Ein Erfahrungsbericht

Aufgrund meines Ellbogenbruchs von Anfang Januar muß ich noch immer zweimal die Woche zu KG / Lymphdrainage. An dieser Stelle ein ganz herzliches Dankeschön an die KG-Praxis Reichel Gadernheim und an die OCU-Praxis Bensheim für die hervorragende Versorgung!

Da ich nicht selbst Auto fahren kann habe ich zunächst versucht, über meine Krankenkasse einen Zuschuß für Fahrdienste zu bekommen. Obwohl mein netter Fahrer laut gesetzlicher Definition ein Verwandter dritten Grades ist, beharrte die Krankenkasse darauf, daß er Verwandter zweiten Grades ist und somit nur aus Zuneigung, nicht aber um sich in seiner Freizeit etwas dazuzuverdienen, für mich fahren darf. Soweit so gut - oder auch nicht. Pluspunkte hat meine Krankenkasse damit nicht gesammelt bei mir, und auf wie auch immer geartete Kulanz meinerseits braucht sie nicht mehr zu hoffen. Beim nächsten Ellbogenbruch könnte ich nämlich eine Haushaltshilfe beantragen, die dann täglich mehrere Stunden für mich sorgt, das wird teuer.

Dann kam die umfassende Kontaktsperre, und ich habe mich auf den ÖPNV verlegt. Mit dem Bus zur KG - sollte ja kein Problem sein...

Die Busfahrer sind hinter einer 2-m-Absperrung relativ geschützt, die vordere Eingangstür am Bus bleibt geschlossen. Das bedeutet aber, daß ich mir keine Fahrkarte kaufen kann.
Ich habe es online versucht, mußte ja sowieso den wegen Corona geänderten Fahrplan nachschauen. Auf dieser Seite https://www.vrn.de/ ist sowohl der Fahrplan als auch die Option "Ticketkauf" zu finden. Wunderbar, dachte ich. Habe mir zwei Einzeltickets (Hin- und Rück gibt es nicht online, auch keine Mehrfahrtenkarte) in den Warenkorb geladen, klappte prima. Dann ging es ans Bezahlen: tja - und da fing das Problem an. Keine Sofortüberweisung, keine Vorauskasse, nur Kreditkarte. Eine stinknormale EC-Karte wurde nicht akzeptiert. Nicht mal das für mich indiskutable PayPal. Hier zeigte sich mal wieder mein persönlicher ökologischer Fußabdruck: wer keine eigene Kreditkarte hat, ist ein armes Würstchen - kauft nur lokal ein, am Ende sogar in ganz unvirtuellen Ladengeschäften. Reist nur innerhalb eines Areals, in dem EC-Karte völlig ausreichend ist. Macht keine dubiosen Onlinegeschäfte, verwendet für zusätzlichen Finanzbedarf nur den von der Sparkasse eingeräumten Kreditrahmen des Girokontos und weiß, daß man mit über 60 sowieso keinen seriösen Kredit mehr bekommen würde. Wozu also bräuchte ich eine Kreditkarte?

Ach so, und dann bot mir VRN auch noch an, die Fahrkarte per Handy-App zu lösen. Man aktiviert sie beim Einsteigen und schaltet sie beim Aussteigen ab, und am Ende des Monats wird etwas abgebucht. Tut mir sehr leid, aber Zahlungsverkehr per Handy ist mir äußerst unsympathisch. Ich bin nicht nur in bezug auf meinen ökologischen Fußabdruck ein armes Würstchen, ich bin auch Smartphoneverweigerer.

Fahrkarte kaufen fiel also flach. Schwarzfahren wollte ich aber auch nicht. Also habe ich der VRN eine Mail geschrieben, wann wohin wie oft und warum ich mit dem Bus fahren wollte. Nach einer automatischen Antwort erhielt ich tatsächlich eine persönlich, von einer VRN-Mitarbeiterin. "Sehr geehrte Frau Hiller, damit können wir leider nichts anfangen. Bitte schildern Sie uns um was und um welche Linie es geht, möglichst detailliert. Mit freundlichen Grüßen etc." Und das obwohl ich sämtliche Details eine halbe Stunde vorher gemailt hatte - hätte die Dame die Mail nach unten gerollt, hätte sie es sofort lesen können und hätte sich diese dämliche Antwort sparen können.

Es dauerte wieder eine Weile, dann erhielt ich von VRN die Weisung, mich an das Busunternehmen zu wenden, das die Fahrt macht, die VGG Reichelsheim, sogar mit zuständiger Mailadresse.

Von dort kam dann das sehr freundliche Angebot, mir eine Mehrtageskarte per Post zu schicken, wenn ich vorab überweise. Die VGG-Mitarbeiterin rief mich sogar an, um sich für die Umstände zu entschuldigen, obwohl die Umstände ja vom VRN-Webmaster nicht der aktuellen Lage angepaßt worden waren. Viele Menschen sind im Augenblick in der mißlichen Lage, schwarz fahren zu müssen, weil es keine Möglichkeit gibt, vor Fahrtantritt eine Fahrkarte zu kaufen. Das ist eine schwache Leistung von VRN.

Die VGG-Mitarbeiterin wollte jedoch nicht, daß ich die Möglichkeit Vorkasse / Mehrfahrtenkarte-Postversand hier an dieser Stelle veröffentliche, da nicht klar ist wie lange ihr Büro noch arbeitet und das Problem auch die anderen Anbieter betrifft, für die VGG nicht eintreten kann. Sie verwies mich nur nochmals auf diese Seite hier: https://www.vrn.de/tickets/ticketkauf/verkaufsstellen/index.html

Hier sieht man zunächst mal die Karte eines riesigen Gebietes, das von Zweibrücken bis Würzburg reicht, aber keine Verkaufsstelle z.B. in Bensheim anzeigt. Man muß dort wo man Bensheim vermutet in die Karte klicken. Dann erfährt man, daß man z.B. in Bensheim im DB-Reisezentrum Fahrkarten kaufen kann. Keine Telefonnummer, keine Mailadresse, die vorab zu einer brauchbaren Antwort führen würde: Darf ich ohne Fahrkarte von Lautern nach Bensheim fahren, um mir dort eine Fahrkarte von Lautern nach Gadernheim und zurück zu kaufen?

Wäre der Anlaß nicht so kritisch, dann hätte ich das Ganze glatt als diesjährigen Aprilscherz vewendet. Aber leider ist es kein Scherz, sondern Ernst. Deshalb nur diese Bitte an alle, die wie ich mit dem Bus fahren müssen: behaltet den Humor und verweist Kontrolleure (falls die denn überhaupt momentan arbeiten) auf diesen Beitrag.

Ich werde es weiterhin so machen: jedes Mal wenn ich mit dem Bus fahre, notiere ich das und überweise am Ende, wenn alles wieder normal funktioniert, den entsprechenden Betrag an VGG. Die Bankverbindung habe ich ja. Und ich werde mich dann sehr darüber freuen, wenn mir VRN, VGG oder wer auch immer genau so viel Vertrauen entgegenbringt wie ich das meinen Kunden gegenüber tue.

27. März 2020, Marieta Hiller