Ein Mühlendorf im Wandel zum Industriestandort

 

Lautern in früheren Zeiten: Fotoausstellung am 3. Oktober

Am 3. Oktober treffen sich Liebhaber alter Fotos von Häusern, Menschen und der Landschaft um Lautern - liebgewordene Ansichten, die es vielleicht so in der Realität gar nicht mehr gibt. Der Gesangverein Sängerlust Lautern möchte solche Ortsansichten und Portraits gerne zeigen. Wer Fotos hat und sie präsentieren möchte, wird gebeten sich mit Edith Götz, Telefon 06254-2648 (ab 18 Uhr), in Verbindung zu setzen. Die Ausstellung unter Organisation des Gesangvereins Sängerlust ist am Samstag 3. Oktober von 14 bis 16 Uhr in der Festhalle Lautern zu sehen. Es besteht die Möglichkeit zu einem zwanglosen Gespräch über die ausgestellten Fotos und ihre Inhalte. Interessenten sind herzlich eingeladen.

Das Dorf Lautern mit derzeit etwa 750 Einwohnern hat seinen Namen vom Bach Lauter, der von der Neunkirchner Höhe nach Westen durch das bei Schönberg sehr enge Tal ins Ried fließt. Ab Bensheim heißt die Lauter Winkelbach und mündet in die Weschnitz. Einstmals zeichnete sich das Bächlein durch sein lauteres Wasser (Bedeutung lauter = rein, germanischer Ursprung, später lutter und lutra) aus.

Der Lorscher Kodex erwähnt im Jahr 766 nur den Bach sowie 772 Bach mit zwei Neurodungen, das gleichnamige Dorf läßt sich erst 1012 vermuten, erstmals erwähnt wird es im Zinsbuch der Kellerei Lindenfels von 1369. Allerdings fand sich in der Lauterner Gemarkung ein steinzeitliches Steinbeil. 1439 wurden neun Huben erwähnt, die später mehrfach zerteilt wurden. Die Dorfstraße stellte für Jahrhunderte die einzige Verbindung zwischen Bensheim und Lindenfels dar, erst mit dem Bau der Bundesstraße 1840 gab es eine gut befahrbare Fernstraße (Chaussee, von frz. chaussure „Schuhe“!!) durch den Odenwald in West-Ost-Richtung. Die ältere Provinzialstraße von Darmstadt nach Michelstadt verlief über Brandau und Gadernheim, und der unbefestigte Karrenweg hinauf nach Gadernheim war bei Fuhrleuten weithin berüchtigt.

Während das Dorf Lautern in den Anfängen bis ins 19. Jahrhundert von der Landwirtschaft lebte, entstand hier um 1850 mit Beginn der Industrialisierung eine Fabrik. Begonnen hat alles mit dem Mühlenwesen entlang der Lauter. Noch heute lassen sich sowohl auf dem ehemaligen Fabrikgelände als auch im Ort leicht die alten Mühlenstandorte erkennen. Die „Ultra“ oder „Blaufabrik“, wie die Fabrik im Volksmund hieß, war als erstes Gebäude im Tal mit Wechselstrom ausgestattet, der von einer ehemaligen Bachmühle erzeugt wurde, lange bevor es Überlandleitungen gab. Wer sich stärker für die alte „Blaufabrik“ interessiert, die das Blaufärben mit preiswertem Ultramarinfarbstoff statt feingemahlenem Lapislazuli ermöglichte, kann im Heimatmuseum in Ga-dernheim Proben vom „Waschblau“ sehen. Der Farbstoff wurde früher vor dem Bleichen der Wäsche beigefügt, damit sie in der Sonne nicht vergilbte (für Klugscheißer: die Wäsche vergilbte natürlich weiterhin, aber die Komplementärfarbe Blau ließ sie optisch reinweiß erscheinen). Mit ein bißchen Glück findet man heute noch auf den Feldwegen Stückchen von Mauerwerk, das mit jenem leuchtenden Blau gestrichen war, als Souvenir... In Lautern gab es die Rauschenmühle, die Weißmühle, die Schallersmühle, die Bormuthsmühle, die Dingeldeysmühle und die Borgersmühle. Ihre Aufgaben als Schäl-, Schrot- und Mahlmühlen für Getreide, zur Granitschleiferei oder auch zur Erzeugung von elektrischem Strom erfüllten sie über eine lange Zeit, bevor es still wurde am Bach. Und stets war der Müller ein bisschen verdächtig, glaubten doch alle er behielte das Beste immer für sich... Wie der Müller vom Reißen geplagt wurde, die Müllersfrau ihr Licht unter den Scheffel stellte und die Mäuse Tag für Tag ein rauschendes Fest feierten, kann man bei meiner Mühlen-führung erahnen. Kommt dann noch ein zünftiges Mühlenpicknick dazu, kann man sich an der Lauter niederlassen um Mahlzeit zu halten. Mahlzeit - das ist die Zeit, die die Bauern warten mußten, bis ihr Getreide gemahlen war. Die Müllerin wird einst einen kräftigen Trunk dazu serviert haben. Bei aller Schwärmerei wäre der Sprung aus der Vergangenheit ins technologische Industrie-zeitalter der nicht möglich gewesen, hätten nicht die Menschen einst entdeckt, wie man den harten Getreidekörnern ihr Lebenselixier entlocken konnte, und hätten nicht die alten Mühlenärzte den Grundstein für den modernen Maschinenbau gelegt. Noch heute zeigt das Logo vieler Maschinenbauer ein Mühlrad. In Lautern entwickelte sich aus den Mühlen am Bach ein blühendes Fabrikgelände, das sich ab der Schließung der Ciba im Jahr 1996 in ein gesundes Gewerbegebiet verwandelte. Die Mühlenführung in Lautern kann für Gruppen bei mir gebucht werden unter Telefon 06254-9403010 oder per Mail an Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. . (Marieta Hiller)