Ihr kennt doch sicher die Köhlerstochter und Räuberbraut Bawweddsche, oder? Sie hat euch viel zu erzählen...

Bawweddsche meint dazu:

Also eins will ich Ihnen ja mal sagen: die Jahreszeiten sind auch nicht mehr das was sie mal waren! Im August gibts Schokonikoläuse, und im September stehen schon die ausgehöhlten Kürbisse vor den Türen...

Früher, als die Menschen noch ohne elektrischen Strom lebten, da wurde es früher dunkel. Jedenfalls kam es uns so vor. Die Häuser duckten sich in der Dämmerung, zogen die Schultern ein. Drinnen hockten die Menschen und gruselten sich, ließens sich aber zugleich auf der warmen Ofenbank gutgehen. Uns Räubern ging es nicht so gut!

Draußen mußten wir hausen, so gut es ging - im Kalten, bei Regen und Schnee!
Aus dem finsteren Wald heraus konnten wir ihre Fenster sehen: warme gelbe Vierecke in den gemütlichen Häuschen; o wie gern hätten wir uns auch auf die Ofenbank gekuschelt...

Doch wie gesagt: sie gruselten sich. Dabei wußten sie nichts von den wirklich gruseligen Umständen des Lebens!

Und wenn es dann am Abend dunkel wurde im Herbst, dann zogen die halbwüchsigen Kinder um die Häuser, mit Riewebouze. Ausgehöhlten Rüben vom Acker, denen sie grausige Gesichter schnitzten. Auf einen langen Stock damit, eine Kerze hinein, und schon konnte es losgehen: an die Fenster wurde geklopft, mit verstellter Stimme gerufen. Doch wie haben wir selbst sie beneidet, sie die im Dunkeln um die Häuser zogen mit ihren Riewebouze. Uns hätte bestimmt nicht gegruselt!

Aber wenn man so mit Räuberaugen betrachtet, was die Menschen heutzutags alles anstellen, um sich zu gruseln, dann kann es einem schon gruselig werden. Und was aus den hübschen Riewebouze geworden ist: auch das ist gruselig...

Na ja, da gab es auch noch die Kelten. Aber das war lange vor unserer Zeit. Allerdings auch lang nach der Zeit jener Kelten, die nicht im Odenwald gelebt haben sondern nur rundherum. Sozusagen der zweite Keltenaufguß: in Irland - dem Land wo sie Knopf und Knopfloch durch Sicherheitsnadeln ersetzt haben (lest nur euren Heinrich Böll, so ihr lesen könnt wie ich! Ich bin nämlich eine gebildete Räuberbraut!) in Irland also war es Brauch, zu All Hallows’ Eve, dem Allerheiligenfest der katholischen Iren in der Nacht vom 31. Oktober zum 1. November, dafür zu sorgen, daß die Geister und Seelen dort blieben wo sie waren: in der Anderswelt. Sie verkleideten sich, zogen schrille Kostüme an und machten ordentlich Krach. Dazu legten sie kleine Gaben vor ihre Türen (wir Räuber hätten uns im Paradies gefühlt...)

Und da unglaublich viele Iren nach Amerika auswanderten, wo dann alle Erinnerungen an die alte Heimat mit Zuckerguß überzogen wurden, bekam auch der All Hallows’ Eve-Brauch als Halloween allmählich ein neues Gesicht. Froh sein kann man ja schon, wenn sie dort die Kürbisse - denn Kürbisse sind an die Stelle der Rüben getreten, die so schwer auszuhöhlen waren - wirklich als echte Früchte zum Aushöhlen nahmen, und das Innere zu einem leckeren Kürbissüppchen kochten! Aber bald verwandelte das Land der unbegrenzten Möglichkeiten auch die Halloween-Kürbisse in häßliche Plastikdinger. Anstelle der Gaben, die die Iren einst auf ihre Schwelle legten, wird heute von umherziehenden Kindern - immerhin ziehen sie wieder! - mit Nachdruck "Süßes oder Saures" gefordert. Doch wehe, es gibt nichts Süßes: dann wird auch schonmal die Hauswand mit rohen Eiern, Farbe oder Schlimmerem verziert. 

Das Rübenschnitzen ist nicht mehr in Mode, doch an manchen Orten lebt es heimlich wieder auf: vor einigen Jahren gab im Odenwald eine Dickwurz-Rettungsaktion. Wie schön leuchtete das Kerzenlicht aus den geschnitzten Fratzen! Glaubt nur nicht, daß wir Räuber euch nicht aus dem finsteren Wald heraus beobachtet hätten!

Der Zwingenberger Geschichtsverein soll ja inzwischen das Dickwurzschnitzen auch wieder aufgenommen haben, aber ob sie das auch in diesem Herbst wieder getan haben, das wissen die Geister. Alle Seelen und auch die Geister schweigen still...

Es grüßt euch aus dem finsteren Wald Euer Bawweddsche, ihres Zeichens Räuberbraut und Köhlerstochter - und des Lesens kundig...

Laßt die Dickwurz nicht sterben!

Die Futterrübe, auch Runkelrübe, Vieh-Mangold oder Dickwurz genannt, macht viel Arbeit und ist deshalb so gut wie ausgestorben. Wer die lustig bis gruseligen “Riewebouze” in seinem Garten anbauen möchte, braucht dazu nur eine kleine Ecke im Garten. Tütchen mit Samen gibt es bisweilen noch im Internet, zum Beispiel bei Dreschflegel als Futterrübe, Erdmangel oder Zuckerwurz. Oder fragt mal bei euch im Dorf die Bauern, manche bauen noch immer Dickwurz an!

Wäre ja gelacht, wenn wir im Odenwald überhaupt keine Dickwurz mehr hätten...

Erinnerungen an mein Elternhaus

von W. Sänger, zu finden unter www.heimatmuseum-waldsolms.de/geschichten

Im Frühling, wenn der Wind die Felder vom Winter abgetrocknet hatte, haben die Bauersleute mit der Aussaat begonnen (Roggen und Weizen wurden im Herbst des Vorjahres gesät). Es wurde Mist und Puddel (Jauche) auf die Felder gefahren, so hat der Bauer die Felder gedüngt - hier wurden Kartoffel und Dickwurz angebaut. Kunstdünger ist nur selten verwendet worden. Es gab eine Dreifelderwirtschaft, das heißt: Hackfrucht (Kartoffel und Dickwurz), Winterfrucht (Roggen o. Weizen) und Sommerfrucht (Hafer oder Gerste).
Eine Menge Nebenarbeiten waren immer wieder zu verrichten, wie z.B. auf den Wiesen die Maulwurfshügel auseinander machen oder auf den Kleeäckern die Steine lesen, von denen es hier in Hasselborn ja recht viele gibt. Bei diesen Arbeiten mussten die Kinder immer mithelfen. Brot backen und waschen waren Arbeiten, die regelmäßig zwischendurch gemacht werden mussten.
Bis alle Frühjahrsarbeiten getan waren, war es Ende Mai. Anfang - Mitte Juni begann die Heuernte.  ... Zwischendurch wurden bei Regenwetter die Dickwurz und das Gemüse auf dem Acker angepflanzt. Die Pflänzchen wurden im Garten vorgezogen. Mit dem Dickwurz und dem Gemüse war es dann umgekehrt wie bei der Heuernte. Hatte die Sonne zwei bis drei Tage auf die frisch gesetzten Pflänzchen gebrannt, dann waren sie ausgetrocknet. Es musste eine Menge ausgesetzt werden, oder man konnte alles noch einmal von vorn machen.
Zuletzt (Ende Oktober) sind Dickwurz und das Gemüse vom Feld geholt worden.

Anbau-Erläuterungen, gefunden auf  

www.dein-bauernhof.de

Für den Anbau von Runkelrüben ist vor allem ein nährstoffreicher Lehmboden mit durchlässigem Untergrund geeignet. Er sollte darüberhinaus auch kalkhaltig und reich an Humus sein, um ein optimales Wachstum zu begünstigen. Schlecht bekommen der Runkelrübe dagegen steinige, schwere Böden sowie trockener Sandboden und nasser Tonboden. Da die Runkerübe sehr tief wurzeln kann, sollte der Boden gut gelockert werden. Am besten baut man Runkelrüben nach Kartoffel oder Wintergetreide an. So kann man den Boden im Herbst gegebenenfalls noch düngen und bearbeiten, falls er nicht ausreichend Nährstoffe enthält.

Die optimale Düngung ist beim Anbau von Runkelrüben unerlässlich, sie benötigen vor allem viel Kali. Darüberhinaus sollte auch an ausreichend Stickstoff, Superphosphat und Stallmist gedacht werden. Ziel ist es, die jungen Pflanzen durch schnellwirkende Düngemittel in ihrem Wachstum zu unterstützen. Wenn die Saat zu dicht steht, sollten einzelne Pflanzen verzogen werden. Die Verdünnung der Saat sollte umgehend erfolgen, damit die übrigen Pflanzen keinen Schaden erleiden. Es können durchaus auch Setzlinge in einem Pflanzenbeet herangezogen werden, welche dann Anfang Juni aufs Feld ausgebracht werden. Wenn man die Setzlinge dann versetzt, müssen zu lange Wurzeln unbedingt gekürzt werden, damit sie später nicht verbogen werden.

Um ein Angießen der Pflanzen zu umgehen, sollten die Runkelrüben am besten bei Regenwetter gepflanzt werden. Die Runkelrüben sollten nach der Aussaat mehrmals behackt werden, gerade am Anfang der Wachstumsphase. Auf dieses Weise unterstützt man die Entwicklung der Pflanzen, zusätzlich sollte man schnellwirkende Düngemittel einsetzen. Die Blätter sollten auf keinen Fall vor der Ernte entfernt werden, da die Pflanze sie zum Wachsen benötigt. Nur verwelkte oder verfärbte Blätter dürfen im Herbst abgepflückt werden. Die Ernte muss auf jeden Fall vor den ersten Frösten erfolgen, da die Pflanzen ansonsten erfrieren würden.
 

 

Dickwurz - Symbol für vergessene Bräuche

Gruselgestalten ziehen durch die Straßen, gräßliche Masken klopfen an Türen, vor denen ausgehöhlte Kürbisse mit Lichtern stehen: es ist Halloween.

Doch das ist eine neue Sitte, „viel zu moderrrrn“, würde der Kohlen-Juke aus der Augsburger Puppenkiste jetzt sagen.

So wie uns der Weihnachtsmann von Coca Cola beschert wurde und oftmals den uralten Nikolaus mit klebrig-süßem Kitsch überzog, genau so kam das Halloween-Treiben aus Amerika zu uns. Die Idee ist alt und hier zuhause, doch was heute mit bloßem Klamauk gefeiert wird, war einst in den ländlichen Gegenden ein wichtiger Anlaß im Dorfleben.

Erntedank war vorüber, die Felder abgeerntet und lagen winterlich kahl. Keller, Töpfe und Fässer waren - hoffentlich - wohlgefüllt, und man saß in der Stube bei Geschichten und Kerzenlicht. Draußen stürmte es durch die frühe Dunkelheit. Und zuweilen blickte ein unheimliches Gesicht durch die Scheiben herein! Riewebouze hießen sie im Odenwald, schrullig-knorzelige Gesichter, die in ausgehöhlte Dickwurz geschnitzt wurden. Charaktergesichter, nicht die faden Kürbisköpfe unserer Zeit, trugen die Dickwurz. Nicht eine war wie die andere gewachsen, und so zeigten auch die geschnitzten Gesichter allerlei seltsame Verzerrungen.

Dickwurz, eine Hackfrucht, deren Anbau sehr viel Mühe macht, gibt es heute fast nicht mehr. Sie gehört zu den Rüben und wird auch Runkelrübe, Raahner, Rangasn, Runkel, Rummel, Rüben-Mangold, Vieh-Mangold, Burgunder-Rübe, Dickrübe genannt. Es gab jedochvor einigen Jahren im Odenwald eine Initiative, die sich um den Erhalt dieser aussterbenden Rübe bemüht: „laßt die Dickwurz nicht sterben“ hieß es, und viele Hobbygärtner machten mit. Sie säten im Frühjahr, hackten und gossen im Sommer, entfernten die untersten Blätter und hegten und pflegten ihre Dickwurz. Große dicke Rüben und kümmerliche Schläuche, bei manch einem auch gar nichts, brauchten die Bemühungen hervor. Im November dann trafen sich die Dickwurz-Gärtner zu einem Schnitznachmittag um aus den mitgebrachten Rüben charaktervolle Riewebouze entstehen zu lassen, die später in der Dunkelheit vielleicht hier und da zum Einsatz kamen...


Novembergedanken...

Schattenhände klopfen gegen die Fenster

„Schattenhände klopfen gegen die Fenster, Wolkenpferde jagen heulend über den Winter...“ so dichtete Werner Bergengruen, als er uralte Sagen und Geschichten aus dem Odenwald in sein „Buch Rodenstein“ faßte. „Hier liegen Schätze vergraben unter der Erde, von feurigen Hunden gehütet; hier springt der Hömann dem verspäteten Waldgänger atempressend auf den Räücken - Schlangen nisten in den Kellern, Kobolde in Vorratskammern, wilde Weibchen in den Gesteinshöhlen; kopflose Männer verrücken des Nachts die Grenzsteine. Aber das tiefste Geheimnis dieses Landes ist die Rodensteinische Wilde Jagd.“

Das Gruseln einstiger Generationen entsteigt diesem Buch und schleicht sich in unsere Herzen, die doch nichts fürchten und das Gruseln verlernt haben. Bergengruen (1892-1964) hat es geschafft, daß in kraftvoller Sprache und lebhaften Bildern die alten Geister auferstehen. Geschichten aus seinem “Buch Rodenstein” (Insel Taschenbuch, ISBN3-458-33493-9) waren zu hören von Marieta Hiller im November 2010 bei einer Fackelwanderung durch den dunklen Wald der Neunkircher Höhe und im Gaststübchen auf dem Kaiserturm.
Das wilde Heer, die wilden weißen Heiden und die wilden weißen Selben, die Knodener Kunst, gespenstische Wiedergänger, verführerische Pilze und  die zwei Frauen des Herrn von Rodenstein wurden lebendig, und im vollbesetzten Gaststübchen konnte man eine Stecknadel fallen hören.

Dialekt - die Vielfalt des gesprochenen Wortes

Märchen leben vom Erzähltwerden. Und auch heute gibt es  sie noch: die Märchenerzähler. Ihnen zu lauschen, entführt in eine Welt fern der alltäglichen, in Räume voller geheimnisvoller Gestalten, in Zeiten die längst vergangen sind. Doch was wäre ein erzähltes Märchen ohne den Erzähler? Die eigenen Worte sind es, die Leben in alte Geschichten zaubern, die Färbung der Sprache jedoch gibt ihnen Heimat.

Doch nicht allein die Färbung ist es, was Heimat ausmacht: von Dorf zu Dorf hört das geschulte Ohr die Unterschiede, kleinste Laute, die den Sprecher doch eindeutig zuordnen.
Dialekt ist nicht die gesprochene Sprache der Tagesschau, nicht die der Lehre in unseren Schulen. Es ist die Sprache der Menschen, und es gibt wohl auf der ganzen Welt niemanden, der nicht ein winziges Stückchen Sprachmelodie von dort wo er lebt, in sich trägt.

Lange Zeit schien es, als stürbe der Dialekt aus, als dürfe nur noch Hochdeutsch gesprochen werden. Nur noch wenige alte Menschen gibt es, die heute wirklich ihren Dialekt sprechen können, die noch all die uralt überlieferten Ausdrücke kennen, die in der Hochsprache verloren gingen. Um diese Wörter, um diese erdverbundene Sprache geht es, wenn wir uns heute fragen, muß es „Bankbao, Benkbao orre Bankbee??!“ heißen, wenn im Odenwald ein Bankbein benannt werden soll. Nur wenige Kilometer, oft nur ein Hügel, liegen zwischen völlig verschiedenen Sprechweisen. Vorgestellt werden uns diese aussterbenden Wörter von einem, der sich auskennt: Dr. P. W. Sattler.