Integration: wann ist man eigentlich wirklich angekommen?

Nach fast vier Jahren Erfahrungen mit Geflüchteten ist es Zeit, ein Resumee zu ziehen: viele kamen, einige mußten wieder gehen (in ihre "sicheren" Herkunftsländer). Manche versackten im Sumpf der Kleinkriminalität, andere gingen freiwillig wieder weil sie mit unserer Gesellschaft nicht zurechtkamen. Ein guter Teil derer, die ich in den vier Jahren kennengelernt habe, hat Arbeit oder Ausbildung, die ersten hatten sogar das Glück noch eine Wohnung zu finden. Sie haben sich geräuschlos in unsere Gesellschaft integriert, inklusive saftiger Sprüche wie "ach du Sch...". Sie passen ihre religiösen Pflichten (wir haben den Fastenmonat Ramadan) den Erfordernissen unserer Arbeitswelt an.

Aber sind sie auch "angekommen"? Aus eigener Erfahrung als "Zugereiste"von vor 41 Jahren kann ich sagen, daß das Gefühl dazuzugehören schwer zu erlangen ist. Es ist ein Unterschied, ob man akzeptiert wird oder ob man sich verwurzelt fühlt. Wurzeln wachsen nicht so leicht nach, nicht in einer und nicht in zwei Generationen.
Der wichtigste Aktivposten beim Ankommen, bei der Integration ist unsere westlich-christliche Gesellschaft. Darüber hat Tanja Schmidt aus Reichenbach ein Buch geschrieben. Die Diplom-Sozialpädagogin und Soziologin beschäftigt sich beruflich mit Menschen mit Migrationshintergrund und engagiert sich ehrenamtlich um asylsuchende Frauen und im Deutschunterricht, auch im Lautertaler Netzwerk Vielfalt e.V.. Hier unterhält sie alle 14 Tage einen Gesprächskreis mit Geflüchteten, in dem neben Deutschüben vor allem wichtige Inhalte besprochen werden....

In ihrem Buch "Begegnungen mit Integration" (Diplomica Verlag 2019, ISBN 978-3-96146-703-7) beginnt sie mit dem Hinweis auf das Grundgesetz, in dem es um die Würde des Menschen und um Chancengleichheit geht.  In Artikel 3 Abs. 3 heißt es hier: „Niemand darf wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“
Dabei verweist Schmidt auf die Tatsache, daß "wir alle nicht von hier kommen. Unsere Famiien sind irgendwann von irgendwoher eingewandert".
Ist die Chancengleichheit nicht gegeben, fördert das die Entstehung von Parallelgesellschaften mit völlig anderer Sozialstruktur, bis hin zum Ghetto.
Deutschland war in der Geschichte immer ein Auswandererland, erst nach dem 2. Weltkrieg wurde es zum Einwandererland, vor allem für Arbeitskräfte. Die erste große Flüchtlingswelle kam in den 70er + 80ern: die boat people aus Vietnam. Alexander Gauland, der heute als AFD-Vorsitzender große Reden gegen Flüchtlinge schwingt, holte damals im Auftrag des Frankfurter Oberbürgermeisters Wallmann Flüchtlinge aus Vietnam in Hongkong ab. Wie konnte die Stimmung in Deutschland so umschwingen? Schmidt führt als Gründe die eigene unsichere Identität an, die zu Feindseligkeit gegen andere führt, die aus ökonomischen, sozialen, kulturellen, politischen oder auch ökologischen Gründen nach Deutschland kommen. Schnell entstehen so aus Zuschreibungen Vorurteile, die zu Stereotypen werden und ideale Sündenböcke liefern. Wir beurteilen Migranten beispielsweise gern als rückständig.

Unterschiedliches Sozialgefüge verstehen

Tatsächlich aber ist das Sozialgefüge beispielsweise der arabischen Welt ganz anders als unseres aufgebaut: nicht der Einzelne sorgt für sich, sondern die Familie, der Clan. Junge Menschen müssen sich fügen, aber es wird auch für sie gesorgt. Das funktioniert in Deutschland nicht, und so sehen wir vor allem ungute Strukturen mit Korruption und Ausnutzung und wundern uns, warum Geflüchtete sich nicht integrieren "wollen". Tanja Schmidt wünscht sich am Schluß ihres informativen Buches mit vielen weiterführenden Literaturhinweisen: "Einer solchen Haltung der Offenheit und Begegnung auf Augenhöhe bedarf es aber gerade im Alltag, um das Fremde zu sehen: damit ich nicht den Migranten sehe, sondern den Menschen."
Wer den Kontakt zu Geflüchteten hält, der sieht beispielsweise, daß drei Eritreer bei der Neuanlage des Rathausplatzes mit der englischen Telefonzelle mitgeholfen haben, daß Geflüchtete aus Syrien, Irak und Eritrea beim Repair Café mithelfen, immer wieder für geleistete Unterstützung eine Gegenleistung anbieten und kein Geld nehmen wollen. Der sieht jedoch auch, in welch menschenunwürdigem Umfeld die meisten wohnen müssen, weil der Wohnungsmarkt leergefegt ist und zusätzlich viele Vermieter pauschal sagen "Flüchtlinge nehmen wir nicht". Augenhöhe und offenes Entgegenkommen einzelnen Menschen gegenüber wäre dringend notwendig in unserer Gesellschaft.

Woher kommt Fremdenhaß und warum ist er in manchen Regionen stärker als in anderen?

Eine gute Frage in diesem Zusammenhang ist auch, warum die Bundesländer der ehemaligen DDR sich so besonders hervortun, wenn es um Fremdenhaß geht.
Dazu hat James Hawes eine interessante These: der Osten Deutschlands, also die Gebiete östlich der Elbe, ist historisch über viele Jahrhunderte ganz anders geprägt worden wie der Westen. Hier Kleinstaaterei, dort große Gebiete mit Siedlern. Östlich der Elbe lebten seit Jahrhunderten Eroberer, die sich Land angeeignet und andere vertrieben haben, die in ständiger Furcht lebten daß ihnen das Gleiche geschehen könnte oder die Vertriebenen sich erheben. Die Verteidigung ihres Bodens war irgendwann in Fleisch und Blut übergegangen. Dann kam Preußen, und im Osten wurden die Junker zu Alleinherrschern mit Untertanen, die nicht aufzumucken wagten. Große "Regierungsgebiete" mit jeweils einem adligen Junker entstanden. Als die DDR entstand, konnten diese Strukturen problemlos in ein Staatsgefüge umgewandelt werden. Untertanendenken und zugleich Fremdenhaß wurden gleich mit integriert. So kommt es, daß Bundesländer, die wesentlich weniger Geflüchtete aufgenommen haben wie etwa Nordrhein-Westfalen und Bayern, dennoch die stärksten Widerstände aufweisen. Hawes belegt zudem einen direkten Zusammenhang zwischen den östlichen Großflächenherrschaften, den Protestantismus ab der Reformation, der nach den Ländereien der Bauernbevölkerung trachtete und beispielsweise der Stimmenanzahl für die Nationalsozialisten 1933 anhand von Landkarten. Die eingezeichneten Verteilungsflächen seien über die Jahrhunderte - seit die Römer den Limes durch Germanien zogen und später die Franken 843 ihre Reiche für Karl und Lothar (das spätere Frankreich und Lothringen) und Ludwig (Gebiet zwischen Rhein und Limes, also "West"-Deutschland) aufteilten - die Verteilung sei stets ähnlich. Um 1200 zogen Deutsche nach Osten und vertrieben die Slaven, später wurde das ostelbische Gebiet zum wichtigen Puffer zwischen den Westmächten und Rußland. Hawes schreibt dazu: "Hätte Rußlands Klientelstaat daraufhin (Ostflucht ab 1950: jährlich 200.000 Menschen zogen von Ost nach West) keine tödliche Barriere gebaut und unterhalten, um die Fluchtwilligen im Land zu halten, hätte es bis 1989 jenseits der Elbe so gut wie keine Deutschen mehr gegeben." 1990 lauteten die Parolen der Montagsdemonstrationen: "kommt die D-Mark bleiben wir, kommt sie nicht gehn wir zu ihr" - der Grund für die Ostflucht war Wirtschaftsflucht. Die Wirtschaft bietet immer einen guten Grund zum Fremdenhaß: bereits die Nationalsozialisten brauchten einen Sündenbock, eine nichtdeutsche Bedrohung der Herrenrasse: die Juden. Denn diese beherrschten die Wirtschaftsmärkte. Als Helmut Kohls "Blühende Landschaften" ausblieben, verließen die Cleveren, vor allem die Frauen, die östlichen Regionen Deutschlands, die "Verlierer" der Gesellschaft blieben zurück. Und schürten den Fremdenhaß auf die, die ihnen vermeintlich die letzten Arbeitsplätze wegnehmen würden. Die Arbeitsplätze waren aber schon lange weg: weggenommen von westdeutschen Wirtschaftsbetrieben, sozusagen abgewickelt. Statt blühender Landschaften spricht Hawes von lebenserhaltenden Maßnahmen für den Osten: die öffentliche Verschuldung der BRD hat sich von 1990 bis 1999 mehr als verdoppelt. 2015 unterzog Angela Merkel das funktionierende deutsche Gemeinwesen - eingebettet in die EU - dem "Elchtest", indem sie mit "wir schaffen das" das Dublin-Abkommen aushebelte. Sie wollte den Druck von Griechenland und Italien nehmen, aber ihre eigenen Leute haben ihr das immer verübelt. So kam die AFD zu hohen Wahlbeteiligungen - vor allem im Osten.
Wann "WIR" endlich ankommen, ist also eine tiefgründige Frage, die voraussetzt, daß wir unsere historischen Wurzeln betrachten und danach einen aktiven Schritt auf die anderen zu machen, bei dem wir jedoch als Wichtigstes im Kopf behalten, daß die anderen anders sind und auch bleiben könnten. Wer ankommt, braucht eine offene Hand, die ihn empfängt. Egal ob er aus Ostdeutschland, aus Syrien, aus Eritrea oder aus Afghanistan kommt. Eins ist nämlich allen Kulturen gemeinsam: auf Herzlichkeit wird Herzlichkeit entgegnet. Eine gute Basis für wahrhaftig gelebte Demokratie, die ihre eigenen Regeln akzeptiert und verkörpert. (Marieta Hiller)

Lesetipp:
Tanja Schmidt, Begegnungen mit Migration - ein Beitrag zur interkulturellen Kommunikation, Hamburg 2019
ISBN 978-3-96146-703-7   Link: Mehr über diese Buch und Autorin

 

James Hawes, die kürzeste Geschichte Deutschlands, Berlin 2017, ISBN 978-3-549-076-40-8

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