Man dachte über eine steuerfreie Risikoausgleichsrücklage nach: in guten Jahren könnten Landwirte so Rücklagen bilden, die nicht versteuert werden müssen. In Neuseeland, Australien und Kanada ist dies schon länger Praxis. Beschlossen hat die Bundesregierung vor zwei Jahren jedoch die Gewinnglättungsregelung, derzufolge Verluste und Gewinne über mehrere Jahre verrechnet und zusätzlich bei Bedarf durch individuelle Steuerermäßigung gestützt werden können. Allerdings steht die EU-Zustimmung noch aus, so daß diese Regelung für den Dürresommer noch nicht greift.

Was kann das Verlustrisiko durch Extremwetterereignisse verringern?

  • Erweiterte Fruchtfolgen
  • Anbau von Sorten mit unterschiedlichen Reifetypen
  • Aussaat zu verschiedenen Zeitpunkten
  • Bodenverbesserung

Ernteausfälle der Vergangenheit

1847 gab es im Großherzogtum Hessen eine schwere Mißernte: Feldfrüchte reiften nicht aus oder verfaulten, die Menschen hungerten. Pfarrersfrau Karolina Vaupel aus Lindenfels sammelte im Auftrag der „Verwaltung der Menschenfreunde“ in Darmstadt von den Bürgermeistern die Namen der am schlimmsten Notleidenden ein. In Schannenbach waren dies vier kinderreiche Familien, für die der Schannenbacher Bürgermeister Rettig drei Gulden erhielt. Ein Gulden war etwas mehr als ein Zimmermanns-Tageslohn, man konnte dafür ein Kilo Rindfleisch kaufen. Die großherzogliche Regierung teilte dem Ort im April 1847 zwölf Malter (1 Malter = ca. 100-120 Liter) Korn zu, von dem Brot für die Bevölkerung gebacken werden konnte. Es fehlte nicht nur an Kartoffeln zum Essen, sondern auch an Setzkartoffeln für das kommende Jahr. Daher wurden 34 Malter Setzkartoffeln (= 81 Zentner, du liebes Bißchen, was ist ein Zentner? Hundert Pfund, also waren es 4050 Kilogramm) zu 153 Gulden als Darlehen zu 5% Zinsen gekauft. Zwischen 60 und 600 Pfund Setzkartoffeln erhielt jede Familie. Die „Kartoffelschuld“ - es hatte ja niemand Geld dafür - mußte nach mehreren Pfändungsversuchen durch das Kreisamt „niedergeschlagen“, sprich erlassen werden.Eine weitere schwere Mißernte gab es 1852-53. Denn mit Einführung der Kartoffel kam auch die Krautfäule, die ab 1830 ganze Jahresernten vernichtete.Verwandte, die nach Ohio in Amerika ausgewandert waren, schickten Geld in die alte Heimat, um ihre Familien zu unterstützen. Interessant ist, was man dort für Boden, Gerät und Vieh zahlte, siehe Lesetipp im Infokasten S. 7.Das Folgende kommt Ihnen sicher aus der Gegenwart recht bekannt vor: 1893 - anhaltend trockene Witterung, nur ein Drittel Futter konnte geerntet werden, das Vieh mußte verfrüht geschlachtet werden, die Fleischpreise lagen am Boden. Auch der Getreide- und der Kartoffelpreis lag auf Niedrigstniveau, während Futter für das Vieh enorm teuer gehandelt wurde. (Quelle: Hermann Bauer, Schannenbach - ein Dorf im Odenwald, 1997).

Von der Agrargesellschaft zur Industriegesellschaft

Ein wichtiger Klimawandel fand im Mittelalter statt: während die Menschen lernten, wie landwirtschaftliche Erträge durch Arbeit und Know how gesteigert werden konnten, förderte das gute Wetter die Entwiclung enorm. Verbesserte Pflüge, erweiterte Fruchtfolgen - all dies führte dazu daß mehr Menschen ernährt werden konnten, so daß sich die Bevölkerung vom 9. bis zum 14. Jahrhundert verdreifachte.Um 1750 stellte der Hofarzt Dr. Ludwig Gottfried Klein fest, daß die Odenwälder von einem guten Acker (Fruchtwechsel! Nach 3-4 Jahren gedeihen Kartoffeln nicht mehr auf dem gleichen Boden) das Zwanzigfache an Ernte erhalten. Klein gibt als Beginn des Kartoffelanbaues 1700 an, zudem gab es ihm zufolge Korn, Heidekorn (Buchweizen), Hafer, Spelz (Dinkel), Gerste, Erbsen und Linsen. Weizen war noch selten. Ferner wurden weiße und gelbe Steckrüben, Hirse, Bohnen, Säubohnen, Saathanf und Saatflachs, Krauser Mohn (Magsamen) angebaut. (Quelle: Dr. Ludwig Gottfried Klein, statt des Confekts fressen sie eine gute Portion Kartoffeln, 1754)In Gadernheim gab es um das Jahr 1751 gut 200 Hektar Ackerland, 128 Hektar Wald, 70 Hektar Weideland. Bebaut waren 10 Hektar und 44 Hektar waren sogenannte Irr, was Erde bedeutet und für offene aber ungenutzte Flächen steht. 1975 waren es in Gadernheim nur noch 53 Hektar Ackerland, aber 150 Hektar Weide und 189 Hektar Wald. Kaum jemand wollte sich mehr die Mühe des Ackerns machen, ehemalige Äcker wurden zu Wiesen oder verbuschten und wurden zu Wald - im Neunkircher Wald sieht man noch die früheren Feldraine mit den aufgehäuften Lesesteinen. Die Bebauung war 1975 auf 62 Hektar angewachsen.Um 1850 war noch über die Hälfte der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig.Im Kaiserslautern der Fürstenzeit (18. und 19. Jahrhundert) entstand die kameralwissenschaftliche Hochschule für Kammerbeamte, die - zum Zweck der Geldvermehrung für die fürstliche Kammer - ausbildete zur Förderung der landwirtschaftlichen Bevölkerung (85 % aller Untertanen). Zur Wissensförderung und Entwicklung von Agrartechniken wurden zwei Professoren von Kaiserslautern als Konsistorialräte nach König (Schönberg) und Michelstadt (Fürstenau) entsandt. So gelangte Agrarwissen in den Odenwald. Dies war durchaus sinnvoll, denn der hintere Odenwald bietet mit seinen Buntsandsteinböden die gleichen Bedingungen wie die Gegend um Kaiserslautern. Die Bodengüte liegt mit 35 im unteren Drittel der Werteskala: 100 bezeichnet fruchtbaren Löß, 0 dagegen Sandboden. Die Wetterau als Speisekammer der Großstadt Frankfurt liegt bei 85. Die Buntsandstein-Bodengüte von 35 stellt zugleich die Untergrenze dar, nach der laut Morgenthauplan Landwirtschaft überhaupt empfohlen werden kann.Im Nachkriegs-Deutschland entfielen 1950 vom Bruttosozialprodukt (143,4 Mrd D-Mark) 9,1% auf die Landwirtschaft. Dieser Anteil sank bis 1972 auf 3,7%. Die Zahl der landwirtschaftlich Erwerbstätigen schmolz viel stärker ein als die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe. Die verbleibenden Betriebe wuchsen auf doppelte Größe an, aber 1972 lagen 272.000 Hektar brach, weil sie niemand bewirtschaftete.

Weniger Pestizide, mehr robuste alte Sorten, mehr Blühpflanzen = mehr Bodenqualität, mehr Insekten, mehr Vögel

In einer insektenfreundlichen Gemeinde leben gesündere Menschen. Deshalb betrachtet es die Gruppe Dorf im Wandel als erstrebenswert, alles für eine intakte Insektenwelt zu tun. Wer jetzt denkt, daß er Wespen, Schnaken und Zecken nicht braucht, der sollte sich einmal eine blühende Wiese anschauen. Doch es werden - von Haus- und Gartenbesitzern, in der Landwirtschaft, in der Weide- und Forstwirtschaft unzählige Mittel eingesetzt, deren Langzeitwirkung auf das Ökosystem nicht oder unzureichend erforscht ist. Wird eines davon verboten, zieht die Pharmaindustrie dafür drei neue aus der Schublade. Pestizide, Herbizide und auf Effizienz statt auf Robustheit ausgelegte Pflanzenneuzüchtungen prägen unsere Böden, und alle - ob Zünsler oder Fruchtfliege, ob Schmusetiger oder Couchwolf (Katz und Hund) - und auch wir selbst nehmen diese Stoffe Tag für Tag auf.

Lesen dazu auch unsere Jahresaktion "insektenfreundliche Gemeinde" 2019!

Interessante Links:- Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL): Extreme Wetterereignisse in der Land- und Forstwirtschaft – Was bringt die Zukunft, was ist zu tun?

https://www.bmel.de/DE/Landwirtschaft/Nachhaltige-Landnutzung/Klimawandel/_Texte/InternationaleKonferenzLandwi-als-Klimafaktor.html-

BMEL: Erntebericht https://www.bmel.de/DE/Landwirtschaft/Nachhaltige-Landnutzung/Klimawandel/_Texte/FAQ-Erntebericht-Hilfen-Extremwetter.html-

Deutscher Wetterdienst (DWD): Deutscher Klimaatlas https://www.dwd.de/DE/Home/home_node.html-

Eine Anmerkung wert: nach dem Samburu-Sprichwort gibt man 20% für ziviles Engagement (= der Freund in Not) aus. In Deutschland zeigen laut GEO-Statistik 50% der Menschen die Bereitschaft sich zu engagieren, tatsächlich tun es 33 %.- Lesetipp: Wir ziehen nach Amerika - Briefe Odenwälder Auswanderer aus den Jahren 1830-1833, zusammengestellt von Marie-Louise Seidenfaden und Ulrich Kirschnick, 1988. ISBN 3-923366-03-5

Eine andere Welt...

Am 21. September 1944, also ein halbes Jahr vor Kriegsende in Deutschland, kam ein eigenartiges US-Papier versehentlich ans Licht: der Morgenthauplan. Der damalige US-Finanzminister Henry Morgenthau wollte aus Deutschland einen reinen Agrarstaat machen. Gebietsabtretungen, staatliche Zerstückelung und Rückverwandlung aller Industrieanlagen zu Ackerfläche sollte den internationalen Friedensstörer Deutschland auf immer die Mittel nehmen, einen neuen Krieg zu führen. Dabei nahm Morgenthau den Hungertod vieler Millionen Deutscher in Kauf. Das war unangenehm für die USA, und bald traten wieder die Ideen der Atlantik-Charta in den Vordergrund, nach der Sieger und Besiegte gleichermaßen zu wirtschaftlichem Wohlstand berechtigt sind.

Lesetipp: Morbus Kitahara, Christoph Ransmayr, Frankfurt 1995, ISBN 3-10-062908-6.

Und wie es wirklich kam

Morgenthau vergaß einen wichtigen Aspekt: ein reines Bauerndeutschland hätte keine umfänglichen Reparationszahlungen leisten können. Und man brauchte ein leistungsfähiges Bollwerk gegen den Ostblock. Schnell war Morgenthaus Idee vom Tisch, stattdessen kam der Marshallplan. Von 1948-1952 stellten die USA für bedürftigen Staaten der Organisation für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit (OEEC) insgesamt 13,12 Milliarden Dollar (= heute rund 131 Milliarden Dollar) zur Verfügung. Der Ostblock verweigerte sich, doch in Westeuropa löste die Finanzhilfe den Nachkriegsboom aus, zudem stützte sie den Beginn der europäischen Gemeinschaft.

Die industriellen Revolutionen

Sie betreffen auch die Landwirtschaft. Im Laufe der letzten zweihundert Jahre änderten sich die Strukturen in Gesellschaft und Wirtschaft ständig. Wird die Dezentralisierung vieler gesellschaftlicher Bereiche sich auch in die Landwirtschaft fortsetzen? Mehr zu den großen industriellen Revolutionen im Überblick

Marieta Hiller, im Oktober 2018