Lokalpolitik trifft Unternehmen: Gespräch zum Fachkräftemangel bei Firma Reichenbacher Apparatebau

Im Juni trafen sich Vertreter von Neue Wege Bergstraße, Arbeitsagentur und Politiker beim Reichenbacher Fachbetrieb für Feinblechverarbeitung. Schon Tradition hat hier die Vorreiterrolle in bezug auf Ökologie und Arbeitsplatzgestaltung: es gibt E-Tankstelle und Energierückgewinnung der Maschinen. Regenwassernutzung und Dämmung der Räumlichkeiten gehören dazu.

Fachkräfte fehlen überall, seit der Trend zum Studium statt zur Ausbildung in einem Handwerk geht. Daher wurden von Neue Wege (JobCenter) und ArbeitsAgentur Programme für Langzeitarbeitslose aufgelegt, in denen Arbeitgeber gute Förderung erhalten. Im Kreis Bergstraße liegt die Arbeitslosenquote wie in ganz Deutschland derzeit extrem niedrig. Woher sollen Arbeitgeber qualifizierte Beschäftigte nehmen? Bürgermeister Heun, selbst in dieser Frage fachlich versiert, merkt an, daß zwei Dinge Kommune und Wirtschaft belasten: erstens die Bürokratisierung und zweitens der Fachkräftemangel. Der Mittelstand stelle das Rückgrat der Wirtschaft dar: 99,5% aller Unternehmen bis zu 500 sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer gehören dazu.

2018 nahm die Gemeinde Lautertal 400.000,- Euro Gewerbesteuer von einer Vielzahl Betrieben ein, soviel wie früher allein die Ciba Geigy zahlte, so Heun. Der Standort Lautertal sei „gar nicht so schlecht“ - es gebe gut ausgebildete qualifizierte Menschen, gute Einkaufs- und Betreuungsmöglichkeiten, kurze Wege, das Rhein-Main-Gebiet liege vor der Tür.

Fritz Strößinger vom Neue Wege Arbeitgeberservice erläuterte, der Trend sei gut, auch mit Geflüchteten: sie seien sehr motiviert und bereit zu niederschwelligen Jobs, das JobCenter Bergstraße bringe 50-80 Geflüchtete pro Monat in Arbeit. Nach dem seit Januar geltenden Teilhabechancengesetz können Lohnkostenzuschüsse übernommen werden, etwa bei Sprachdefiziten oder um Berufsfremde einzuarbeiten. Markus Waschk von der ArbeitsAgentur merkte an, daß die Technologieentwicklung im Betrieb sehr schnell vonstatten gehe, daher sei eine Qualifizierung für Langzeitarbeitslose erforderlich. In Hessen bestehe ein Engpaß ausschließlich auf dem Pflegesektor. Eine Förderung z.B. für Führerschein oder Sprachkurs kann gewährt werden für alle, die insgesamt 3 Jahre arbeitstätig waren. Wichtig ist: Antragstellung vor Leistung. Es gebe eine niedrige Ausfallquote bei Umschulungen im Betrieb: verkürzte Ausbildung, Einzelzulassung für den Betrieb, Material für Lehrgang sowie Fahrtkosten werden ersetzt, Ausfallzeit wird anteilig übernommen. So können insgesamt bis zu 33.000,- Euro übernommen werden, um Geringqualifizierte auf Facharbeiterstatus zu bringen. M. Hiller