

Ultramarin ist doch blau, oder nicht?

Natürliches Lasurit ist ein schwefelhaltiges Natriumalumosilikat, das in verschiedenen Farben auftritt.
Künstlich hergestellt werden die Farben nach folgenden Verfahren:
Ultramaringrün: Sulfatverfahren aus Kaolin, Natriumsulfat und Holzkohle
Ultramarinblau: das U-Grün wird mit Schwefel geröstet oder mit Schwefeldioxid bei hoher Temperatur behandelt und wandelt sich so in Ultramarinblau um. Die chemische Zusammensetzung und das Kristallgitter bleiben gleich.
Man kann das Blau auch nach dem Sodaverfahren in einem Arbeitsgang herstellen: aus Kaolin, Soda, Schwefel, Pech und Kieselsäure. Dies wurde vor allem in Marienberg gemacht. Große Mengen Ultramarinblau in vielen Farbnuancen, aus dem sich auch Ultramarinviolett und Ultramarinrot erzeugen ließ, sowie Kleinstmengen an Ultramaringrün wurden hier produziert. In der Weißmühle standen vier kleine Kammeröfen, ein kleiner rundofen im oberen Brennhaus und 42 große Kammeröfen im unteren Brennhaus. Die Information über die Ultramarinherstellung in Marienberg habe ich dem Beitrag von Herrmann Erb in der Broschüre des Verschönerungsvereins Gadernheim (1985) entnommen. Erb war Chemotechniker und seit 1965 in Lautern tätig, später für verschiedene Entwicklungsabteilungen in Lautern und Lampertheim. Im Ruhestand ab 1993 beschäftigt er sich weiter mit der Ultramarin-Entwicklung und erhielt 1996 ein Patent darauf.

Drei Kugelmühlen erzeugten aus der Rohmischung ein feines homogenes Mehl, das geschah in der Weißmühle, täglich 28,8 Tonnen. Das Kaolin, das für die Rohmischung benötigt wurde, wurde zuvor kalziniert. Das sparte beim Einsatz der anderen Rohstoffe, reduzierte die Umweltbelastung durch Reaktionsgase und Schwefeldioxid und den Salzgehalt im Wasser. Zudem vergrößerte es die Ausbeute an Ultramarinblau. Das kalzinierte Kaolin wurde in drei kleinen Kammeröfen in der Weißmühle gebrannt, ca. 24 Tonnen pro Woche.

Die Farben wurden in Tiegeln gebrannt. Diese faßten je 10 Liter und wurden aus Schamottegranulat oder Kapselscherben mit Tiegelton und Wasser im Kollergang gemischt, in einer Strangpresse entlüftet und portioniert. Die Tiegelpresse formte dann aus den Batzen Tiegel. So konnten pro Tag bis zu 350 Tiegel und150 Deckel hergestellt werden, die dann drei Tage trocknen mußten, bevor sie gebrannt wurden. Ein Tiegel wog dann ca. 8,5 kg. Er wurde mit 12,5-14 kg Rohmischung befüllt und mit 1200 Kollegen in den Kammerofen eingesetzt. Um Deckel zu sparen, setzte man die Tiegel Öffnung auf Öffnung (die zweite Reihe kopfunter) auf. 6-7 Tiegel pro Säule waren möglich. Die Kammeröfen konnten so jeweils 11-16 Tonnen Ausgangsmischung brennen. Pro Monat wurden 46 Durchläufe gebrannt, ein komplizierter Vorgang mit vielen Regelungs- und Überwachungsarbeiten. Insgesamt dauerte ein Brand 12-13 Tage, bevor der Ofen 2-3 Tage lang abkühlen mußte. Der Inhalt wurde dann herausgeklopft, es gab drei Qualitäten: 1. weiße Anteile = Abfall, 2. helles Blau = 2. Sorte, 3. kräftiges Blau = 1. Sorte und somit der gute Ultramarinblau-Rohbrand. Dieser wurde danach entsalzt und wiederum gemahlen, in zwei Kugelmühlen mit Quarzsteinchen als Mahlkies und Mahlflüssigkeit (Natronwasserglas) wurde der Rohbrand hier zu einer feinen Paste, die danach in der Flotation aufbereitet wurde. Abfallprodukt waren monatlich ca. 1,5-2,5 Tonnen Schwefelschlamm, der auf der Schutthalde gelagert wurde. Täglich konnten drei Chargen flottiert werden. Weiter ging es durch die Schlämmerei: in mehreren Kaskaden setzten sich die Körnchen in verschiedenen Stärken ab, die dann weiter zur Trocknerei wanderten. Die Brühe aus der Schlämmerei wurde ausgeflockt und getrocknet, das Wasser dekantiert. In der Trocknerei blieben die beladenen Horden 12-22 Stunden bei 150 Grad, das Ergebnis war Brockenblau, das dann in die blauen, heute als Regenwasserfässer beliebten 200-Liter-Fässer kam. 250-300 Fässer standen meist im Brockenlager, sorgsam beschriftet mit dem Farbton von dunkel bis hell, dem Reinheitsgrad von schmutzig bis höchste Brillanz und der Farbkraft von schwach bis stark. Das Farblabor ordnete jeweils Mustertütchen zum Verkaufsprogramm.

Das Brockenblau wurde gesiebt, getrocknet, zu homogenen Farbmischungen zusammengestellt und abgepackt. Papiersäcke, innenbeschichtete Säcke oder Papptrommeln von je 25 kg konnten in den Versand gehen. Im Lager konnte etwa eine Monatsproduktion gelagert werden. In den Handel kam neben normalem Ultramarinblau auch säurebeständiges, zementbeständiges, salzarmes, entschwefeltes, hydrophobes oder hydrophiles (wasserabstoßend oder wasseranziehend) Ultramarin.

Würden wir den Durchblick nicht mit einer Palette an Grüntönen gestalten, sondern - als Lauterner Lokalpatrioten - in Ultramarin-Abtönungen, hätte unsere Druckerei das früher mit Druckblau erledigt. Glanzpapier, Dachpappe, PVC und PE-Folien, Garne, Hausanstriche und Sonnenschutzanstriche wurden mit Ultramarin gefärbt.

 

Nach 50 Jahren: immer noch leuchtend blau! Fundstücke aus der Umgebung...

 

Umweltschädigungen und Umweltschutz

Die Farbenproduktion in Lautern prägte das Dorf ebenso stark, wie es zuvor Landwirtschaft und Mühlenbetriebe taten. Man sah allwöchentlich samstags die Beschäftigten an der Tankstelle in Gadernheim (Brecht, Ecke Bundesstraße / Straße nach Brandau, später Getränkemarkt, Blumengeschäft, jetzt privat), wie sie ihre Autos wuschen. Niemand sprach darüber, aber die Vermutung stand im Raum, daß dies auf Kosten der Fabrik ging. Weniger unauffällig waren oftmals die Farben der Lauter oder auch Gerüche und Lärm. Aber niemandem fiel es ein, dagegen zu protestieren. Die Fabrik brachte dem Dorf Arbeit und Wohlstand, auch viele Reichenbacher und Gadernheimer arbeiteten hier. Die Zeiten waren anders, viele Umweltsünden wurden mangels besseren Wissens einfach hingenommen, und wem das nicht paßte, der war schnell als Querulant verschrieen. Selbst für mich als Grüne stellte die Fabrik mit ihrem Schornstein und dem fröhlichen Arbeitslärm eher ein Wahrzeichen dar, als daß es mich störte. Heute sind viele Dinge überhaupt nicht mehr vorstellbar, aber nie änderten sich die Dinge in rascherer Folge als im Industriezeitalter, das wir inzwischen verlassen haben und uns zu empfindlichen Umweltwächtern entwickelt haben. Auch weil wir mit unserer Schreibtischarbeit (vermeintlich) der Umwelt nicht schaden. Das muß man sich vor Augen halten, um den Stellenwert der Fabrik richtig einzuordnen.

1964 wurde eine in Lampertheim eine biologische Kläranlage gebaut, und man verlagerte die Phosphitproduktion dorthin, weil das Abwasser dort gereinigt und entsorgt werden konnte.

Umweltfragen waren schon lange immer wieder Gegenstand von Diskussionen. Vielfach wurden künftige Schädigungen durch industrielle Expansion erst wesentlich später offenkundig. In ihrer Dokumentation aus dem Jahre 1995 "Die Blaufabrik und ihre ökologischen Folgen für Lautertal" setzten Andrea Lantos, Renate Horn und Peter W. Sattler Industrie-Erzeugnisse und Umweltschädigungen ins Verhältnis zueinander. Gerbereien, Abdeckereien, Pottaschen- und Salpetergewinnung, Seifensiedereien, Harz- und Pecherzeugung sowie Brauereien, Brennereien und Eisenhütten trugen in den vergangenen Jahrhunderten viel zu Schäden bei, die erst im 20./21. Jahrhundert dokumentiert werden können. Am 6. Mai 2021 hatten wir bereits sämtliche Ressourcen weltweit verbraucht, die eigentlich für das ganze Jahr 2021 reichen sollten. Unser Umgang mit der Umwelt ist also global noch sehr sehr weit entfernt davon, wirklich nachhaltig zu sein. Genau 239 Tage nämlich, und der Erdüberlastungstag rückt Jahr für Jahr weiter nach vorne.

Umweltschutz war nie beliebt, zu Zeiten der Hessischen Landgrafen und ihrer Untertanen schlicht egal. Heute werden diejenigen Maßnahmen von Erfolg gekrönt, die eine wirtschaftliche Notwendigkeit haben. Die Lauter wurde bis 1900 vor allem durch die Abwässer der Wilmshäuser Firma Dassel (Vorläufer der DESTAG) verunreinigt, bis man ein mechanisches Klärbecken in Betrieb nahm. Um 1850/1860 herum wurde eine Waldfläche in der Umgebung der Blaufabrik durch Schwefeldampf geschädigt.

Als die Ciba Geigy Marienberg 1974 Rechtsnachfolgerin der Blaufabrik wurde, übernahm sie auch die Verantwortung für alle Altlasten. Wer nun jedoch glaubt, daß die Umweltbelastung erst mit dem Einzug der Kunststofftechnik begann, der täuscht sich: Ultramarin ist zwar nicht giftig, seine Herstellung jedoch schon. "Es ist das einzige schwermetallfreie anorganische Pigment, das nicht giftig ist," so das Autorenteam. Weltweit lag die Produktion an künstlichem Ultramarin zur Zeit der Dokumentation 1995 bei 200.000 Tonnen, und die Lauterner Fabrik war weltweit einer der bedeutendsten Ultramarinhersteller.

Das Autorenteam Lantos und Horn, Schülerinnen des Überwaldgymnasiums Wald-Michelbach und ihr Chemie-Fachlehrer Peter W. Sattler erarbeiteten in den Schuljahren 1993-1995 sehr viele Fakten: sie beschreiben das Entstehen der Deponie im Jahr 1852, also zur Anfangszeit der Ultramarinfabrik. Produktionsrückstände (siehe oben) und Bauschutt wurden von Beginn an in einer Senke zwischen Lauter und Straße deponiert. Die abgelagerten Brenntiegel für das Brockenblau machen ca. 37400 Tonnen aus. Da man jeden Tiegel viermal verwenden konnte, fielen im Lauf der Jahre etwa 4,4 Millionen Tiegel an. Rohblau-Abfälle (2000 Tonnen), Asche (2000 m3), Ofenbruch (5000 m3), Schwefelschlamm (400m3), Bauschutt (2000m3) - insgesamt 65.000m3 oder 46.060 Tonnen von 1852 bis 1974. Heute sind es 75.000 m3 Inhalt. Die DAP lagerte ebenfalls Filterrückstände hier ab. Die Lauter mußte verlegt werden und bekam eine Kaskade, die 1960 erbaut und 1983 erneuert wurde. Als die Ultramarinherstellung 1974 endete, schloß die CGM die Deponie und begrünte sie. Die Deponie war 225m lang und 30m breit, im Westen nach Reichenbach zu 14m hoch, nach Lautern zu 5m.

Die Lauter war bunt: in den sechziger und siebziger Jahren konnte man die Blaufärbung von Wasser und Umgebung deutlich sehen, das Wasser war trübe und schäumte gelegentlich. Sickerwasser aus der Deponie gelangte in den Bach, Straßenbäume starben ab. In der Lauter wurden hohe Werte an Natrium-Alumninium-Sulfat gemessen. Proaktiv ließ CGM 1986 ein Gutachten erstellen, wie die Deponie saniert werden kann und kam damit der Verfügung der Behörden zuvor. Da man den Deponieinhalt nicht auf eine öffentliche Deponie umlagern konnte, sollte alles vor Ort wasserdicht eingekapselt werden. HochTief legte dazu die Pläne vor, die 1991 vom Regierungspräsidium Darmstadt genehmigt wurden.

Die Belastung mit anorganischen Stoffen aus dem Sickerwasser, besonders nach Regengüssen, bis praktisch zur Sättigung, mußte beendet werden. Die Sulfationen sind zwar relativ harmlos, ihre hohe Konzentration von über 20.000mg/m3 (normaler Wert: ca. 40 mg/m3) vergiftete Süßwasserfische.

Aluminiumsalze im Trinkwasser dürfen heute 0,2 mg/l nicht überschreiten. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) warnte im November 2019 vor Aluschalen und aluminiumhaltigen Deodorants. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat für Aluminium einen sogenannten tolerierbaren wöchentlichen Einnahmewert definiert – den TWI (Tolerable Weekly Intake): 1 Milligramm Aluminium pro Kilogramm Körpergewicht. Die gemeinsame Expertenkommission der Welternährungs- (FAO) und Weltgesundheitsorganisation (WHO) JECFA läßt das Doppelte zu: ihr Grenzwert liegt bei 2 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht und Woche. Bereits in den 60er Jahren wurden Zusammenhänge zwischen der Aluminium-Aufnahme und Alzheimer-Erkrankungen hergestellt, und 2011 kam das Brustkrebsrisiko aufgrund zu hoher Aluminiumaufnahme hinzu. Beides ist bis jetzt nicht bewiesen und entsprechend umstritten. Man kann Aluminium trotz allem vermeiden: bei Deodorants, Alufolie, Alu-Grillschalen etc (Vorsicht: keine sauren oder salzhaltigen Lebensmittel einfüllen) und weißenden Zahnpasten. Quelle: Quarks

Die Sicherungs- und Sanierungsarbeiten der CGM ab 1991 wurden vom Autorenteam Lantos, Horn und Sattler durchgängig begleitet, über zwei Schuljahre (11. und 12. Klasse) wurden Jahresarbeiten erstellt und es gab einen Besuch vor Ort (Bio-Leistungskurs am 4. Februar 1992). Das Grundwasser der Deponie mußte abgesenkt werden, der Austausch zwischen Grundwasser und Lauter unterbunden. Das Bett der Lauter wurde zum Grundwasser hin auf 600 Meter abgedichtet, dazu wurde es um 10 Meter südlich verlegt. Unter dem Bachbett wurde eine Drainage verlegt. Ein Geländestreifen von 10 Metern rechts und links der Deponie muß seither von tiefwurzelnden Gewächsen freigehalten werden, denn die Deponie selbst wurde durch wasserundurchlässige Geotextilien abgedichtet. Auch dieses Geotextil besteht aus Kunststoff: aus PE und PP, unverrottbar und extrem witterungsfest, auf einer Schicht aus lehmig-mineralischem Material. Zuvor war das Deponiewasser abgepumpt worden.

Eine Reihe Brunnen und Meßpegel wurden eingerichtet, um den Grundwasserstand zu überwachen und die Konzentration an Sulfat und Aluminium. Ist sie zu hoch, darf das Wasser nicht in die Lauter eingeleitet werden, sondern muß von CGM entsorgt werden. Über die Brunnen kann das Grundwasser bei zu hoher Belastung abgepumpt werden. Monatlich werden Proben entnommen. Das kostet die CGM viel Geld: bis 1995 etwa 10 Millionen D-Mark. Die Autoren stellen dem den Jahresumsatz von 1988 in Höhe von 465 Millionen D-Mark gegenüber, so daß die Deponiesanierung für die Firma eine dauerhafte teure Angelegenheit bleibt, obwohl sie sie nicht verschuldet hat.

Die Brunnenüberwachung muß permanent weiterlaufen, Monat für Monat. Im Frühjahr 1994 lag die Sulfatkonzentration noch bei 500 mg/m3, also achtmal höher als der Normalwert. Wie hoch der Wert heute ist, wäre interessant herauszufinden.

"Die Lauter ist ein Wildbach, der bei Hochwasser das 500fache der normalen Wassermenge führt," so die Autorengruppe. Ein Unwetter im Herbst 1992 während der Verkapselungsarbeiten wehte die provisorische Deponieabdeckung weg, der Regen drang ein und machte die Trockenlegungsbemühungen der vorangegangenen Monate zunichte. Die Deponie wurde überschwemmt, da sich in den Kaskaden Schwemmholz gesammelt hatte, und das Betonfundament der neuen Brücke wurde unterspült.

2013: die Deponie wird noch immer überwacht. Die BASF, Nachfolgerin der Ciba Spezialitätenchemie seit 2009, hat laut Pressesprecherin Ursula von Stetten auch die Sorge für die Deponie geerbt. Diese wird beweidet und gemäht, um sie baumfrei zu halten. Noch immer wird regelmäßig der Stand des Grundwassers kontrolliert, das einen Meter unter der Deponiesohle bleiben muß.

 

 

 

Waarenzeichen: Deutsches Reich - handschriftlicher Eintrag: "siehe auch Salzwerke und Klinge-Warenzeichen, S. 100-102"
4. Februar 1903 angemeldet, Japan, Belgien, Frankreich"

 

Waschblau aus Lautern  - Bekanntmachung im Bergsträßer Anzeigenblatt vom 21. August 1890: "In der außerordentlichen Generalversammlung der unter der Firma "Blaufarbenwerk Marienberg zu Marienberg bei Lautern domicilirten Actiengesellschaft vom 7. August 1890 wurde die Auflösung dieser Gesellschaft und deren Vereinigung mit der Actiengesellschaft Vereinigte Ultramarinfabriken vormals Leverkus, Zeltner und consorten zu Nürnberg beschlossen. Die Gläubiger haben sich bei dem Vorstand der bisherigen Gesellschaft zu melden. Eintrag im Gesellschaftsregister ist erfolgt. zwingenberg, den 15. August 1890. Großherzogliches Amtsgericht. Dr. Lahr."

 

Ultramarin Wasch-Stahlanlage Betrieb Marienberg Projekt 16. Februar 1943 im Maßstab 1:100.

Kunststoff auf dem Vormarsch

Ultramarin war lichtecht, hitzebeständig und ungiftig - ein ideales Pigment für die aufstrebende Kunststoffindustrie. Um das neue Thermoplast PVC dauerhaft einfärben zu können, brauchte es Stabilisatoren. Diese wurden zusätzlich um Ultramarin ins Lieferprogramm genommen. Zunächst waren die Stabilisatoren aus sogenannten Metallseifen auf der Basis von Calcium, Barium, Cadmium und Zink. Dann wurden in Amerika Zinnstabilisatoren entwickelt, und Otto Carl Leverkus zögerte nicht, die Deutschland-Lizenz zu erwerben. Die US-Firma Advance Solvents & Chemical Corporation wollte jedoch mehr als nur die Lizenzvergabe: sie suchte einen Fabrikationspartner in Europa. Leverkus gelang es, die HÖCHST AG in Frankfurt auszustechen - durch gute Manieren! Während der Verhandlungspartner Dr. Gerry Mack von Advance Solvents bei Höchst nur von einem Vorstandsbeauftragten empfangen worden war, wurde er hier vom Chef persönlich empfangen.

So begann die DAP in Lautern mit der Produktion von Thermostabilisatoren, zusätzlich auch von Lackzusatzstoffen. Organische Zinnverbindungen bildeten die Grundlage, nicht immer ganz ungefährlich. Die Fußböden und Treppen in der Fabrik waren daher so gestaltet, daß auslaufende Flüssigkeiten ablaufen konnten und keine stehenden Pfützen bildeten. Das Treppablaufen auf leicht abschüssigen Stufen ist ein eigenartiges Gefühl. Heute wäre der Aufbau einer chemischen Fabrikation wie 1955 im Lautertal aufgrund der Gesetzesdichte völlig ausgeschlossen.

Von rund 100 Mitarbeitern 1959 wuchs die Firma auf 436 Beschäftigte zehn Jahre später. Ein 1960 erbautes Forschungsgebäude diente der Entwicklung weiterer PVC_ und Lackadditive und beherbergte auch die Kantine. Es folgte das Technikum zur Herstellung neuentwickelter Additive, 1970 zog die Anwendungstechnik in ein neues Gebäude oben am Berg, wo zwei Jahre später auch die Polyesterentwicklung untergebracht wurde.

1970 wurde die DAP von Geigy übernommen, das Werk nannte sich nun Ciba-Geigy Marienberg GmbH (CGM). Dr. Hans Herzog kam von der DEGUSSA nach Lautern und Lampertheim und stieß technologische Verbesserungen an. Auch zog er neue Aufgaben aus dem Geigy-Stammhaus Basel zur Produktion in Lampertheim und in die Forschung und Entwicklung in Marienberg herbei.

In Marienberg arbeitete man nun auch an der Entwicklung von Polyestern und etablierte sich auf dem Kunststoffmarkt. Elastomer-Additive kamen hinzu sowie das BIO-Zentrum, in dem Biozide für Wasserbehandlung und Schiffsbodenfarben entwickelt wurden.

Die große Kesselexplosion in Lautern

An seinem vorletzten Tag als Werkstudent wurde der Lauterner Hans Fuchs im Alter von 22 Jahren zum Rentner: am frühen Nachmittag des 27. März 1969 explodierte in der DAP in Lautern ein Kessel.  Bei der Herstellung eines Additives zur Kunststoffstabilisierung erfolgte eine exotherme Spontanreaktion mit extremer Gewalt. Ob der Kessel mit falscher Rezeptur bestückt worden war oder ein anderer Fehler vorlag, konnte die Kriminalpolizei nicht ermitteln.

Als der Maschinist den Kessel hochfuhr, indem er die Reaktionsflüssigkeit zugab, entstand die spontane Fehlreaktion: anstelle des gewünschten Additivs polymerisierte das Material aus, wurde selbst zu einem Kunststoff. Die Polymerisation (Kunststoff besteht aus sehr langen Molekülketten, den Polymeren, die für seine Elastizität sorgen) erfolgt unter gewaltiger Masseausdehnung. Wenn man sich vorstellt, daß aus einem schweren Pulver ein leichter Kunststoff wird, wird die Ausdehnung verständlich.

Der Kessel stand im 1. Stock in einem Gebäude hinter dem Laborgebäude (gegenüber Edeka), dieses Kesselgebäude bestand aus Sicherheitsgründen aus einem mit leichten Eternitplatten verkleideten Stahlgerippe aus Doppel-T-Trägern. Wäre es ein Massivbau gewesen, hätte es den vier Betroffenen (dem Maschinisten und drei Werkstudenten) die Lunge zerrissen, die Explosion wäre für sie tödlich verlaufen.

Der Kessel ragte über die Decke des 1. Geschosses hinaus, darüber war eine Stahlbetondecke. Motor und Getriebe der Anlage wurden bei der Explosion durch diese Stahldecke getrieben, der Deckel, Durchmesser 3,5m mit 36 Verschraubungen, flog weg. Der Explosionsdruck riß die Verschraubungen auf der gegenüberliegenden Seite ab, so daß die vier Personen nicht die Hauptdruckwelle abbekamen. Diese drückte die Fenster des Laborgebäudes nach innen und auf der anderen Seite nach außen, so daß die Nibelungenstraße übersät war von Glassplittern. Auch die Schaufensterscheibe des über 200 Meter entfernt liegenden Frisörgeschäfts ging zu Bruch. Das Mannloch (der mit 36 Schrauben verschlossene Deckel) flog angeblich bis in den Wald hinter der Ciba Bibliothek.

Hochkonzentrierte Lauge traf Hans Fuchs und die anderen Anwesenden, bei ihm war ein großer Teil der Hautoberfläche betroffen: polymerisierter Kunststoff bedeckte Haut und Haare und mußte im Krankenhaus abgeschält werden, unzählige Glassplitter entfernt werden.

Fuchs hatte als Werkstudent die Aufgabe, Energieabläufe zu optimieren. Dazu erfaßte er an den verschiedenen Produktionsstationen die eingesetzte Energie und stellte sie zum Produkt ins Verhältnis, damit war er auch an diesem Tag bei der Herstellung des besagten Additivs befaßt. Bei Änderungen im Prozeß konnten mit seiner Erfassung die Kosten exakt kalkuliert und gegebenenfalls angepaßt werden. Er hätte nach der Mittagspause am 27. März 1969 auch zuerst zu einer anderen Station gehen können. Aber es war dieser Kessel, der dann explodierte. Ob es ein interner Fehler war, konnte nicht geklärt werden, Fuchs verzichtete nach kurzer Bedenkzeit auf Anzeige gegen unbekannt. Er vermutet, daß dies nicht zu einem Ergebnis geführt hätte und stattdessen geschadet hätte. Da sein Verzicht auch keine Auswirkung auf die Beurteilung durch die Berufsgenossenschaft hatte, ließ er es dabei.

Ursprünglich hatte Fuchs eine Elektromechaniker-Ausbildung absolviert, an der Abendschule die Fachhochschulreife nachgeholt und studierte nach der Lehre in Darmstadt Nachrichtentechnik. Den Job als Werksstudent in Marienberg hatte er angenommen, weil er zu Fuß erreichbar und Mittagessen zuhause möglich war. Zudem war die Bezahlung auch sehr gut.

Nach dem Unfall - Hans Fuchs war zunächst vier Jahre blind - absolvierte er bei der Blindenanstalt Marburg mehrere Kurse, um trotzdem für den Arbeitsmarkt bereit zu sein. Er war sogar bereit, dafür eine ungeliebte Ausbildung zum Industriekaufmann zu machen, da ein technischer Beruf nicht mehr in Frage kam. Über zehn Jahre versuchte er, einen Arbeitsplatz zu bekommen. Er bewarb sich auf einen Ausbildungsplatz bei der Ciba Geigy Marienberg, der Nachfolgerin der DAP, man gab ihm jedoch zu verstehen, daß er wohl die Ausbildung machen könne, aber mit Sicherheit danach nicht in den Betrieb übernommen werde.

Bei der Berufsgenossenschaft riet ihm ein wahrer Menschenfreund davon ab. Hätte er die Ausbildung absolviert, wäre er auf dem 1. Arbeitsmarkt verfügbar gewesen, ohne Chance auf Vermittlung. Das Ende wäre Hartz 4 gewesen. Stattdessen wurde Hans Fuchs mit 30 Jahren leidenschaftlicher Rentner und half ehrenamtlich überall mit seiner Fachkenntnis, Geduld und Gründlichkeit, wo er konnte. Er engagierte sich kommunalpolitisch in der Gemeindevertretung, im Gemeindevorstand und als Ortsvorsteher, außerdem in der Freiwilligen Feuerwehr und der Sportgemeinschaft Lautern. Den Odenwälder Kleinkunstverein DoGuggschde gründete er 1988 selbst mit und organisierte mehrere Open Airs am Felsenmeer und andere Veranstaltungen mit. Hans Fuchs ist außerdem begeisterter Folkmusik-Fan und versäumte kein einziges Konzert in der Dorfschänke. Da diese Konzerte für mich als Wirtin damals (1986-1998) eigentlich keine kommerzielle Angelegenheit waren, sondern eher Herzenssache mit gelegentlich höherem "Draufleg-Faktor", engagierte sich Hans Fuchs auch hier mit Rat und Tat, gestaltete den etwas dröge wirkenden Kneipenraum hinter der Festhalle  mit Holzfachwerk und war jederzeit "zu allen Schandtaten" bereit.

 

Der Reichenbacher Walter Koepff, ständig unterwegs mit Kamera und Textblock für seine Berichte im Bergsträßer Anzeiger und später auch im Durchblick, arbeitete am Tag der Explosion im Keller des Technikums als studentischer Ferienarbeiter. Wenige Tage zuvor war er im Kesselhaus eingesetzt worden und nur zufällig im Technikum tätig. Die Schwerverletzten waren alle gute Bekannte.

 

Ciba Geigy Marienberg: Ende der Ultramarin-Produktion

Die Ultramarinproduktion wurde 1974 eingestellt: aus ökologischen und ökonomischen Gründen. Das heißt im Klartext: das neue Bundesimmissionschutzgesetz war in diesem Jahr in Kraft getreten und hätte erhebliche Investitionen erfordert, um das Werk Marienberg in seinem engen Tal, umgeben von Wohngebieten, zu erhalten. Die Lauter konnte wieder zu dem klaren (lauteren) Bach werden, den ihr Name versprach.

Die Belegschaft der stillgelegten Ultramarinproduktion (ca 100 Personen) wurde fast vollständig übernommen, in die Laborräume zog das BIO-Zentrum ein. Noch heute findet man an Hauswänden, auf Bruchsteinen zur Wegbefestigung und an den unglaublichsten Stellen die wunderschöne brillantblaue Farbe, mit der in Lautern und den umliegenden Dörfern vieles gestrichen wurde. Die Farbanstriche haben somit fast fünfzig Jahre überdauert!

Die "traditionelle" Herstellung des Farbstoffes Ultramarinblau wurde komplett durch die Additivproduktion abgelöst. Das Jahr 1954 ist die Geburtsstunde der modernen chemischen Industrie im Lautertal, wie Dr. Karl Josef Kuhn aus Gadernheim (Produktentwicklung / Forschung bei CGM in Lautern und Lampertheim) schreibt. Kunststoffadditive, basierend auf Sojaöl oder natürlichen Fettsäuren, Metallen oder deren Verbindungen, organischen und anorganischen Zwischenprodukten, dienten der besseren Verarbeitung und Haltbarkeit von Kunststoffen. Diese benötigen einen Schutz gegen Alterung, Hitze, UV-Strahlung und Feuchtigkeit.

Bevor es bezahlbare Kunststoffe gab, wurde vorwiegend Schildpatt für Gebrauchsgegenstände verwendet, deren Haupteigenschaft Flexibilität sein sollte. Ausstellung im Heimatmuseum Ober-Ramstadt, 2010 

Die Anfänge im Spritzguß: eine Battenfeld-Anlage von 1960, Ausstellung im Heimatmuseum Ober-Ramstadt, 2010  

Kämme waren früher aus Schildpatt, Holz oder Knochen - ebenso wie Knöpfe. Hier das Firmenschild der Kamm-Celluloidwarenfabrik Jac. Reimann Ober-Ramstadt, Ausstellung im Heimatmuseum Ober-Ramstadt, 2010  - das Museum beherbergt auch eine interessante Abteilung zum Frisurenwesen: Perücken, Haarschmuck, Brennscheren für Locken und Wellen sowie eine komplette Frisöreinrichtung - schauen Sie bei Gelegenheit mal rein! http://www.museum-ober-ramstadt.de/

Eine Ausstellung im Heimatmuseum Reinheim im Jahr 2013 befaßte sich nur mit Knöpfen und Knopfherstellung. Auch zeichnete sich die Entwicklung günstiger Kunststoffe im Laufe der Jahrzehnte gut ab.

Mit Farbe - darunter natürlich auch Ultramarin - und Pinsel wurden von Hand alte Militärknöpfe "umgewidmet" zu dekorativen Trachtenknöpfen. Heimatmuseum Reinheim, lesen Sie zum Thema Knöpfe auch "Knopfgeschichten" - dazu ist sicher noch nicht das letzte Wort geschrieben und das letzte Archivfoto veröffentlicht!

Kunststoff wurde gespritzt, extrudiert, geblasen, gewalzt - und das unter hohen Temperaturen. Ohne Stabilisatoren (Additive) wäre das Produkt schnell versprödet oder hätte sich aufgelöst wie unsere wundervollen gelben Säcke, die sich - mit Absicht - nicht zum Abfüllen schwererer Inhalte eignen, oft leider aber noch nicht einmal zum zweckgemäßen Abfüllen von Abfallplastik. Was eigentlich in den gelben Sack darf und was nicht, DAS ist nochmal ein eigenes Thema, das oftmals jeglicher Logik entbehrt...

Kunststoff ersetzte bald auch Leder in Maschinendichtungen, während der historische Wassermotor in Rothenberg noch auf die "natürliche" aber aufriebanfällige Lederdichtung der Reichelsheimer Firma Freudenberg setzte. Als Kind bekam ich einmal eine Packung Dusyma, die mich bei weitem nicht so faszinierte wie die Verpackung: ein geschmeidiges dickes Plastiketui, das verführerisch duftete und nicht ganz glasklar war. Meine frühkindliche Weichmacherportion hatte ich damit also schon erhalten. Aber man konnte sooo viele Dinge in das Etui packen, konnte Ein- und Auspacken spielen und sah und roch immer, wo das Etui lag. Wäre ich nicht so oft umgezogen als Kind, hätte ich die Verpackung ganz sicher noch in irgendeinem Winkel versteckt und ich würde beim Aufräumen irgendwann daraufstoßen...

DAP und CGM stellten über 250 verschiedene Stabilisatoren her. Ausgangsprodukt waren Zinn, Kalzium-Zink oder BariumCadmium-Zink. Auch Aufschäumer oder Kabelummantelungen brauchten ihre speziellen Additive. Es wurden aber auch metallfreie Stabilisatoren, Epoxy-Weichmacher und Gleitmittel hergestellt. Karl Josef Kuhn führt als Beispiel für ein Antioxidantium den Zungenbrecher Thiodipropionsäureester Irganox PS 800 und PS 802 (Propionsäure: das kennen wir alle noch von der Inhaltsangabe auf der Verpackung des guten Campingplatz-Vollkornbrotes "Lieken Urkorn" - wo ist sie eigentlich abgeblieben, die Propionsäure?) - außerdem wurden Additive für das Kunststoff-Recycling hergestellt. Manche Kunststoffe werden erst durch den Zusatz entsprechender Additive wiederverwertbar, indem sie in Grundsubstanzen zerlegt werden können, die eine neue Verwendung zulassen.

Um 1990 hatte die Chemiefabrik in Lautern über 500 Mitarbeiter, aber 1996 kam das Aus. Viele Einrichtungsgegenstände, Anlagen und anderweitige Unterstützungen dienten Vereinen und Gemeinde einer florierenden Existenz, 144 Jahre lebte man auf hohem Standard im Tal. Auch viele Handwerker und kleine Gewerbebetriebe lebten vor allem von der Fabrik.

1993-1994 verkaufte die Division Polymere der Ciba-Geigy, die Kunststoffproduktion mit Forschungs- und Entwicklungsabteilung zu veräußern. Seit 1996 sind diese Abteilungen in Lampertheim (Ciba Additive Lampertheim CAL) tätig.

Der Schornstein des Heizkraftwerkes - das Foto hängt in meinem Büro, auch vor der Sprengung hatte ich das Lauterner Wahrzeichen immer vor Augen.
Heute steht auf dem Gelände des ehemaligen Heizkraftwerkes der Edekamarkt.

Ursprünglich floß das Abwasser der Blaufabrik auf der südlichen Straßenseite in drei Absetzbecken hinter dem Villagarten. Der Mühlgraben zur Weißmühle ist heute noch da. Die Weißmühle (später Flüchtlingsunterkunft von 2015 bis 2020) beherbergte das Kesselhaus mit Dampfmaschine und Kamin. Ein weiteres Ofenhaus mit Kamin lag auf der anderen Straßenseite (heute Auto Krey), und oberhalb lag ein drittes Ofenhaus mit Kamin. Darüber stand ein Gasometer, ein Holzschuppen sowie Warenmagazin und ein Wohnhaus. In der Villa residierte der Direktor sowie ein chemisches Laboratiorium, gegenüber lag eine weitere Wohnung und die Schlämmerei und Trocknerei, gefolgt von der Naßmühle und der Sieberei. Anschließend an die Villa folgten nach Osten die Remise für die Kutsche und die Stallungen (heute Fenster Steinmann) sowie etwas zurückgesetzt das Kesselhaus mit dem hohen Schlot auf dem Foto. Gegenüber der Villa lag die Schlosserei / Werkstatt (heute Fitness-Studio). Fünf Schornsteine prägten das enge Tal zwischen Reichenbach und Lautern.

Kunststoff heute: sinnvoll produzieren, Unnötiges vermeiden

Lesen Sie dazu: Wohin mit unserem Müll?

Ciba-Ausstellung zog 2019 vom Heimatmuseum Gadernheim ins Rathaus Reichenbach um

Walter Koepff schreibt dazu: Am 1. Mai 1852 gründete August von Ploennies aus Jugenheim in Lautern die Blaufabrik, die 1985 ihren Betrieb einstellte. Im Mai 1954 entstand zusammen mit der amerikanischen „Advance Solvents Chemical Corporation“ die „Deutsche Advance Produktion GmbH“, kurz DAP genannt. Oberhalb der alten Blaufabrik entstanden neue Produktionsanlagen für Spezialchemikalien, die ständig erweitert wurden. Ab Mitte der 60er Jahre gab es keine Erweiterungsmöglichkeiten auf dem Areal in Lautern-Marienberg, auf einem neuen Werksgelände in Lampertheim konnte sich der Betrieb weiter ausdehnen. Die „Vereinigten Ultramarinfabriken AG“ schlossen sich 1971 mit Ciba-Geigy in Basel zusammen und firmierten von da an als „Ciba-Geigy Marienberg GmbH“. Überwiegend wurden Additive für PVC produziert. 1996 eröffnete der Verschönerungsverein Gadernheim im Heimatmuseum eine Ausstellung über die Blaufabrik und „die Ciba“.
Jedoch mußten die Erinnerungsstücke  kürzlich ins Rathaus nach Reichenbach umziehen, da der Gadernheimer Verschönerungsverein Platz für Ausstellungsstücke zur 400-Jahr-Feier des Dorfes benötigt.
Da Lautern der Blaufabrik und ihren Nachfolgebetrieben sehr viel zu verdanken hat, bemühte sich der Lauterner Ortsbeirat um einen würdigen Platz für die Glasvitrinen mit der sehenswerten Sammlung von Erinnerungsstücken. Federführend waren dabei Lauterns Ortsvorsteherin Renate Müller mit ihrem Stellvertreter Peter Weimar, die in stundenlanger Kleinarbeit die Exponate reinigten und sortierten. Sehr hilfreich war dabei die logistische Unterstützung von Erika und Willi Bickelhaupt, die selbst bei dem einst größten Arbeitgeber und Gewerbesteuerzahler in Lautertal beschäftigt waren. Die Ausstellung mit weiteren Fotografien und Zeitzeugen dieser Epoche Lautertaler Industriegeschichte ist im Rathaus Reichenbach während der Öffnungszeiten zu sehen.  koe

Fotos aus dem Heimatmuseum Gadernheim

 

 

Ultramarin: der Name ist Poesie - "über das Meer" - in die blaue Ferne...

Allerdings heißt es deshalb so, weil die Rohstoffe aus Übersee kamen: Lapislazuli aus China, Persien und Tibet, fein gemahlen zum "Fra Angelico"-Blau seit dem frühen Mittelalter. Heute ist es als RAL 5002 definiert aus chemischen Rohstoffen und die Erkennungsfarbe des Technischen Hilfswerkes. 1824 wurde erstmals in Frankreich aus Quarz, Kaolin, Soda oder Natriumsulfat, Schwefel und Holzkohle künstliches Ultramarinblau erzeugt, bevor 1834 Carl Leverkus die erste deutsche Fabrik, ihm zu Ehren wurden Siedlung und Fabrik später Leverkusen getauft. Die Nachfolger waren die Bayers. Das anfangs weiße Pulver wird grün sobald es mit Schwefel erhitzt wird. Nach dem Ausbrennen wird es blau. Je nach Mischung wird es auch gleich blau mit rötlichem Ton.

Ultramarinblau: RAL 5002
100 cyan 70 magenta  0 yellow 40 black (k)

Sehr ähnlich, aber als Farbton weltweit geschützt: NIVEA-Blau Pantone 280  c100 m 85 y5 k22

Ebenfalls geschützt: Telekom Magenta RAL 4010 : c15 m100 y15 k10
ADAC rapsgelb RAL 1021 c0 m10 y100 k0

Längst Geschichte, aber immer noch geschützt: Dresdner Bank Grün Pantone 368 c65 m0 y100 k0 - es gibt noch eine einzige Dresdner Bank Filiale in Dresden, damit die Markenrechte nicht verfallen
Und Milka-Lila - egal welches Lila, keines darf als Schokoladeverpackung verwendet werden!

Alte Fotografien der Fabrikanlagen aus der Ausstellung im Rathaus Reichenbach

 

 

 

 

 

Situations-Plan über das Blaufarbenwerk Marienberg. Gefertigt im November 1880 von C. Armbruster, Gr. Geometer i. Cl.

 

Wie ging es weiter? 1996 Abwicklung und Verkauf: ein vitales Dienstleistungszentrum entsteht

In den höchsten Tönen wurde das Fabrikgelände angepriesen, als die Ciba Additive GmbH (Ausgliederung aus der Novartis AG, von BASF übernommen) das Lautertal verließ und sich im Werk Lampertheim ansiedelte. Der Grund für den Umzug waren mangelnde Expansionsmöglichkeiten in Lautern.

"Industrie- und Gewerbepark Lautertal - für Investoren der große Sprung nach vorne" titelte eine Hochglanzbroschüre der CAG, die das Koncepthaus Kuptex veröffentlichte. Damals gab es noch eine starke Wirtschaftsvereinigung in Lautertal, die ihr Vorstandsmitglied Dr. Joachim Plenz kräftig unterstützte. Dr. Plenz war zusammen mit Dr. Herrmann Müller und Dipl.-Ing Dieter Ruetz verantwortlich für den Übergang des Fabrikgeländes in private bzw. gewerbliche Hände. Zu diesem Zeitpunkt gab es in Lautertal zahlreiche Betriebe, denen der Platz im engen Tälchen zu klein wurde oder die sich gerne in attraktiver gelegenen Räumlichkeiten präsentieren wollten. Auch wenn es der CAG am liebsten gewesen wäre, das gesamte Gelände an einen Investor oder eine Investorengruppe zu verkaufen, kam es anders: viele mittelständige und kleinere Betriebe siedelten sich an und nahmen das großzügige Platzangebot gerne an: Baufirmen, KFZ-Betriebe und weitere Handwerker, ein Nachtlokal sowie Handelsunternehmen kamen, auch der Edeka-Markt nutzte die Gelegenheit, um sich stark zu vergrößern. Zuvor war er in Reichenbach in einem zu kleinen Gebäude mit zu wenigen Parkplätzen untergebracht. Allerdings zeigte sich die gewaltige Expansion des Lebensmittel- und Nonfoodmarktes auch als verhängnisvoll für zahlreiche kleine Läden in den Orten ringsum. Bestimmte Dinge, die man bisher im Laden um die Ecke kaufte, bot nun Edeka in größerer Auswahl an. Solche Produkte konnten allerdings später auch wieder aus dem Angebot verschwinden, nachdem der frühere Laden dichtgemacht hatte. Von Kuptex hat man nach einem grandiosen Anfangsauftritt später wenig und dann nichts mehr gehört, und die legendären Gewerbesteuerzahlungen von einst wurden nach dem Weggang der CAG nie mehr erreicht. Auch die ca. 500 Arbeitsplätze direkt vor Ort konnten durch den Gewerbepark nicht aufgefangen werden.

"Das Grundstück umfaßt eine Gesamtfläche von 272.000 Quadratmetern, davon sind 64.000 Quadratmeter gewerblich nutzbar", so das Prospekt. Damals wurden noch die dazugehörigen Wald- und Wiesenflächen mit 20.000 m2 als Gewerbeerwartungsland angepriesen - heute nicht mehr vorstellbar. Diese Flächen lagen östlich von Bibliothek und Anwendungstechnikum, wo sich für viele Jahrzehnte ein Farbtestfeld befand und heute Pferde und Rinder weiden. 123.000 m2 Wald stehen heute wie damals noch unberührt, auch wenn einige Fichtenmonokulturen inzwischen den drei heißen trockenen Sommern zum Opfer fielen. Auch die Spazierwege im Wald auf dem Marienberg sind heute noch benutzbar. Zwei Wasserwerke nördlich und südlich der Fabrik sowie natürlich die Lauter lieferten das erforderliche Prozeßwasser für die Fabrik ebenso wie später für die Betriebe im Gewerbepark.

11 Bürogebäude mit 190 Räumen, 12 Konferenzräume, 4 Kantinen, 6 Laborgebäude mit 40 Labors und Lagerräumen, 4 Produktionsgebäude mit 2300 m2 Fläche, das dreistöckige Chemische Technikum, ein Maschinentechnikum (kranfähig bis 5 Tonnen), 6 Lagerhallen gehörten dazu. Das Kesselhaus (Nr. 7 + 8 in der Grafik) mit 650 m2  überbauter Fläche mit Öltank und Dampfanlage (9 Tonnen pro Stunde) wurde wie auch der große Schlot abgerissen, dort ist heute der Edekamarkt bzw. die dazugehörigen Parkplätze. Außerdem wurden drei Tankläger mit insgesamt 875 m2 überbauter Fläche (Nr. 9 in der Grafik) angeboten und das Feuerwehrgebäude mit Platz für 4 Fahrzeuge (abgerissen, heute Privatwohnhaus).

 

Zur Infrastruktur gehörte auch die Ethernet-Verkabelung aller Gebäude, Netze für Telefon, Telefax und Telex (lesen Sie dazu, was Telex und andere vorsintflutliche Kommunikationsmittel sind, diesen Beitrag: Kommunikation: von de Schnuut ins Ohr). Wasser war ausreichend vorhanden, auch ein geschlossener Kühlwasserkreislauf mit Rückkühlung sowie Ortswasser- und abwasseranschluß, 380V Stromversorgung, zentrale Wörmeversorgung, Druckluft-, Dampf- und Stickstoff-Versorgungsnetze. Auch 290 Stellplätze und die vier Feuerwehrgaragen machten das Gelände attraktiv.

Im Dezember 1998 veröffentlichte die Ciba Spezialitätenchemie Lampertheim GmbH eine Schrift zum erfolgreichen Verkauf der Lauterner Anlagen. "Alle Grundstücke verkauft - Neues Leben im Lautertaler Gewerbepark": wie angestrebt, hatte sich ein Branchenmix mittelständigen Gewerbes angesiedelt. Dank der umfangreichen Vorleistungen durch Ciba konnte das Gelände sinnvoll parzelliert und mit der passenden Infrastruktur komplett vergeben werden. Die Energieversorgungsnetze wurden entflochten, die Werksstraße wurde zu "Am Marienberg" umbenannt, Gas Strom Straßenbeleuchtung eingerichtet. Altlasten (außer Deponie) wurden entsorgt und die Flächen saniert. Der gemeindliche Ausschuß "Gewerbegebiet Lautern" konnte am 5. Februar 1999 bei einer öffentlichen Begehung des Geländes alle neuen Betriebe kennenlernen und sich von der Qualität der Umbauten und Sanierungen überzeugen. Matthias Wilkes, damals Vorsitzender des Ausschusses, lobte den neuen Gewerbestandort, der in kurzer Zeit umgewandelt wurde. Viele ehemalige Mitarbeiter der Ciba sowie neue Mieter und Eigner seien hier untergekommen. Dr. Plenz führte durch alle Räumlichkeiten. Einige standen noch leer, aber der Gewerbepark hatte sich tatsächlich schnell mit Leben gefüllt.

Und heute?

Zwei Lebensmittelmärkte, Reifenhändler, Autowerkstätten, ein Gabelstaplerbetrieb, eine Fensterbaufirma, ein Fitneßstudio und mehrerere Industriezulieferer haben sich in den letzten 25 Jahren hier etabliert. Einige der Erstbezieher gingen bald wieder, neue kamen hinzu. Heute wie damals blüht auf dem Gelände Handel und Wandel. Das ehemalige Laborhochhaus war auch 2003 noch nicht belegt. Bis heute steht es leer - obwohl es einige gute Ideen gegeben hat für seine Nutzung. 

2015 kam eine Flüchtlingsunterkunft in die alte Weißmühle, die zu diesem Zweck notdürftig umgebaut wurde und - wie von den Betreibern öfter versichert wurde - auch weiter ausgebaut werden sollte. Bis zur Schließung im Dezember 2020 bestanden die Toilettentrennwände und auch die Kücheneinbauten aus rohen Dachlatten und Preßspanplatten, der Fußboden im Treppenhaus aus Rohbeton. Rings um das Gebäude lagerte Bauschutt, darunter auch historische Sandstein-Türstürze, die man heute noch am Ufer der Lauter finden kann, ebenso wie alte Schamottesteine aus den Tiegelöfen. Niemand weiß, welche Schadstoffe der Bauschutt enthält, aber den Geflüchteten dienten die Schamottesteine als praktische Einfassung für ihr Holzkohlegrillfeuerchen draußen in der Natur.

Die Deponie unterhalb der Fabrik entstand bereits in den Anfangsjahren der Fabrik und wurde vom Rechtsnachfolger des Rechtsnachfolgers so verkapselt, daß keine Schadstoffe austreten können. 1990 erarbeitete die Ciba-Geigy AG ein Grundsatzprogramm unter dem Titel "Vision 2000". Darin ist die Verknüpfung von gesunder Umwelt, sozialer Verantwortung und langfristigem Geschäftserfolg festgeschrieben. Die Ultramarin-Deponie war eine der ersten Halden im Kreis, die nach höchstem technischen Standard vorbildlich saniert und versiegelt wurde. Dazu muß man wissen, daß die Grundwasser führende Schicht zunächst von einer Unmenge an zerbrochenen Tiegeln und Rohblau-Abfällen bedeckt ist. Obenauf folgen die gefährlicheren Chemikalien, die auf diese Weise jedoch durch Ton, Schamotte und unschädliches Ultramarin gefiltert werden. Nach oben ist die Deponie durch mehrere Lagen Geotextil und Rasen gegen Regenwasser geschützt.

Die Kaskaden und Betonverbauungen an der Lauter: da zur Versiegelung der Deponie das Bachbett um 10 Meter nach Süden verlegt werden mußte, ergab sich ein höheres Gefälle, das über diese Anlage abgefangen wird. Für wandernde Fische ein schwieriges Hindernis...

 

Einer der sechs Brunnen, über die regelmäßig Proben gezogen werden, um die Grundwasserbelastung zu prüfen und um sicherzustellen, daß der Grundwasserpegel immer unter dem des Bachbettes liegt

 

 

Idyllischer Grillplatz aus historischen Sandsteinrahmen und Schamottesteinen aus der Weißmühle

Schamottesteine

Die Brücke über die Lauter; im Hintergrund rechts das Bachbett der Lauter, links der alte Abzweig des Mühlgrabens, der zur Borgersmühle führte an deren Stelle sich später die DESTAG entwickelte

 

Der Schutzdamm am Retentionsbecken: dieses Becken soll Hochwasser von Reichenbach abwenden. Der Damm wurde aus Abraum aus dem Kupferbergwerk am Hohenstein errichtet. Das Becken liegt direkt unterhalb der Deponie

Die Deponie von Westen aus Richtung Reichenbach

Die Villa und ihr Wappen

Die gründerzeitliche Villa, die die von Ploennies einst errichtet hatten, dient heute als Wohn- und Geschäftshaus. Das Wappen, das den Giebel des Gebäudes ziert, war vor einigen Jahren einmal Gegenstand von Nachforschungen. Einer unserer Leser*innen hatte danach gefragt. Wir haben damals die Anfrage an die Hessische familiengeschichtliche Vereinigung geschickt, die ihrerseits beim Staatsarchiv Darmstadt nachhakte. Herr Rainer Maaß vom Staatsarchiv teilte uns dann folgendes mit: "das Wappen an der Villa Lautern ist wohl eher als Baudekoration zu verstehen, denn es stellt kein nach heraldischen Grundsätzen gestaltetes Wappen mit Schild, Helm und Helmzier dar. ... Es ist anzunehmen, daß dieses Wappen von einem der in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts zahlreichen 'Wappenbüros' oder einem der kommerziellen 'heraldischen Institute' vermittelt wurde, die nicht nur neue Phantasiewappen entwarfen, sondern auch auf alte, tatsächlich vorhandene Wappen zurückgriffen. In diesem Fall handelt es sich ursprünglich um das auch in Siebmachers Wappenbuch registrierte Wappen der ungarischen Adelsfamilie von Volosinowszky. Es ist kaum anzunehmen, daß diese Adelsfamilie um 1850 Beziehungen zu Lautern hatte. Wenn das Gebäude aber nachweislich von einem Mitglied der Familie von Ploennies erbaut wurde (die ja ein ganz anderes Wappen führte), könnte es sich tatsächlich um ein Firmenwappen der Familie handeln, ... Vielleicht lassen sich die sich kreuzenden Pfeoile auch in anderem Zusammenhang mit dem Unternehmen Blaufarbenwerk nachweisen." Herr Dr. Maaß verwies noch auf ein Dokument im Staatsarchiv, das möglicherweise Näheres erbringen könnte.

Die Villa, oben das Wappen

 

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Lautern und Ein Mühlendorf im Wandel zum Industriestandort

Literatur

Verschönerungsverein Gadernheim und Ciba Additive GmbH: Von der Blaufarbenproduktion zum modernen Chemiewerk im Lautertal 1852-1996, eine Ausstellung in der Heidenberghalle von Gadernheim 1988

Andrea Lantos, Renate Horn und Peter W. Sattler: Die Blaufabrik und ihre ökologischen Folgen für das Lautertal / Odw., in Geschichtsblätter für den Kreis Bergstraße Band 28, 1995

M. Hiller im April 2021 - Fotos M. Hiller