Was in den Schlachtfabriken vor sich geht, will der Verbraucher nicht sehen, wie Benjamin Konietzny feststellt. Das sei wenig verwunderlich, schließlich liege das Elend dort fast allein in seiner Verantwortung.
Lesen Sie den ganzen Kommentar von Benjamin Konietzny auf https://www.n-tv.de/autoren/Benjamin-Konietzny-article14586521.html und schalten Sie Ihr Gehirn ein...

Der Mensch ist was er ißt - und bekommt die entsprechende Quittung: durchbrechen Sie asoziale Lieferketten

Der Ursprung von Covid 19 war eine Zoonose: eine Virusinfektion, die der Mensch sich beim Tier eingefangen hat. Ob Gürteltier oder Fledermaus: manche Fleischarten wie bushmeat muß man nicht unbedingt essen. Und wer auf Tierwohl achtet und zugleich soziale Aspekte beachtet, der hilft Zustände vermeiden wie sie mit Masseninfektionen in großen Schlachthöfen herrschen. Benjamin  Konietzny bringt es auf den Punkt: "Elend in der Fleischindustrie Sie finden das schlimm? Essen Sie es nicht!" So einfach könnte das sein!
Der Verbraucher verursacht das Elend in den Schlachtfabriken für Tiere UND für die meist rumänischen Arbeiter, als "Selbständige" von einem Sub-Sub-Subunternehmer geheuert. Vermutlich können sie weder für ihre Rente noch für den Krankheitsfall Vorsorge treffen. Seltsamerweise hört man aus anderen Ländern kaum über solche Massen-Erkrankungen.

Unabhängige Zeitschriften wie GEO, NATUR, Stiftung Warentest und das sogenannte "Kukident-Fernsehen" (die dritten Programme, Arte, 3Sat, BR alpha) - sie richten sich mit ausführlich und nach allen Richtungen recherchierten Reportagen an ihr Zielpublikum. Meist ältere Menschen, daher der Spottname Kukident-Fernsehen.

Und hier liegt schon das Hauptproblem: wer sich für diese Reportagen interessiert, der tut sowieso schon viel für Umwelt, Tierwohl und soziale Gerechtigkeit.
Wer sich eigentlich dafür interessieren sollte, weil er alles falsch macht, der schaut sich sowas gar nicht an.
Interessant ist auch die Tatsache, daß ein Mangel an Interesse ausgerechnet für Umwelt, Tierwohl, Soziales, Politik mit Rassismus und Populismus sowie Bildung zur Ausbreitung von Pandemien wie Covid 19 beitragen.

Die Zoonose, durch die Covid 19 erstmals auf den Menschen übertragen wurde, hätte vermieden werden können, wenn:

  • in Wuhan kein bushmeat (= Wildfleisch, oft auch geschützte Arten aus dem Urwald) verzehrt würde
  • die chinesische Regierung verantwortungsvoll und zeitnah informiert hätte
  • sich international ein neuer Umgang mit Nutztieren, Fleischverzehr und menschlicher Gesundheit durchsetzen würde: Stichwort one health.

One-Health-Ansatz bei G20:

Das One-Health-Konzept sieht vor, daß u.a. Antibiotika-Resistenzen und Infektion mit unbekannten Erregern vermieden werden können, wenn sich Human- und Veterinär­medizin und Umwelt­experten zusammentun und ihre Erkennt­nisse teilen.

Die Zusammenarbeit der Public-Health- und der Veterinär-Public-Health-Institute wird fortgesetzt und erweitert - lesen Sie die gemeinsame Pressemitteilung des Bundesinstituts für Risikobewertung, des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, des Friedrich-Loeffler-Instituts und des Robert Koch-Instituts.
Einen en gemeinsamen Leitfaden zur Bekämpfung von Zoonosen mittels eines sogenannten One-Health-Ansatzes hat die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) zusammen mit der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und der Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) vorgestellt: https://www.aerzteblatt.de/archiv/206634/One-Health-Ansatz-WHO-stellt-Leitfaden-zur-Bekaempfung-von-Zoonosen-vor

One Health auch im sozialen Bereich von Vorteil:

wird Tierwohl mit guten sozialen Arbeitsbedingungen gekoppelt, kann sich unsere gesamte Gesellschaft besser aufstellen, ohne daß es allzuviel mehr kostet. Es würde jedoch wenig helfen, wenn man jetzt der CDU das "christlich" im Namen mit Bibelzitaten zu Mitgefühl um die Ohren schlagen würde, ebensowenig wie man der SPD das "sozial" im Namen vorwerfen könnte oder der Arbeiterwohlfahrt, warum die Organisation überhaupt diesen verlogenen Namen trägt, die sich auf dem Rücken ihrer unzähligen ehrenamtlichen Basismitarbeiter die Taschen füllt. Es würde nichts helfen. Denn die Politik kämpft meist nur um ihr eigenes Profil. Machtgerangel und ermüdende Formdiskussionen ändern keine Sachverhalte, zumal die Politik ja nur für die nächsten vier fünf Jahre denkt und handelt.

Ändern kann das nur EINER: der Verbraucher.

Die großen Supermarktketten haben Umsatzmaximierung im Blick: Stiftung Warentest (Heft Juli 2020) bewertete von 15 Schweinenackensteak-Anbietern (darunter auch vier Bioanbieter), dabei erhielten keiner für soziale Verantwortlichkeit (CSR - corporate social responsibility) ein Sehr gut. Auch für die Fleischqualität erhielt insgesamt höchstens ein Gut. Edeka hatte seine Lieferkette nicht transparent gemacht (sprich keine Informationen rausgerückt) und wurde daher für CSR mit Mangelhaft bewertet (ebenso Tochter Netto). Eigentlich hätten die Ketten große Marktmacht, nutzen sie aber nicht. Statt dessen handeln sie große Mengen für wenig Geld. Ihre Preispolitik stützt daher Massentierhaltung und unerträgliche Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen und Verarbeitungsbetrieben.
Der Verbraucher "belohnt" sich unbewußt durch den Kauf preisgünstiger Artikel, das geht Ihnen vielleicht auch oft so: hat man ein Schnäppchen ergattert, trägt man es stolz nach Hause. Dort erst kommt vielleicht das Nachdenken, ob man sich nicht besser für "Sozial und Bio" entschieden hätte. Das ist ein Teufelskreis, der nur durch konsequentes Nachdenken im Vorhinein durchbrochen werden kann.

Ab 1. Januar 2021 dürfen in Schlachtbetrieben nur noch eigene Arbeitnehmer für Schlachtung und Verarbeitung einsetzen. Die Branche beginnt bereits sich zu wehren.
Bereits 2013 rüttelte die Dokumentation "Personaleingang" von Manuela Frésil (Arte, leider nicht mehr in der Mediathek) auf über unmenschliche und unwürdige Arbeitsbedingungen.
Auch wer Biofleisch bei Supermarktketten kauft, kann nicht sicher sein, ob die Schweine von der Weide bis zum Tod im Schlachthof ein würdiges Leben hatten, denn Großschlachtereien verwursten die einen wie die anderen.

Warum durchbrechen wir nicht die Lieferkette?

Stellen Sie sich mal vor: Sie besuchen "Ihr" Schwein beim Biobauern, schauen sich an wie es lebt. Mehr Platz, Zugang zur Weide oder zumindest zu Frischluft.

  • Wußten Sie daß Schweine in Freilufthaltung oder Offenstall ihr Klo festlegen und die übrige Fläche sauberhalten? Daß sie nicht stinken? Daß sie sich nicht gegenseitig die Ringelschwänze abbeißen?
  • Wußten Sie daß es Metzger gibt, die zur Schlachtung zum Bauern kommen? Die Schlachttiere haben keinen Streß, was sich sehr positiv auf Fleischgeschmack und Konsistenz auswirkt.
  • Wußten Sie daß Sie Ihr Schwein direkt beim Bauern kaufen können? Natürlich müssen Sie dann alles abnehmen: Fettes, Sehniges, Innereien, Füße... Aber haben Sie schonmal einen richtig saftigen Schwartemagen gegessen? Da ist das alles drin - und es schmeckt köstlich!
  • Sie brauchen dafür einen Tiefkühlschrank oder Einmachgläser. Und Sie müssen für ein Jahr vorplanen. Wieviel Fleisch benötigen Sie?*
  • Dafür können Sie mit Ihrem Landwirt einen "Vertrag" vereinbaren: Ihr Schwein wird anständig behandelt und bekommt keine unnötigen Medikamente, dafür verpflichten Sie sich zur Abnahme. Was in der Solawi mit Gemüse und Salat schon längst gut funktioniert, kann auch mit Fleisch klappen.
  • Wenn Sie sich zudem noch informieren, wo und wie Ihr Schwein geschlachtet wird und hier klar Ihre Meinung sagen, können Sie noch mehr bewegen. Dann geht es nicht nur Ihrem Schwein gut, sondern auch den Schlachthof-Mitarbeitern.

So hätten Sie den Handelsketten ein Schnippchen geschlagen! Wer nur seinen Profit im Sinn hat, engagiert sich halt nicht gleichzeitig für gute Arbeitsbedingungen und Tierwohl.

*Empfohlen ist insgesamt die Menge von ca. nicht mehr als 300 bis 600 Gramm Fleisch und Wurst pro Woche (Quelle: Verbraucherzentrale), also 15-30kg pro Jahr. Verzehrt werden pro Jahr im Schnitt 44 kg - ein halbes Schwein. Dazu zählen alle Fleischsorten inklusive Wurstwaren.
Nach Prognose der Heinrich-Böll-Stiftung, Herausgeberin des „Fleischatlas“, verbraucht ein Deutscher in seinem Leben im Schnitt zwischen 635 und 715 Tiere.

Weiderindhaltung, mobile Schlachtbox auf der Weide, Ende der Ohrmarkenpflicht

Kühe, die ganzjährig in einer Herde auf der Weide gehalten werden, entwickeln sich innerhalb weniger Jahrzehnte wieder zu robusten gesunden und lebhaften Tieren mit Interesse an ihrer Umgebung und vielleicht sogar dem Hang zu Übermut und Frohsinn. Das hat ein erzwungenes Experiment auf dem Uria-Hof (Motto: Uria – Es ist Zeit für glückliche Tiere!) gezeigt: in knapp 40 Jahren wurden aus stumpfsinnigen krankheitsanfälligen Tieren wieder richtige Rinder. Hier verstößt man oft und gerne gegen EU-Bestimmungen: die Uria-Rinder tragen keine Ohrmarken, sondern injizierte Mikrochips, die sich wie bei Hund und Katz auslesen lassen und so eine eindeutige Zuordnung des Tieres erlauben. Den Schlachthof sehen die Uria-Rinder nicht: sie werden auf der Weide erschossen und an Ort und Stelle in der mobilen Schlachtbox ausgeblutet. Ein Metzger zerlegt die Tiere, der Verkauf erfolgt im Hofladen und über regionale Bioläden. Aufgrund der renitenten Haltung zu Ohrmarken und Schlachtart erhält Familie Maier vom Uria-Hof auf der Schwäbischen Alb keine EU-Förderungen mehr. Stattdessen hat sich ein Verein gegründet, der die Familie mit Spenden unterstützt. Auch das ist ein alternativer Weg für Landwirte, die endlich aussteigen wollen aus der für Mensch und tier unzumutbaren Fleischindustrie.

Interessant ist: ein Landwirt hat ca. 3300 Euro Bruttoeinkommen monatlich. Das Fleisch wie es auf dem Uria-Hof erzeugt wird, ist hochpreisig, aber nicht teuer sondern "preiswert" im wahren Wortsinn: ein Kilo rinderhack kostet 24,50 Euro. Ein reeller Preis, den wir alle zahlen müßten, wenn wir das Elend mit unzumutbaren Zuständen in der Fleischindustrie für Mensch und Tier ernsthaft nicht wollen. Quelle: Natur Heft 06 / 2020

Mal nachgerechnet: würden wir alle unseren Fleischkonsum - nur für Rindfleisch gerechnet - auf 15 kg pro Jahr, also 300g pro Woche reduzieren, würde der höhere Preis unser Durchschnittsbudget sogar entlasten: statt 1 kg Qual-Rindfleisch für etwa 10 Euro benötigen wir für 300g Rinderhack zum reellen Preis 7,50 Euro. Nun fängt niemand an wegen 300g Hack ein Essen zuzubereiten. Wenn wir aber statt jede Woche 300g einmal im Monat aus 1,2 kg Rinderhack (= knapp 30 Euro) leckere Frikadellen, Hackbraten oder Bolognese kochen und genießen, beginnt es Sinn zu machen*.

Übrigens: die Ohrmarkenpflicht (eine EU-Verordnung, um die Herkunft und die Lieferkette von Schlachtvieh zurückverfolgen zu können) entfällt am 21. April 2021 für Unternehmen geschlossener Betriebe, also Landwirtschaftsbetriebe, wo das Rind von der Geburt bis zur Schlachtung innerhalb des Betriebes bleibt und erst als Hackfleisch den Betrieb verläßt.

In Hessen werden nun erstmals Rinder mit Hilfe eines Schlachtanhängers ohne Lebendtiertransport geschlachtet: https://www.wir-sind-tierarzt.de/2019/02/mobile-weideschlachtung-der-schlachter-kommt-zum-rind/
Die EU-Hygieneverordnung schreibt vor, daß “alle Tiere lebend in einen EU-zugelassenen Schlachthof verbracht werden” müssen. Eine Lockerung gibt es seit 2011 für Rinder, die ganzjährig im Freien gehalten werden. Gerade Biobauern wünschen sich, daß die Weideschlachtung endlich zugelassen wird. Amtstierärztin Dr. Veronika Ibrahim (Wetteraukreis) engagiert sich dafür, daß die Weideschlachtung allgemein erlaubt wird: "Die Schlachttiere sind ruhig und auch die Herde wird durch den Schuss kaum aus der Ruhe gebracht.” Aber: innerhalb einer Stunde muß das geschossene Rind ausgeschlachtet werden. Metzgereien und Schlachthöfe sind meist zu weit. Auf https://www.wir-sind-tierarzt.de/2016/07/weideschlachtung/ finden Sie alle gültigen EU-Bestimmungen zu Tierschutzrecht und Lebensmittelrecht.

Lesen Sie dazu auch:

Im September lesen Sie hier und im Heft Interviews mit ortsansässigen Metzgern und einen Bericht über den Schlachthof Brensbach.

Marieta Hiller, im Juni 2020

Nachtrag: Anfang Juli entschied der Bundesrat, daß in deutschen Schweineställen Kastenstände nach einer Übergangsfrist zukünftig fast überall verboten sind. 

Campact schreibt dazu am 3. Juli: "Wir mussten ziemlich hartnäckig sein, um unser Ziel zu erreichen. Denn um den Kastenstand neu zu regeln, machte Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) zunächst einen ziemlich dreisten Vorschlag: Sie wollte die engen Eisengitter noch 17 weitere Jahre unverändert erlauben. Tierquälerei pur – deshalb starteten wir mit der Organisation foodwatch einen Appell, den innerhalb weniger Tage mehrere Hunderttausend Menschen unterschrieben haben – ein Protest, der sich nicht ignorieren ließ."

Aber es ist weiteres Engagement aller Verbraucher notwendig, damit Kastenstände im Abferkelbereich ebenfalls früher als in 17 Jahren abgeschafft werden müssen und daß Schweine so gehalten werden müssen, daß sie sich im Liegen frei ausstrecken können ohne andere zu berühren.